Die Hitler-Tagebücher Von der Sensation zum Alptraum
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Koch und Nannen wähnen sich als Helden der Pressefreiheit

Im Deutschlandfunk schildert Kujau die Verhandlungen mit Heidemann später so: "Spontan sagte er plötzlich, ich biete Ihnen zwei Millionen abzüglich zehn Prozent Vermittlungsprovision, also 1,8 Millionen, wenn Sie mir die Hitlertagebücher liefern. Und so lieferte ich im Zeitraum von zwei Jahren und drei Monaten 62 Kladden." Der Verlag bezahlt insgesamt 9,34 Millionen Mark. Ihr Verbleib wird nie geklärt.

Gruner+Jahr zieht Gutachter heran. Sie brauchen Schriftproben Hitlers aus den vierziger Jahren zum Vergleich. Heidemann besorgt sie von Kujau – genauso gefälscht wie die Tagebücher. Kujau im Deutschlandfunk : "Heidemann rief mich an und sagte, wir haben ein Gutachten, die Tagebücher sind echt. Und ich sagte mir, 'bist du denn der Scheiß-Hitler?'"

Der Redakteur

Thomas Walde, Jahrgang 1941, Politologe, hat 1970 über Nachrichtendienste promoviert und ist Geheimdienst-Experte beim Stern. Er wird Chef vom Dienst, leitet die Nachrichtenredaktion und übernimmt im Januar 1980 das neu geschaffene Ressort "Zeitgeschichte". Nach der Tagebuch-Panne, an der er maßgeblichen Anteil hat, verlässt er den Stern, wird Chef vom Dienst und später Programmdirektor beim Privatsender Radio Hamburg. Inzwischen ist er Rentner.

Der Verleger

Gerd Schulte-Hillen fängt 1969 als Assistent der Geschäftsleitung bei der Mohndruck des Bertelsmann-Verlages an und wird 1973 Chef der Druckerei von Gruner+Jahr in Itzehoe, als Bertelsmann die Mehrheit am G+J-Verlag übernimmt. 1981 wird Schulte-Hillen Vorstandschef von G+J. Nach der Tagebuch-Pleite bietet er seinen Rücktritt an, Bertelsmann-Besitzer Reinhard Mohn lehnt ab. Schulte-Hillen verlässt 2003 den Konzern. Seit 2007 arbeitet er als Berater.

Herausgeber

Der 1913 geborene Kunsthistoriker Henri Nannen kommt über das Fachblatt Die Kunst und den Rundfunk zum Journalismus. In der Wehrmacht dient er als Kriegsberichtserstatter. Nach dem Krieg gründet Nannen die Hannoverschen Neuesten Nachrichten und 1948 die Illustrierte Stern, deren Anteile er 1951 unter anderem an den Druckereibesitzer Richard Gruner und Die Zeit verkauft. Er bleibt bis 1980 Chefredakteur, bis 1983 Herausgeber. Nannen stirbt 1996.

Aufklärer

Michael Seufert, Jahrgang 1943, beginnt seine Laufbahn bei den Bremer Nachrichten. Von 1970 bis 1997 arbeitet er beim Stern, zunächst als Korrespondent in Berlin und Düsseldorf. Er ist Chef des Deutschland-Ressorts, als die Tagebuch-Fälschung auffliegt. Nannen beauftragt ihn mit der Aufarbeitung. Vor Gericht belastet er Heidemann, der ihm später mangelnde Fairness vorwirft. 1990 wird Seufert stellvertretender Chefredakteur. Heute lebt er als Schriftsteller und freier Journalist in Hamburg.

Blatt

Die erste Ausgabe des Stern vom 1. August 1948 hat 16 Seiten und die junge Hildegard Knef auf dem Titel. Von Anfang an mischen sich politische Texte zwischen Serien wie "Deutschland deine Sternchen. Der linksliberale Stern ergreift Partei für Willy Brandts Ostpolitik, die revoltierenden Studenten und ein Recht auf Abtreibung. Vom Reinfall mit den Tagebüchern erholt sich das einst auflagenstärkste Magazin Deutschlands mühsam, liegt heute mit knapp 900.000 Exemplaren hinter dem Spiegel.

NS-Experten sagen, es gebe keinen Beleg, dass Hitler je Tagebuch geschrieben habe. Auch Warnungen eines SS-Veteranen, dem Heidemann Auszüge vorliest, schlagen die Redakteure in den Wind. Dass Kujau falsche Initialen auf die Umschläge geprägt, in der Frakturschrift A und F verwechselt hat: Sie wischen den Einwand weg. FH statt AH – Führerhauptquartier? Führer Hitler?

Als die Chefredakteure und Herausgeber Nannen von der Sache erfahren, hat der Verlag Walde und Heidemann vertraglich völlige Freiheit im Umgang mit den Tagebüchern eingeräumt. Koch äußert Zweifel, doch weitere Gutachten räumen sie aus dem Weg. Am 25. April 1983 titelt der Stern : "Hitlers Tagebücher entdeckt".

Koch und Nannen wähnen sich als Helden der Pressefreiheit: "Der Streit um die Echtheit der Hitlertagebücher war vorauszusehen. Nicht vorauszusehen waren die unsachlichen Verdächtigungen, die Kübel von Unrat, über die Stern -Redaktion geschüttet von Besserwissern, Neidern, Konkurrenten und politischen Hassern", schreibt Nannen.

Nach der zweiten Nummer mit Tagebuch-Texten fliegt die Fälschung auf. Am Tag danach treten Koch und Schmidt zurück. Heidemann wird fristlos gekündigt. Auch Walde geht. Seuferts Rechercheteam enttarnt Fischer als Kujau. Sein Bruder Heinz, der "General", entpuppt sich als Gepäckträger bei der DDR-Reichsbahn.

Am 8. Juli 1985 wird Konrad Kujau vom Landgericht Hamburg wegen Betruges in Tateinheit mit Urkundenfälschung zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. "Ein erhebliches Mitverschulden" von Verlag und Redaktion gilt als strafmildernd. Nach seiner vorzeitigen Entlassung macht er aus dem Skandal ein Geschäft und verkauft bis zu seinem Tod Bilder "im Stile von..." , die er mit seiner Unterschrift als "echte Fälschungen" vermarktet. Heidemann muss wegen Betruges für vier Jahre und acht Monate hinter Gitter: Das Gericht hält für erwiesen, dass er mindestens 4,39 Millionen Mark Verlagsgeld für sich abgezweigt hat. Er bestreitet es bis heute.

 
Leser-Kommentare
    • 42317
    • 08.07.2010 um 10:53 Uhr

    Ist schon bitter, wie sich in regelmäßigen zeitabständen immer wieder über das Versagen des STERN lustig gemacht wird. Verdientermaßen, muss man sagen, aber manchmal komme ich nicht umhin, das über Jahrzehnte hinweg immer wieder praktizierte Fingerzeigen und "Ätschbätsch!" für ein wenig kindisch zu halten.

    • Loken
    • 08.07.2010 um 11:37 Uhr

    Ich gebe Ihnen (42317) vollkommen recht. Im Grunde lohnt es sich für eine Zeitung wie der Zeit überhaupt nicht über den Stern zu schreiben. Über die Bunte oder die Gala schreiben sie ja auch nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dies ist kein Bericht über den Stern sondern über einen Betrugsfall, der sich vor 25 Jahren ereignet und die ganze Nation bewegt hat. Die Kritik, daß sich ein großes Nachrichtenmagazin dermaßen leichtfertig aus Sensationsgeilheit betrügen gelassen hat, gehört dann ja wohl dazu. Die Sache hat dem Stern schwer zugesetzt und sein Image nachhaltig geschädigt. Früher habe ich den Stern ganz gerne gelesen, aber mittlerweile bewegt er sich fast auf dem Niveau von Bunte oder Gala, ob das auch eine Folge des Skandals ist?

    Dies ist kein Bericht über den Stern sondern über einen Betrugsfall, der sich vor 25 Jahren ereignet und die ganze Nation bewegt hat. Die Kritik, daß sich ein großes Nachrichtenmagazin dermaßen leichtfertig aus Sensationsgeilheit betrügen gelassen hat, gehört dann ja wohl dazu. Die Sache hat dem Stern schwer zugesetzt und sein Image nachhaltig geschädigt. Früher habe ich den Stern ganz gerne gelesen, aber mittlerweile bewegt er sich fast auf dem Niveau von Bunte oder Gala, ob das auch eine Folge des Skandals ist?

  1. Man nehme doch nur als weiteres Beispiel Hitlers angebliches "Zweites Buch" und sehe sich die Geschichte der Überlieferung und "Entdeckung" durch Gerhard Weinberg im Jahr 1958 kurz mal an.

    "Die Wiederentdeckung des zu Lebzeiten Hitlers unveröffentlichten (und ohne Titel verbliebenen) Buches erfolgte 1958 in den in die USA verbrachten Nazi-Archiven durch den in Deutschland geborenen jüdischen amerikanischen Historiker Gerhard Weinberg. Da er in den USA keinen Verlag finden konnte, wandte sich Weinberg an seinen Mentor Hans Rothfels und dessen Mitarbeiter Martin Broszat am Institut für Zeitgeschichte in München, die das Buch 1961 veröffentlichten. Der über die Entdeckung seines Zöglings hoch erfreute Rothfels trug das Vorwort bei."

    http://de.wikipedia.org/w...

    Da lachen doch die Hühner!

  2. 4. Falsch

    Dies ist kein Bericht über den Stern sondern über einen Betrugsfall, der sich vor 25 Jahren ereignet und die ganze Nation bewegt hat. Die Kritik, daß sich ein großes Nachrichtenmagazin dermaßen leichtfertig aus Sensationsgeilheit betrügen gelassen hat, gehört dann ja wohl dazu. Die Sache hat dem Stern schwer zugesetzt und sein Image nachhaltig geschädigt. Früher habe ich den Stern ganz gerne gelesen, aber mittlerweile bewegt er sich fast auf dem Niveau von Bunte oder Gala, ob das auch eine Folge des Skandals ist?

    Antwort auf "Richtig"
    • Runkel
    • 13.07.2010 um 14:13 Uhr

    Die wenigen zitierten Beispiele, die ich im Internet gelesen habe, offenbaren eine skurrile Komik des Herrn Kujau. Angeblich sollen die Bände im Archiv des STERN lagern. Liebe ZEIT-Redaktion, wenn Sie das nächste Mal mit den Kollegen des STERN ein Bier trinken gehen, bitte überreden Sie diese doch, diese Werke, wenigstens in Auswahl, zu veröffentlichen. Nach so langer Zeit dürfte es doch kaum einen Imageschaden geben, etwa wegen des Wieder-Aufkochens des Skandals. Im Gegenteil - heute könnte man doch gelassen darüber lachen.

    Im Übrigen ist es ja Teil der Geschichte der Bundesrepublik (und ja auch ein wenig der DDR; was war eigentlich damals mit dem armen Reichsbahn-Kofferträger geschehen? Für die Stasi muss das doch eigentlich eine große Nummer gewesen sein.)

    Egal, ich finde es gut, dass die Sache im Gedächtnis bleibt und der Film "Schtonk" gehört meiner Meinung nach zu einer der besten Gesellschaftssatiren der deutschen Filmgeschichte.

    Beste Grüße

    Ritter Runkel

  3. Ich finde, der Stern macht sich. Ganz im Gegenteil zu anderen Blättern. Die machen sich wohl irgendwie auch
    selbst kaput.

    • smojoe
    • 03.08.2010 um 16:35 Uhr

    dass ich seit 25 Jahren keinen Stern mehr gekauft habe.

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