Die Hitler-Tagebücher Von der Sensation zum Alptraum
Vor 25 Jahren wurden Konrad Kujau und Gerd Heidemann verurteilt. Sie hatten gefälschte Hitler-Tagebücher verkauft. Der "Stern" war nicht ganz unschuldig an der Komödie.
© Cornelia Gus/dpa

Der Reporter Gerd Heidemann (rechts) mit den vermeintlichen Dokumenten
Es geht hoch her in der redaktionsinternen Heftkritik beim Stern am 6. Mai 1983. Gerade ist die zweite Ausgabe mit Auszügen aus Adolf Hitlers Tagebüchern erschienen. Dazu Fotos von Hitler, der Kinderwangen tätschelt, von Rudolf Heß in Piloten-Pose, von Goebbels und Göring recht freundlich. Kritik wollen die Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt nicht hören. Wer an den Tagebüchern zweifle, "befindet sich beim falschen Blatt", sagt Schmidt.
Nur Stunden später melden Nachrichtenagenturen, dass Bundesarchiv und Bundeskriminalamt die Tagebücher als plumpe Fälschungen enttarnt haben: mit Nachkriegstinte auf Nachkriegspapier geschrieben, mit Polyesterfäden gebunden, die es erst seit den fünfziger Jahren gibt, die Inhalte lustlos aus Geschichtsbüchern abgeschrieben.
- Der Fälscher
Konrad Kujau, 1938 in Löbau geboren, zeichnet schon als Schüler für Sächsische Zeitung, Junge Welt und Eulenspiegel. Er schreibt sich an der Kunstakademie Dresden ein, geht aber 1957 in den Westen. Als seine Gebäudereinigungsfirma 1973 Pleite geht, handelt er mit meist gefälschten NS-Devotionalien. Nach drei Jahren Haft wegen der Tagebuch-Affäre wird er aufgrund einer Kehlkopfkrebs-Erkrankung entlassen. Bis zu seinem Tod 2000 nutzt er seinen Ruhm unter anderem, indem er "echte Fälschungen" von Gemälden verkauft.
- Reporter
Gerd Heidemann, 1931 in Altona geboren, ist gelernter Fotograf. 1955 wird er freier Mitarbeiter beim Stern, 1960 angestellt. Er berichtet von 13 Kriegsschauplätzen im Nahen Osten und in Afrika, bekommt den World Press Photo Award. 2002 enttarnte der Spiegel Stasi-Kontakte des Reporters aus den 50er Jahren – nach eigenen Angaben handelte Heidemann im Auftrag des westdeutschen Verfassungsschutzes. Er lebt heute in Altona, Medienberichten zufolge ist er auf Hartz IV angewiesen.
- Schiff
Die Automobilindustrie schenkt Hermann Göring 1937 die 28-Meter-Motoryacht Carin II, um ihm Rüstungsaufträge zu entlocken. Damit die Bestechung nicht so auffällt, wird das Schiff auf Görings zweite Ehefrau Emmy zugelassen. Die britische Armee beschlagnahmt das Schiff und schenkt es Prinzessin Elizabeth. 1960 klagt sich Emmy Göring das Schiff von der Queen zurück. Sie verkauft die Carin II einem Druckereibesitzer, der wird sie 1972 für 160 000 Mark an Heidemann los. Nach der Tagebuch-Pleite ersteigert eine US-Amerikanerin das Schiff.
- Chefredakteur I
Felix Schmidt, Jahrgang 1934, hat viele Karrierestationen hinter sich: Redakteur und Ressortleiter beim Spiegel, Fernsehdirektor des Südwestfunks, Chefredakteur der Welt am Sonntag und des Stern. Nach seinem Rücktritt wegen des Tagebuch-Debakels wird er Chef der Hamburger Morgenpost, wechselt aber bald zur Hörzu. Seit 2001 hat er zusammen mit Thomas Schröder, einst Chefredakteur des FAZ-Magazins, die TV-Produktionsfirma FTS Media.
- Chefredakteur II
Peter Koch, Bonner Korrespondent für Süddeutsche Zeitung, Spiegel und dann Stern, kommt über die Leitung der Ressorts Politik und Sonderthemen als dritter neben Schmidt und dem vor allem für die Optik zuständigen Rolf Gillhausen in die Stern-Chefredaktion. Nach Tagebuch-Pleite und Rücktritt schreibt er Bücher, entwickelt für den Springer-Verlag Auto-Bild und die kurzlebige Illustrierte Ja. Koch stirbt 1989 an Krebs.
Die Schmierenkomödie beginnt in den siebziger Jahren. Stern -Reporter Gerd Heidemann gilt als gewiefter Rechercheur, aber er ist, wie das Hamburger Landgericht ihm 1985 bescheinigt, "vom Thema Nationalsozialismus besessen". Er kauft für viel Geld die Yacht des Reichsfeldmarschalls Hermann Göring , Carin II .
Heidemann lädt SS-Veteranen auf das Schiff ein, plant ein Buch, Bordgespräche . Der Stern zahlt einen Vorschuss, doch Heidemann wächst die Yacht über den Kopf. Er will das Boot verkaufen oder wenigstens ein paar Göring-Devotionalien versilbern. Dabei gerät er 1980 an einen Sammler, der ihm angebliche Seiten aus einem Tagebuch Hitlers vorlegt.
Der Reporter findet heraus, woher sie kommen: von Konrad Fischer, der in Stuttgart NS-Souvenirs verkauft. Die Polizei kennt den Mann, der in Wirklichkeit Kujau heißt, seit Jahren, unter anderem wegen Urkundenfälschung. Kujau alias Fischer erzählt Heidemann, kurz vor Kriegsende sei bei Börnersdorf im Erzgebirge ein Flugzeug abgestürzt, in dem Hitlers Tagebücher lagen. Sein Bruder, ein DDR-General, besitze sie; er könne sie in den Westen holen.
Heidemann recherchiert: Es gab den Absturz. Das reicht ihm. Der Reporter treibt sich wohl schon zu lange unter NS-Faszinierten herum. Der Stern , so stellt er es später dar, habe ihn geradezu aufgehetzt zu Recherchen unter Altnazis. Besonders der Leiter des neu gegründeten Ressorts für Zeitgeschichte, Thomas Walde, habe ihn ermutigt.
Chefredakteur Koch dagegen verbietet Heidemann zeitweise, "sich weiter mit Hitler-Scheiße zu beschäftigen". So zitiert ihn zumindest Michael Seufert , den Herausgeber Henri Nannen später mit der Aufarbeitung des Skandals beauftragt. Und Heidemann und Walde gehen mit den Hitler-Tagebüchern an der Chefredaktion vorbei direkt zur Leitung des Verlages Gruner+Jahr. Sie soll das Geld lockermachen, um die Werke zu kaufen
Im Deutschlandfunk schildert Kujau die Verhandlungen mit Heidemann später so: "Spontan sagte er plötzlich, ich biete Ihnen zwei Millionen abzüglich zehn Prozent Vermittlungsprovision, also 1,8 Millionen, wenn Sie mir die Hitlertagebücher liefern. Und so lieferte ich im Zeitraum von zwei Jahren und drei Monaten 62 Kladden." Der Verlag bezahlt insgesamt 9,34 Millionen Mark. Ihr Verbleib wird nie geklärt.
Gruner+Jahr zieht Gutachter heran. Sie brauchen Schriftproben Hitlers aus den vierziger Jahren zum Vergleich. Heidemann besorgt sie von Kujau – genauso gefälscht wie die Tagebücher. Kujau im Deutschlandfunk : "Heidemann rief mich an und sagte, wir haben ein Gutachten, die Tagebücher sind echt. Und ich sagte mir, 'bist du denn der Scheiß-Hitler?'"
- Der Redakteur
Thomas Walde, Jahrgang 1941, Politologe, hat 1970 über Nachrichtendienste promoviert und ist Geheimdienst-Experte beim Stern. Er wird Chef vom Dienst, leitet die Nachrichtenredaktion und übernimmt im Januar 1980 das neu geschaffene Ressort "Zeitgeschichte". Nach der Tagebuch-Panne, an der er maßgeblichen Anteil hat, verlässt er den Stern, wird Chef vom Dienst und später Programmdirektor beim Privatsender Radio Hamburg. Inzwischen ist er Rentner.
- Der Verleger
Gerd Schulte-Hillen fängt 1969 als Assistent der Geschäftsleitung bei der Mohndruck des Bertelsmann-Verlages an und wird 1973 Chef der Druckerei von Gruner+Jahr in Itzehoe, als Bertelsmann die Mehrheit am G+J-Verlag übernimmt. 1981 wird Schulte-Hillen Vorstandschef von G+J. Nach der Tagebuch-Pleite bietet er seinen Rücktritt an, Bertelsmann-Besitzer Reinhard Mohn lehnt ab. Schulte-Hillen verlässt 2003 den Konzern. Seit 2007 arbeitet er als Berater.
- Herausgeber
Der 1913 geborene Kunsthistoriker Henri Nannen kommt über das Fachblatt Die Kunst und den Rundfunk zum Journalismus. In der Wehrmacht dient er als Kriegsberichtserstatter. Nach dem Krieg gründet Nannen die Hannoverschen Neuesten Nachrichten und 1948 die Illustrierte Stern, deren Anteile er 1951 unter anderem an den Druckereibesitzer Richard Gruner und Die Zeit verkauft. Er bleibt bis 1980 Chefredakteur, bis 1983 Herausgeber. Nannen stirbt 1996.
- Aufklärer
Michael Seufert, Jahrgang 1943, beginnt seine Laufbahn bei den Bremer Nachrichten. Von 1970 bis 1997 arbeitet er beim Stern, zunächst als Korrespondent in Berlin und Düsseldorf. Er ist Chef des Deutschland-Ressorts, als die Tagebuch-Fälschung auffliegt. Nannen beauftragt ihn mit der Aufarbeitung. Vor Gericht belastet er Heidemann, der ihm später mangelnde Fairness vorwirft. 1990 wird Seufert stellvertretender Chefredakteur. Heute lebt er als Schriftsteller und freier Journalist in Hamburg.
- Blatt
Die erste Ausgabe des Stern vom 1. August 1948 hat 16 Seiten und die junge Hildegard Knef auf dem Titel. Von Anfang an mischen sich politische Texte zwischen Serien wie "Deutschland deine Sternchen. Der linksliberale Stern ergreift Partei für Willy Brandts Ostpolitik, die revoltierenden Studenten und ein Recht auf Abtreibung. Vom Reinfall mit den Tagebüchern erholt sich das einst auflagenstärkste Magazin Deutschlands mühsam, liegt heute mit knapp 900.000 Exemplaren hinter dem Spiegel.
NS-Experten sagen, es gebe keinen Beleg, dass Hitler je Tagebuch geschrieben habe. Auch Warnungen eines SS-Veteranen, dem Heidemann Auszüge vorliest, schlagen die Redakteure in den Wind. Dass Kujau falsche Initialen auf die Umschläge geprägt, in der Frakturschrift A und F verwechselt hat: Sie wischen den Einwand weg. FH statt AH – Führerhauptquartier? Führer Hitler?
Als die Chefredakteure und Herausgeber Nannen von der Sache erfahren, hat der Verlag Walde und Heidemann vertraglich völlige Freiheit im Umgang mit den Tagebüchern eingeräumt. Koch äußert Zweifel, doch weitere Gutachten räumen sie aus dem Weg. Am 25. April 1983 titelt der Stern : "Hitlers Tagebücher entdeckt".
Koch und Nannen wähnen sich als Helden der Pressefreiheit: "Der Streit um die Echtheit der Hitlertagebücher war vorauszusehen. Nicht vorauszusehen waren die unsachlichen Verdächtigungen, die Kübel von Unrat, über die Stern -Redaktion geschüttet von Besserwissern, Neidern, Konkurrenten und politischen Hassern", schreibt Nannen.
Nach der zweiten Nummer mit Tagebuch-Texten fliegt die Fälschung auf. Am Tag danach treten Koch und Schmidt zurück. Heidemann wird fristlos gekündigt. Auch Walde geht. Seuferts Rechercheteam enttarnt Fischer als Kujau. Sein Bruder Heinz, der "General", entpuppt sich als Gepäckträger bei der DDR-Reichsbahn.
Am 8. Juli 1985 wird Konrad Kujau vom Landgericht Hamburg wegen Betruges in Tateinheit mit Urkundenfälschung zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. "Ein erhebliches Mitverschulden" von Verlag und Redaktion gilt als strafmildernd. Nach seiner vorzeitigen Entlassung macht er aus dem Skandal ein Geschäft und verkauft bis zu seinem Tod Bilder "im Stile von..." , die er mit seiner Unterschrift als "echte Fälschungen" vermarktet. Heidemann muss wegen Betruges für vier Jahre und acht Monate hinter Gitter: Das Gericht hält für erwiesen, dass er mindestens 4,39 Millionen Mark Verlagsgeld für sich abgezweigt hat. Er bestreitet es bis heute.
- Datum 08.07.2010 - 09:25 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ist schon bitter, wie sich in regelmäßigen zeitabständen immer wieder über das Versagen des STERN lustig gemacht wird. Verdientermaßen, muss man sagen, aber manchmal komme ich nicht umhin, das über Jahrzehnte hinweg immer wieder praktizierte Fingerzeigen und "Ätschbätsch!" für ein wenig kindisch zu halten.
Ich gebe Ihnen (42317) vollkommen recht. Im Grunde lohnt es sich für eine Zeitung wie der Zeit überhaupt nicht über den Stern zu schreiben. Über die Bunte oder die Gala schreiben sie ja auch nicht.
Dies ist kein Bericht über den Stern sondern über einen Betrugsfall, der sich vor 25 Jahren ereignet und die ganze Nation bewegt hat. Die Kritik, daß sich ein großes Nachrichtenmagazin dermaßen leichtfertig aus Sensationsgeilheit betrügen gelassen hat, gehört dann ja wohl dazu. Die Sache hat dem Stern schwer zugesetzt und sein Image nachhaltig geschädigt. Früher habe ich den Stern ganz gerne gelesen, aber mittlerweile bewegt er sich fast auf dem Niveau von Bunte oder Gala, ob das auch eine Folge des Skandals ist?
Dies ist kein Bericht über den Stern sondern über einen Betrugsfall, der sich vor 25 Jahren ereignet und die ganze Nation bewegt hat. Die Kritik, daß sich ein großes Nachrichtenmagazin dermaßen leichtfertig aus Sensationsgeilheit betrügen gelassen hat, gehört dann ja wohl dazu. Die Sache hat dem Stern schwer zugesetzt und sein Image nachhaltig geschädigt. Früher habe ich den Stern ganz gerne gelesen, aber mittlerweile bewegt er sich fast auf dem Niveau von Bunte oder Gala, ob das auch eine Folge des Skandals ist?
Man nehme doch nur als weiteres Beispiel Hitlers angebliches "Zweites Buch" und sehe sich die Geschichte der Überlieferung und "Entdeckung" durch Gerhard Weinberg im Jahr 1958 kurz mal an.
"Die Wiederentdeckung des zu Lebzeiten Hitlers unveröffentlichten (und ohne Titel verbliebenen) Buches erfolgte 1958 in den in die USA verbrachten Nazi-Archiven durch den in Deutschland geborenen jüdischen amerikanischen Historiker Gerhard Weinberg. Da er in den USA keinen Verlag finden konnte, wandte sich Weinberg an seinen Mentor Hans Rothfels und dessen Mitarbeiter Martin Broszat am Institut für Zeitgeschichte in München, die das Buch 1961 veröffentlichten. Der über die Entdeckung seines Zöglings hoch erfreute Rothfels trug das Vorwort bei."
http://de.wikipedia.org/w...
Da lachen doch die Hühner!
Dies ist kein Bericht über den Stern sondern über einen Betrugsfall, der sich vor 25 Jahren ereignet und die ganze Nation bewegt hat. Die Kritik, daß sich ein großes Nachrichtenmagazin dermaßen leichtfertig aus Sensationsgeilheit betrügen gelassen hat, gehört dann ja wohl dazu. Die Sache hat dem Stern schwer zugesetzt und sein Image nachhaltig geschädigt. Früher habe ich den Stern ganz gerne gelesen, aber mittlerweile bewegt er sich fast auf dem Niveau von Bunte oder Gala, ob das auch eine Folge des Skandals ist?
Die wenigen zitierten Beispiele, die ich im Internet gelesen habe, offenbaren eine skurrile Komik des Herrn Kujau. Angeblich sollen die Bände im Archiv des STERN lagern. Liebe ZEIT-Redaktion, wenn Sie das nächste Mal mit den Kollegen des STERN ein Bier trinken gehen, bitte überreden Sie diese doch, diese Werke, wenigstens in Auswahl, zu veröffentlichen. Nach so langer Zeit dürfte es doch kaum einen Imageschaden geben, etwa wegen des Wieder-Aufkochens des Skandals. Im Gegenteil - heute könnte man doch gelassen darüber lachen.
Im Übrigen ist es ja Teil der Geschichte der Bundesrepublik (und ja auch ein wenig der DDR; was war eigentlich damals mit dem armen Reichsbahn-Kofferträger geschehen? Für die Stasi muss das doch eigentlich eine große Nummer gewesen sein.)
Egal, ich finde es gut, dass die Sache im Gedächtnis bleibt und der Film "Schtonk" gehört meiner Meinung nach zu einer der besten Gesellschaftssatiren der deutschen Filmgeschichte.
Beste Grüße
Ritter Runkel
Ich finde, der Stern macht sich. Ganz im Gegenteil zu anderen Blättern. Die machen sich wohl irgendwie auch
selbst kaput.
dass ich seit 25 Jahren keinen Stern mehr gekauft habe.
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