Henry Dunant Der verbitterte Vater des Roten Kreuzes

Henry Dunant war der erste Friedensnobelpreisträger und Vater des Roten Kreuzes und der Genfer Konventionen. Vor 100 Jahren starb er als gebrochener Mann.

Der erste Friedensnobelpreisträger überhaupt: Das Foto zeigt den Schweizer Henry Dunant (1828-1910) vermutlich um die Jahrhundertwende

Der erste Friedensnobelpreisträger überhaupt: Das Foto zeigt den Schweizer Henry Dunant (1828-1910) vermutlich um die Jahrhundertwende

Jean-Henri Dunant kommt aus einer tief calvinistisch geprägten Familie. Wirtschaftliche Strebsamkeit, bürgerliches Engagement und christliche Nächstenliebe sind die Leitplanken seiner Biografie. Doch Dunants Lebensgeschichte ist alles andere als geradlinig – sie schwankt zwischen großen Leistungen für die Gesellschaft und persönlichem Scheitern.

Der Vater, ein Kaufmann, ist einflussreich im Rat der Stadt Genf. Er spendet für die Armen, betreut Waisenkinder. Die Mutter nimmt den 1828 geborenen Henri früh in die Arbeiterviertel mit, in denen sie sich um Bedürftige kümmert. Doch der Junge macht den Eltern keine Ehre. Zweimal bleibt er sitzen, fliegt von der Schule. Statt der akademischen Laufbahn bleibt nur eine Banklehre.

Die Erziehung zur Nächstenliebe erweist sich als fruchtbarer: Der Heranwachsende bringt Strafgefangenen die Bibel nahe und gründet den Genfer Christlichen Verein Junger Männer (CVJM) mit. Seine Bank vermittelt Dunant zu einer Kolonialgesellschaft, für die er nach Sizilien, Tunesien und Algerien reist. Er ist erfolgreich, auch mit waghalsigen Geschäften. Seine Reiseeindrücke schreibt er in einem Buch auf, das ihm Zugang zu wissenschaftlichen Gesellschaften eröffnet.

Die Geschäftserfolge ermutigen Dunant, sich selbstständig zu machen. Er will in Algerien in großem Stil Weizen pflanzen und Mühlen bauen. Daheim sammelt er ein, was man heute Venture Capital nennen würde, gründet eine Aktiengesellschaft. Nur eines fehlt: eine Wasserkonzession der Kolonialverwaltung, der Franzosen. Dunant beschließt, bei Kaiser Napoléon III. höchstselbst vorzusprechen. Der weilt in der Lombardei, denn er ist mit seinen Truppen dem Königreich Sardinien zu Hilfe geeilt, das die Österreicher aus dem Norden Italiens vertreiben will.

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Am Abend des 24. Juni 1859 trifft Henry Dunant, wie er sich nun meist schreibt, südlich des Gardasees in der Nähe des Örtchens Solferino ein – und erlebt das Ende einer der blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts mit. Mehr als 300.000 Soldaten stehen einander an einer 16 Kilometer langen Front gegenüber. Die Österreicher werden geschlagen, der Weg zur Einigung Italiens ist frei. Auf dem Schlachtfeld bleiben fast 40.000 Tote, Sterbende, Verstümmelte. In Castiglione delle Stiviere, acht Kilometer von Solferino, erlebt Dunant, wie Soldaten ihre verwundeten Kameraden auf den Schultern in improvisierte Lazarette schleppen. Der Handlungsreisende vergisst das Geschäftliche und hilft, wo er kann.

Solferino

"Die Sonne des 25. Juni beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken läßt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät. Getreide und Mais sind niedergetreten, die Hecken zerstört, die Zäune niedergerissen, weithin trifft man überall auf Blutlachen." (aus Henry Dunant Eine Erinnerung an Solferino)

"Sie zucken"

"Die unglücklichen Verwundeten, die man tagsüber aufsammelt, sind bleich, fahl und verstört. Einige, und besonders diejenigen, die stark verstümmelt sind, sehen stier vor sich hin und scheinen nicht zu begreifen, was man zu ihnen sagt. Sie blicken ihre Retter mit leeren Augen an, aber diese scheinbare Gefühllosigkeit hindert sie nicht, die Schmerzen ihrer Wunden zu empfinden. Andere sind unruhig, ihre Nerven sind völlig erschüttert. Sie zucken krampfhaft zusammen." (aus Henry Dunant Eine Erinnerung an Solferino)

"Schmerzen"

"Die, deren offene Wunden sich bereits entzündet haben, sind wie von Sinnen vor Schmerzen. Sie verlangen, dass man sie umbringt, sie winden sich mit verzerrten Gesichtern in den letzten Zügen des Todeskampfes. An anderen Stellen liegen Unglückliche, die von Kugeln oder Granatsplittern getroffen und zu Boden gestreckt sind, denen aber darüber hinaus noch durch die Räder der Geschütze, die über sie hinwegfuhren, Arme und Beine zermalmt wurden." (aus Henry Dunant Eine Erinnerung an Solferino)

"Verzweiflung"

"Splitter aller Art, Knochenstücke, Fetzen von Kleidern, Schuhen, Ausrüstungsstücken, Erde, Bleiteilchen, alles reizt die Wunden der Leidenden, macht die Heilung komplizierter und verdoppelt die Qualen. Wer diesen weiten Schauplatz der Kämpfe (...) durchwandert, trifft bei jedem Schritt und inmitten einer Verwirrung ohnegleichen, unausprechliche Verzweiflung und entsetzliches Elend." (aus Henry Dunant Eine Erinnerung an Solferino)

"Entstellt"

"Dort liegt ein völlig entstellter Soldat, dessen Zunge aus dem zerschmetterten Kiefer hängt. Ich benetze seine vertrockneten Lippen und seine verdorrte Zunge. Einem anderen Unglücklichen ist durch einen Säbelhieb ein Teil des Gesichts fortgerissen worden. Nase, Lippen und Kinn sind von dem übrigen Teil des Kopfes getrennt." (aus Henry Dunant Eine Erinnerung an Solferino)

"Die Frauen von Castiglione erkennen bald, dass es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd sind, das gleiche Wohlwollen zuteil werden. 'Tutti fratelli' wiederholen sie gerührt immer wieder", schreibt Dunant. Tutti fratelli, alle sind Brüder – das ist der Gedanke, der ihn bewegt. Ein verwundeter Soldat, so sein Postulat, hat ein Recht auf Hilfe, ganz gleich, welche Uniform sein Blut befleckt.

Drei Jahre nach der Schlacht erscheint Eine Erinnerung an Solferino . Eindringlich schildert Dunant Verletzungen, dokumentiert den Mangel an Ärzten, Verbandszeug, Hygiene. 1600 Exemplare lässt er auf eigene Kosten drucken und verschickt sie an Politiker und Militärs in ganz Europa. Er schlägt ein Abkommen vor, dass die Hilfe für Verwundete regeln soll, und die Gründung einer  Gesellschaft, "die aus großherzigen Freiwilligen zusammengesetzt ist, um den Verletzten in Kriegszeiten zu helfen".

Leser-Kommentare
  1. hilft nur noch blanker Zynismus gegen die Verbitterung. Und der fehlte ihm leider.

    • LP
    • 31.10.2010 um 1:22 Uhr

    ...und hoffen wir auf das Beste.

  2. 3. ~ 1155

    Für mich war dieser Mensch stets eine Verkörperung dessen, was eigentlich jeder Christ sein wollte. Seine Verbitterung erinnert mich immer ein wenig an den späten Nietzsche. Auch weil der Anlass wohl ähnlich war.

    Das Verrückte wollen wir aber auch klar sagen: Man zeichnete ihn aus und er erhält unsere Bewunderung, weil er in so vielen Dingen anders war als der Mensch schlechthin. Die Ehre ergibt sich gerade aus dem Umstand, dass er von Mitgefühl und Verstand nicht nur sprach.

    Haben wir eigentlich ein Recht, ihn auszuzeichnen?

    Oder, schlimmer noch, entschuldigen wir uns nicht selbst ein wenig für unser fürchterliches Versagen, indem wir mit dieser Ehrung erklären, es gebe ja auch noch solche Menschen wie ihn?

  3. Man sollte auch manchmal an sich selbst denken und nicht immer und ununterbrochen nur an andere.

    Daran scheiterte dieser Mann.

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    Was ist, wenn das Denken an sich selbst gerade das Helfen bei anderen bedeutet?

    Ich verstehe Ihre Aussage so nicht, Garonthil. Was heißt "an sich selbst denken"? Karriere machen, Reichtümer anhäufen oder sich unbeeindruckt angesichts von Krieg und Elend zeigen?

    Was ist, wenn das Denken an sich selbst gerade das Helfen bei anderen bedeutet?

    Ich verstehe Ihre Aussage so nicht, Garonthil. Was heißt "an sich selbst denken"? Karriere machen, Reichtümer anhäufen oder sich unbeeindruckt angesichts von Krieg und Elend zeigen?

  4. Was ist, wenn das Denken an sich selbst gerade das Helfen bei anderen bedeutet?

    Ich verstehe Ihre Aussage so nicht, Garonthil. Was heißt "an sich selbst denken"? Karriere machen, Reichtümer anhäufen oder sich unbeeindruckt angesichts von Krieg und Elend zeigen?

    Antwort auf "Altruismus"
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    Wenn er alles andere vernachlässigt und deshalb bankrott geht, ist er für Bedürftige keine Hilfe. Er sollte sich also soweit um sich selbst kümmern, dass es ihm gut geht, dann kann er auch anderen helfen.
    Das verstehe ich unter der Aufforderung, auch an sich selbst zu denken.

    Wenn er alles andere vernachlässigt und deshalb bankrott geht, ist er für Bedürftige keine Hilfe. Er sollte sich also soweit um sich selbst kümmern, dass es ihm gut geht, dann kann er auch anderen helfen.
    Das verstehe ich unter der Aufforderung, auch an sich selbst zu denken.

  5. Wenn er alles andere vernachlässigt und deshalb bankrott geht, ist er für Bedürftige keine Hilfe. Er sollte sich also soweit um sich selbst kümmern, dass es ihm gut geht, dann kann er auch anderen helfen.
    Das verstehe ich unter der Aufforderung, auch an sich selbst zu denken.

  6. Zitat aus dem Artikel:
    "Mehr und mehr vernachlässigt Dunant vernachlässigt seine eigentlichen Geschäfte."

    Das zweite "vernachlässigt" ist zu viel im Satz.

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