Fernsehen Geschichte muss mehr sein als Entertainment
Das deutsche Geschichtsfernsehen hat sich aus der Debattenkultur verabschiedet und bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Ein Plakat zur ZDF-Serie "Die Deutschen" zeigt August den Starken in Rockerkluft
Von Anfang an reizte der Filmprojektor dazu, die Zeit umzukehren. Als die Brüder Lumière am 28. Dezember 1895 ihre ersten bewegten Bilder vorführten, zeigten sie unter anderem Arbeiter, die eine Mauer einreißen. Unter fasziniertem Gelächter ließen sie den Streifen anschließend rückwärts laufen. Die Mauersteine schwebten erst langsam, dann ruckartig in die Höhe.
Nichts anderes macht das Geschichtsfernsehen der Gegenwart. In der ersten Folge der jüngst ausgestrahlten ZDF-Reihe Die Deutschen (Staffel 2) blickt der Zuschauer in ein Karolingergrab. Neben einem derangierten Gerippe rostet, was einmal ein Schwert war, und während der Off-Sprecher die frühmittelalterliche Schmiedekunst preist, beginnt die Klinge zu glänzen, die verstreuten Rippen fügen sich zu einem Brustkorb, der Schädel reckt sein Kinn. Wenige Sekunden später steht vor uns ein Knochenmann anno 800, in einer Überblendung wird aus ihm ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein Untoter – Bildungsfernsehen aus dem Geist des Zombiefilms.
Doch das Problem des deutschen Geschichtsfernsehens ist nicht allein, dass historische Ereignisse auf dem Bildschirm immer häufiger in Gestalt einer sich als Wirklichkeit aufspielenden Fiktion daherkommen. Vielmehr ist hier die Vergangenheit im Lauf der Jahre langsam aber sicher unschädlich gemacht worden.
"In ein paar Stunden sinkt das altgewordene Jahr in das Grab der Geschichte", begann Theodor Heuss seine Neujahrsansprache vom 31. Dezember 1952. Sieben Jahre nach den Massenmorden des Zweiten Weltkriegs war die Metapher der Geschichte als Grab auf unfreiwillige Weise angemessen, und man ließ dieses Massengrab nur zu gerne ruhen. Wer das Schweigen störte, machte sich unbeliebt. Die ersten historischen Dokumentationen, die die Deutschen nach dem Krieg zu sehen bekamen, waren die von den Amerikanern gedrehten Filme aus den befreiten Konzentrationslagern.
Ihren Schrecken haben diese Aufnahmen nicht verloren. Ihre Wirkung ist dennoch nicht mehr dieselbe: Sie gehören zum Repertoire einer jeden Dokumentation über Nationalsozialismus und Holocaust. Ins Herz des deutschen Selbstverständigungsdiskurses stoßen sie nicht mehr. Eingebettet in den vertrauten Rhythmus von Historikerstatements, Zeitzeugenaussagen und Spielszenen schockieren sie zwar, doch ohne noch irritieren zu können. Sie erzählen uns nichts, was wir nicht schon wüssten. Wir blicken entsetzt und können die Geschichte doch getrost hinter uns lassen, ohne sie deshalb gleich verdrängen zu müssen.
Diese Distanz kennzeichnet nicht nur den Blick auf die NS-Zeit. "Wer wir waren – wer wir sind" lautet der Slogan der Kampagne, mit der das ZDF für Die Deutschen warb. Dazu sehen wir Hildegard von Bingen, die sich die Beine enthaart, Karl den Großen beim Verzehr einer Pizza und August den Starken als Hells Angel. Da mag, wer will, die Motive von Niedergang und Kulturverfall hineinlesen, letztlich aber sagt der Bildwitz nichts weiter als: verdammt lang her. Mit entsprechender Unbekümmertheit drehen die beworbenen Filme die Geschichte im Grabe herum. Und wenn im Vorspann die Sprecherstimme dräut "Wer sind wir? Woher kommen wir?", ist das ebenfalls nicht viel mehr als ein Zitat aus vergangener Zeit.
Auch am Wandel der Zeitzeugenaufritte lässt sich der Abschied des Geschichtsfernsehens aus der historischen Debattenkultur ablesen. So traten Holocaust-Überlebende in den späten 1950er und 60er Jahren noch in erster Linie als Zeugen der Anklage auf. Ihre Aussagen sollten zur Aufklärung der Nazi-Verbrechen beitragen.
Die Dokus jener Jahre kreisten um aktuelle Gegenwartsfragen: Es war die Zeit der großen NS-Prozesse. Erst von den späten 1970er Jahren an rückten die Schicksale der Opfer in den Fokus. Mobilere Kameras verringerten den Aufwand, Gespräche mit Überlebenden am Ort des Geschehens aufzuzeichnen. Aus Tatzeugen wurden Zeitzeugen. Die Dokumentationen verstanden sich als aufklärerisches Korrektiv – gegen rechtsextreme Geschichtsdeutungen und Holocaust-Leugnungen, wie sie damals aufkamen. Das wohl berühmteste Beispiel dieses investigativ-aufklärerischen Zeitzeugen-Films ist Claude Lanzmanns Werk Shoah von 1985.
Das Geschichtsfernsehen der 1990er und 2000er Jahre dagegen konzentrierte sich mit gewaltigem Erfolg darauf, ein quoten-taugliches Erzähl-Vokabular auszubuchstabieren und verschränkte in immer aufwändigerer Weise Spiel- und Dokumentarfilm. Die Zeitzeugen sitzen seither zumeist im Studio vor dunklem Hintergrund. Ihre Aussagen werden sich auch in Jahrzehnten noch in den jeweils passenden Kontext hineinschneiden lassen. Ihre Funktion: Ein Steinchen zu sein in einem Mosaik, dessen Einzelteile sich wechselseitig beglaubigen. Professionell und gut beraten wagen es diese Filme kaum mehr, Kontroversen abzubilden oder Thesen zu formulieren, die Widerspruch hervorrufen könnten. Um Deutung der Geschichte geht es ihnen nicht mehr.
- Datum 05.01.2011 - 17:04 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wenn man den Artikel liest, ist es echt schwer zu verstehen worauf der Autor eigentlich hinaus will?
Warum schafft er es nicht einfach zum Wesentlichen zu kommen?
Zwei Seiten zu schreiben, damit man im letzten Abschnitt erfährt, dass er sich ein Bezug zu heutigen Geschehnissen wünscht - das wäre auch einfacher gegangen.
Dem Autoren geht es wohl nicht nur um den Bezug zur heutigen Zeit, sondern m.E. darum, Geschichte nicht länger als "So und nicht anders" zu vermitteln. Das muss nicht schlecht sein (denn ein halb- oder dreiviertelstündiges Format erlaubt einfach keine erschöpfende Debatte), aber moderne Geschichtsschreibung orientiert sich schon längst nicht mehr nur an großen Männern und großen Schlachten, sondern an gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Fernsehdarstellung von Geschichte scheint allerdings genau in dieser inzwischen weitgehend überholten Art der Geschichtsauffassung verhaftet geblieben zu sein. Damit blendet sie nicht nur die letzten fünfzig Jahre Forschung aus, sondern wiederholt sich vor allem immer und immer wieder und beraubt sich selbst neuer, spannender Ansätze.
Dem Autoren geht es wohl nicht nur um den Bezug zur heutigen Zeit, sondern m.E. darum, Geschichte nicht länger als "So und nicht anders" zu vermitteln. Das muss nicht schlecht sein (denn ein halb- oder dreiviertelstündiges Format erlaubt einfach keine erschöpfende Debatte), aber moderne Geschichtsschreibung orientiert sich schon längst nicht mehr nur an großen Männern und großen Schlachten, sondern an gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Fernsehdarstellung von Geschichte scheint allerdings genau in dieser inzwischen weitgehend überholten Art der Geschichtsauffassung verhaftet geblieben zu sein. Damit blendet sie nicht nur die letzten fünfzig Jahre Forschung aus, sondern wiederholt sich vor allem immer und immer wieder und beraubt sich selbst neuer, spannender Ansätze.
Ewig die typisch deutsche Debatte: Wenn etwas Spaß macht, taugt es nichts.
Ich habe diese Doku-Reihe gesehen, und sie hat mir enorm Spaß gemacht, zumal Aspekte der Personen beleuchtet wurden, die man so in Geschichtsbüchern nicht immer finden kann, wenn man nicht gerade Spezialist für diese Zeit ist.
Selbst früher gab es schon animierte Dokus im TV. Hätte es den ollen Bublath nicht gegeben, vermutlich hätte ich als Kind nie gedacht, dass Naturwissenschaften soviel Spaß machen und so faszinierend seien könnnen. Vermutlich hätte ich nie Nat-Wiss studiert. Hätte es Terra X nicht gegeben, welches ich ebenfalls als Kind geliebt habe, hätte ich wahrscheinlich nicht diverse Geisteswissenschaften obendrein studiert.
Die Lehre aus diesen Kindheitserinnerungen: Wissenschaft kann und muss Spaß machen, Freude und Faszination wecken. Wir haben es damals zusammen als Familienevent genossen und in der Familie darüber geredet. Fernehen hat nämlich (auch wenn die Sendeanstalten das immer mehr vergessen) einen Bildungsauftrag.
Die Produktion der TV-Serie "The Tudors" - ein absolutes Highlight - hat einen regelrechten Run auf die englische Geschichte ausgelöst, die Kinofilme mit Kate Blanchet als Elisabeth ebenfalls. Wer wusste schon vorher etwas über Cromwell oder Jane Saymour? Ich wünschte mir, wir Deutschen würden endlich unseren oft unerträglichen Bierernst mal an den Nagel hängen und ähnliches mit den Staufern riskieren.
Schaden kann es jedenfalls nicht.
Wenn im Fernsehen "Geschichte" gezeigt wird, am besten sofort abschalten. In 99% der Fälle handelt es sich um Geschichtsklitterung, die aber durch die Macht der Bilder sehr real erscheint. Dabei ist es Fiktion.
Speziell was diesbezüglich aus den USA kommt ist aller unterste Schublade und reinste Desinformation.
Dem Autoren geht es wohl nicht nur um den Bezug zur heutigen Zeit, sondern m.E. darum, Geschichte nicht länger als "So und nicht anders" zu vermitteln. Das muss nicht schlecht sein (denn ein halb- oder dreiviertelstündiges Format erlaubt einfach keine erschöpfende Debatte), aber moderne Geschichtsschreibung orientiert sich schon längst nicht mehr nur an großen Männern und großen Schlachten, sondern an gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Fernsehdarstellung von Geschichte scheint allerdings genau in dieser inzwischen weitgehend überholten Art der Geschichtsauffassung verhaftet geblieben zu sein. Damit blendet sie nicht nur die letzten fünfzig Jahre Forschung aus, sondern wiederholt sich vor allem immer und immer wieder und beraubt sich selbst neuer, spannender Ansätze.
Drachenrose! Man darf bei solcher Aufbereitung des Materials halt nicht vergessen, es mit kritischer Distanz zu betrachten - das gilt aber für alles Dargebotene - dann kann die populäre Form durchaus erhellend sein und vor allem weiteres Interesse wecken.
Der Autor vergisst den Zeitgeist im heutigen Zuschauer. Anders als es die Serie macht, wird man heute breitere Schichten mit dem Thema gar nicht erreichen. 7 oder auch nur 3 Mio Zuschauer - das ist doch ganz gewaltig.
Beide Staffeln von 'die Deutschen' waren ausgezeichnet und haben - anders als der Autor angibt - sehr wohl Überblicke über das Gesamtgeschehen gegeben. Beispiel: das Spannungsfeld zwischen LudwigII/Bayern und Bismarck/Preussen. Mehr wird von einem Fernsehfilm nicht hängen bleiben. Wer mehr will, muß das halt studieren.
Die 60/70er-Jahre hatten gewiss einige exzellente S/W-Filme. Beispiele: Röhmputsch und Eisner-Mord. Die waren aber mit 2-3 Stunden Dauer in ganz anderer Tiefe angelegt und sind so mit dem aktuellen Zapp-Zuschauer nicht mehr kompatibel. Vermutlich würde der Autor gerade darum darüber herfallen! Somit ein Zitat von Pollok zum Schluss: Der Kritiker ist ein Einbeiniger, der über das Laufen doziert.
das ist ein wiederspruch in sich. geschichte ist multikausal, komplex und vielfachen deutungen unterworfen. besser könnte man es m. e. trotzdem machen. etwas wenier history channel und us- vorbild, etwas weniger effekt und emotionshascherei, schon hätte man mehr objektivität- aber eben auch noch weniger quote.
Die Geschichte seiner Lieber und wie die Cosel dann im Turm sitzt oder seiner vielen Kinder, Saufgelage oder wie den Bötchher zu Höchstleistungen trimmte und vieles mehr.
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