Cape Canaveral Als die Amerikaner ihr Tor ins All aufstießen
Die deutschen V2-"Vergeltungswaffen" waren der Anfang: Vor 60 Jahren startete die erste Rakete auf Cape Canaveral – das Weltraumzeitalter hatte begonnen.
© Nasa

Eine neue Ära beginnt: Eine Bumper-V2 ist die erste Rakete, die vom amerikanischen Weltraumbahnhof auf Cape Canveral startet
Am 29. Mai 1947 rast eine Rakete über El Paso in Texas hinweg und stürzt in Juarez in Mexiko ab. Sie kracht in einen Friedhof – kein Lebender nimmt Schaden. Die amerikanischen Streitkräfte haben die Rakete abgefeuert; ein Probeschuss auf dem Testgelände in White Sands, New Mexico, ist statt in nördliche Richtung nach Mexiko gegangen. Washington muss sich beim Nachbarland entschuldigen und Schadenersatz zahlen. Der Vorfall zeigt dem US-Militär drastisch: White Sands liegt zu nahe an besiedelten Gegenden, um Raketen dort zu testen. Mehr als 300 Eisenbahnwaggons voller Bauteile der "Vergeltungswaffe 2" haben die Amerikaner als Kriegsbeute hierher gebracht, jener V2-Rakete, mit denen die deutsche Luftwaffe Tod und Zerstörung nach London trug. Ein alternatives Testgelände muss gefunden werden.
Schon seit Oktober 1946 sucht ein "Committee on the Long Range Proving Ground" (Komitee für ein Langstrecken-Testgelände) Ersatz für White Sands. Es prüft Orte im Norden des Bundesstaates Washington mit Schussrichtung Alaska, in El Centro, Kalifornien, mit Schussrichtung über die mexikanische Halbinsel Baja California – und den Marineflughafen Banana River Naval Air Station auf Cape Canaveral, einer Insel vor der Küste Floridas.
In Washington erweist sich das Wetter als zu wechselhaft, gegen El Centro erhebt Mexiko nach dem Juarez-Zwischenfall Einspruch. Cape Canaveral dagegen ist dünn besiedelt, aber gut erreichbar, das Wetter ist meist stabil, weder Ballungsräume noch wichtige Schifffahrtswege liegen in der Schusslinie. Und es gibt als provisorisches Hauptquartier die Marinebasis aus dem Zweiten Weltkrieg, die seit 1947 nicht mehr in Betrieb ist. Einen weiteren Vorteil erkennen die Militärexperten erst später: Cape Canaveral ist (für amerikanische Verhältnisse) nahe am Äquator; Weltraumraketen, die von hier abgeschossen werden, können die Fliehkraft der Erde, die am Äquator am stärksten ist, als zusätzlichen Antrieb nutzen.
Am 11. Mai 1949 unterschreibt Präsident Harry S. Truman ein Gesetz, mit dem das Raketentestgelände eingerichtet wird. Die Regierung besitzt bereits Land auf Cape Canaveral, darunter neben der Marinebasis das Gelände des Leuchtturms und einige Stationen der Küstenwache. Den Rest der Insel kauft Washington dazu.
Im Frühjahr 1950 beginnt der Bau der ersten vier Abschussrampen, Launch Pad 1 bis 4. Schon für Juli werden erste Starts von Bumper-Raketen angesetzt. Diese Geschosse sind der Versuch, eine zweistufige Rakete zu entwickeln. Sie bestehen aus einer V2 als erster Stufe und einer WAC Corporal, einer in den USA entwickelten Höhenforschungsrakete.
Von sechs Testflügen mit Bumper-Raketen in White Sands ist nur ein einziger gelungen – weshalb die eigentlich zu Ehren des Women’s Army Corps vergebene Bezeichnung WAC Corporal als Kürzel für "without any control", ohne jede Kontrolle, verspottet wird. Bumper 7 und 8 sollen zu Testzwecken auf einer fast horizontalen Bahn durch die Atmosphäre bleiben und daher rund 320 Kilometer weit fliegen; das ist zu weit für einen Test in White Sands.
- Von Cape Canaveral zu Cape Kennedy und zurück
Nach der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1963 schlug seine Witwe Jacqueline vor, die Raketenbasis Cape Canaveral zu Ehren Kennedys umzutaufen. Der neue Präsident Lyndon B. Johnson benannte gleich die ganze Insel in Cape Kennedy um – gegen den Widerstand der Einheimischen. 1973 gab der Staat Florida der Insel den mehr als 400 Jahre zuvor vom spanischen Entdecker Ponce de Leon vergebenen alten Namen zurück; Familie Kennedy äußerte Verständnis. Das Kennedy Space Center, benannt nach dem Präsidenten, der das Mondlandeprogramm ins Leben gerufen hatte, behielt seinen Namen.
Launch Pad 3 wird zuerst fertig, es liegt auf trockenerem Grund als die drei anderen Abschussrampen. Die Raketen stehen auf einer Beton-Plattform und werden von einem fahrbaren Gerüst aus gewartet, das Militärtechniker aus Teilen eines Malergerüsts zusammengeschraubt haben. Der größte Teil des Armeepersonals lebt in Zelten, geplagt von Hitze, Moskitos und Klapperschlangen.
Der erste Raketenstart wird für den 19. Juli 1950 angesetzt. Doch Bumper 7 zündet fehl, und so gebührt Bumper 8 die Ehre, am 24. Juli 1950 den späteren Weltraumflughafen Cape Canaveral zu eröffnen. Bumper 7 startet fünf Tage später.
Beide Raketen kommen wegen ihrer fast waagerechten Bahn nicht höher als gut 16 Kilometer – V2-Raketen in White Sands haben regelmäßig Höhen von 150 Kilometern und mehr erreicht, das ist schon tiefster Weltraum, der nach Definition der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa bei 80 Kilometern beginnt. Doch Bumper 7 fliegt mit der höchsten Geschwindigkeit, die ein von Menschen hergestelltes Objekt bis dahin je erreicht hat. Und vor allem zeigen die Tests, dass mehrstufige Raketen, mit flüssigem Treibstoff befüllt, funktionieren. Das Raketenzeitalter hat begonnen.
In Cape Canaveral starten 1959 die ersten Interkontinentalraketen vom Typ Titan, das Nasa-Programm Mercury bringt von hier aus 1962
John Glenn
als ersten US-Amerikaner ins All. Eine immer längere Reihe von Abschussrampen säumt die Küste. Seit 1958 greift sie auf die zwischen Cape Canaveral und dem Festland gelegene Nachbarinsel Merritt Island über,
das Kennedy Space Center der Nasa
entsteht. Dort starten die Mondraketen
der Apollo-Mission
und
noch bis 2011 Space Shuttles
.
Auf Cape Canaveral selbst, das von der Air Force betrieben wird, sind heute nur noch vier Abschussrampen in Betrieb, Delta- und Atlas- sowie Wetterraketen starten hier. Und am 4. Juni hob von Cape Canaveral die erste Falcon 9 ab,
eine teilweise wiederverwendbare Rakete der privaten Weltraumfirma SpaceX
– nur wenige Kilometer von jenem Launch Pad 3, auf dem heute noch die Spuren der Bumper-Abschüsse zu sehen sind.
- Datum 22.07.2010 - 15:34 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







... immer so zwanghaft in Anführungszeichen gesetzt werden muss. Dass zuvor schon der größte Teil der deutschen Wohngebiete in Schutt und Asche lag, ist ja eine Tatsache. Von nach London getragenem "Tod und Zerstörung" zu sprechen ist auch etwas übertrieben, wenn man weiß, dass kaum eine getroffen hat und sich auch so die Schäden vergleichsweise in Grenzen gehalten haben.
... war Alan Shepard!
Glenn hatte als erster US-Amerikaner die Erde umrundet...
@ Kommentator2010: Äh, ja, aber den Krieg angefangen hat nochmal wer? Ach stimmt, die Polen, die Deutschen haben ja nur "zurückgeschossen". Im Ernst: "Vergeltung" ist in jedem Krieg ein fragwürdiger Terminus, weil er rechtfertigen soll, was immer nur innerhalb einer militärischen, also mörderischen Logik zu rechtfertigen ist. Finden Sie nicht?
@ J. Schiffmann: Sie haben Recht. Alan Shepard erreichte 1961 auf einer ballistischen Flugbahn 187 Kilometer Höhe, war also im Weltall. Aus heutiger Sicht vergisst man so einen "Hopser" halt leicht, der gerade mal eine Viertelstunde dauerte (aber damals selbstverständlich eine beachtliche Leistung darstellte).
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren