AnthropologieLucy und das Rätsel des aufrechten Gangs

Was ein Knöchelchen über unsere Urahnen verrät: Lucy und ihre Verwandten gingen aufrecht. Darauf schließen Forscher anhand eines drei Millionen Jahre alten Fußknochens. von 

Ein Fußknochen des Frühmenschen "Australopithecus afarensis"

Ein Fußknochen des Frühmenschen "Australopithecus afarensis"  |  © AAAS

Und sie taten es doch! Lucy und ihre Artgenossen gingen vor 3,2 Millionen Jahren aufrecht. Das schließen US-Forscher aus dem Fund eines Mittelfußknochens in Äthiopien. Er zeige eine Anatomie, die typisch für die Fußknochen des modernen Menschen sei, schreiben Forscher im Wissenschaftsjournal Science .

Auf den Spuren des Menschen

Als Homo sapiens ist der Mensch heute die einzige lebende Homo-Art aus der Familie der Hominidae, der Menschenartigen. Die meisten Hominiden sind keine direkten Vorfahren des Menschen, sondern entwickelten sich als Seitenlinien der Evolution. Derzeit wird von sieben verschiedenen Arten der Gattung Homo ausgegangen, die einst gelebt haben sollen. Ob es sich dabei aber tatsächlich um verschiedene Arten handelt, oder ob eine Art besonders unterschiedliche Eigenschaften ausprägte, ist Gegenstand intensiver Diskussion. Ein Überblick nach Alter:

4,4 Millionen Jahre – Ardipithecus ramidus: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen und ist weit mehr von den Affen entfernt, als bislang vermutet.

3,2 Millionen Jahre – Australopithecus afarensis: 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Hominiden gilt.

2,1 bis 1,8 Millionen Jahre – Homo rudolfensis: Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die affenartigen Vormenschen, die Australopithecinen, und nutzte wohl auch schon Werkzeuge. Er könnte einer der direkten Vorgänger des modernen Menschen sein

2,1 bis 1,5 Millionen Jahre – Homo habilis: Alle Knochenfunde stammen aus Ostafrika, dieser Frühmensch könnte zur gleichen Zeit wie Homo rudolfensis und Homo erectus gelebt haben.

2.000.000 bis 500.000 Jahre

1,8 bis 2 Millionen Jahre – Australopithecus sediba: Die in einer Höhle der südafrikanischen Region Sterkfontein gefundenen Fossilien eines Jungen und einer Frau könnten eine Übergangsform zwischen den Australopithecinen und den Frühmenschen darstellen.

1,8 Millionen bis 300.000 Jahre – Homo erectus: Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugene Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.

500.000/780.000 Jahre – Homo heidelbergensis: Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Spanien 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art gefunden und Werkzeuge. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas.

160.000 bis heute

120.000 bis 10.000 Jahre – Homo floresiensis: Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur einen Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Es gilt als umstritten, ob er eine eigene Art ist oder ein kleinwüchsiger Homo sapiens.

40.000 Jahre – Homo neanderthalensis: Ein Fund von 1856 in der Feldhofer-Grotte im Neandertal stellt den Beginn der Forschung zur Evolution des Menschen dar.

30.000 Jahre Denisovan hominins:In einer Höhle in Sibirien fanden Archäologen 2008 versteinerte Fingerknochen und einen Backenzahn, dessen Erbgut weder zu dem der Neandertaler, noch zu dem der Homo sapiens passte. Forscher nannten diesen neu entdeckten Frühmensch Denisovan - nach seinem Fundort, der Denisovan-Höhle.

160.000 Jahre – Homo sapiens: Die bislang ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die erst 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.

Seit Jahren streiten die Forscher: Kletterte der Urmensch Australopithecus afarensis – zu dem auch Lucy gehörte – noch auf Bäume und bewegte sich vierbeinig fort wie ein Schimpanse? Oder ging er aufrecht wie wir? Der Fund eines vierten Mittelfußknochens könnte die Sache endgültig klären, berichten Carol Ward von der Universität von Missouri und ihre Kollegen von der Universität von Arizona . Der Fuß, den die Forscher untersucht haben, stammt aus Hadar im Afrikanischen Grabenbruch, eine Fundgrube für Paläoanthropologen.

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Der aufrechte Gang gilt als besonders wichtiger Schritt in der Evolution des Menschen. Um den Fuß abzurollen und die Schritte zu dämpfen, ist die Form der Mittelfußknochen, die die Zehen führen, von entscheidender Bedeutung. Und das Fundstück mit der Nummer AL 333-160 ist der erste, vollständig erhaltene vierte Mittelfußknochen eines A. afarensis , der jemals entdeckt wurde, schreiben die Forscher. Er gebe Hinweise auf die Bogenform des Fußes.

"Die Entwicklung von gebogenen Füßen war ein fundamentaler Wandel in der Evolution des Menschen", sagt Ward von der Missouri-Universität . Sie zeigten, dass unsere Vorfahren das Leben auf Bäumen hinter sich ließen und fortan ein Leben auf der Erde bevorzugten. Viele Menschen mit zu flachen Füßen hätten heute Schwierigkeiten mit ihrem Bewegungssystem. "Bögen in den Füßen sind für unsere Vorfahren genauso wichtig wie für uns."

A. afarensis hat vor 3,7 bis 2,9 Millionen Jahren gelebt. Sein berühmtester Vertreter ist Lucy – benannt nach John Lennons Lucy in the Sky With Diamonds . Sie wurde 1974 in Äthiopien entdeckt und galt mit ihren drei Millionen Jahren lange als der älteste Vormensch.

Viele Forscher nehmen an, dass Lucy bereits aufrecht ging. Doch das Skelett, das von ihr gefunden wurde, war unvollständig. Es gab also keinen Beweis, der den aufrechten Gang belegte. Das tut nun der Fußknochen.

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Leserkommentare
    • Jumbo73
    • 11. Februar 2011 9:17 Uhr

    im doppelten Sinn anzuwenden.

    Ich wünsche mir für unsere Politiker stark gebogene Fußmittelknochen. Sehr stark gebogen.

    • Homsa
    • 11. Februar 2011 11:35 Uhr

    Wenn ich mich nicht ganz irre, haben die Beatles nicht Lucy besungen, sondern die Finder von Lucy sie so genannt, weil das Lied zu der Zeit im Radio lief.

  1. Der Paläoanthropologe Donald Johanson (der Lucy gemeinsam mit Tom Grey entdeckte) erinnert sich auf http://iho.asu.edu/lucy wie folgt: „Later in the night of November 24, there was much celebration and excitement over the discovery of what looked like a fairly complete hominid skeleton. There was drinking, dancing, and singing; the Beatles’ song “Lucy in the Sky With Diamonds” was playing over and over. At some point during that night, no one remembers when or by whom, the skeleton was given the name “Lucy.” The name has stuck.”

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Anatomie | Australopithecus | Evolution | Schimpanse | Sky | Universität
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