Es geht hoch her in der redaktionsinternen Heftkritik beim Stern am 6. Mai 1983. Gerade ist die zweite Ausgabe mit Auszügen aus Adolf Hitlers Tagebüchern erschienen. Dazu Fotos von Hitler, der Kinderwangen tätschelt, von Rudolf Heß in Piloten-Pose, von Goebbels und Göring recht freundlich. Kritik wollen die Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt nicht hören. Wer an den Tagebüchern zweifle, "befindet sich beim falschen Blatt", sagt Schmidt.

Nur Stunden später melden Nachrichtenagenturen, dass Bundesarchiv und Bundeskriminalamt die Tagebücher als plumpe Fälschungen enttarnt haben: mit Nachkriegstinte auf Nachkriegspapier geschrieben, mit Polyesterfäden gebunden, die es erst seit den fünfziger Jahren gibt, die Inhalte lustlos aus Geschichtsbüchern abgeschrieben.

Die Schmierenkomödie beginnt in den siebziger Jahren. Stern -Reporter Gerd Heidemann gilt als gewiefter Rechercheur, aber er ist, wie das Hamburger Landgericht ihm 1985 bescheinigt, "vom Thema Nationalsozialismus besessen". Er kauft für viel Geld die Yacht des Reichsfeldmarschalls Hermann Göring , Carin II .

Heidemann lädt SS-Veteranen auf das Schiff ein, plant ein Buch, Bordgespräche . Der Stern zahlt einen Vorschuss, doch Heidemann wächst die Yacht über den Kopf. Er will das Boot verkaufen oder wenigstens ein paar Göring-Devotionalien versilbern. Dabei gerät er 1980 an einen Sammler, der ihm angebliche Seiten aus einem Tagebuch Hitlers vorlegt.

Der Reporter findet heraus, woher sie kommen: von Konrad Fischer, der in Stuttgart NS-Souvenirs verkauft. Die Polizei kennt den Mann, der in Wirklichkeit Kujau heißt, seit Jahren, unter anderem wegen Urkundenfälschung. Kujau alias Fischer erzählt Heidemann, kurz vor Kriegsende sei bei Börnersdorf im Erzgebirge ein Flugzeug abgestürzt, in dem Hitlers Tagebücher lagen. Sein Bruder, ein DDR-General, besitze sie; er könne sie in den Westen holen.

Heidemann recherchiert: Es gab den Absturz. Das reicht ihm. Der Reporter treibt sich wohl schon zu lange unter NS-Faszinierten herum. Der Stern , so stellt er es später dar, habe ihn geradezu aufgehetzt zu Recherchen unter Altnazis. Besonders der Leiter des neu gegründeten Ressorts für Zeitgeschichte, Thomas Walde, habe ihn ermutigt.

Chefredakteur Koch dagegen verbietet Heidemann zeitweise, "sich weiter mit Hitler-Scheiße zu beschäftigen". So zitiert ihn zumindest Michael Seufert , den Herausgeber Henri Nannen später mit der Aufarbeitung des Skandals beauftragt. Und Heidemann und Walde gehen mit den Hitler-Tagebüchern an der Chefredaktion vorbei direkt zur Leitung des Verlages Gruner+Jahr. Sie soll das Geld lockermachen, um die Werke zu kaufen