Kinder beim Plätzchen backen in einer Berliner Waldorfschule © Andreas Rentz/Getty Images

In den zwanziger Jahren hält Rudolf Steiner vor Bauarbeitern, die an seinem Goetheanum werken, einen Vortrag. Er fragt sich, was passieren würde, fräße ein Ochse Fleisch statt Pflanzen. "Er lässt die ganzen Kräfte ungenützt, die in ihm Fleisch erzeugen können", sagt Steiner, mit der Folge, dass "riesige Mengen von Harnsäuresalzen" sein Gehirn vergiften – "der Ochse würde verrückt werden". Steiner-Anhänger sagen: Prima, der Mann hat den Rinderwahnsinn vorhergesagt. Kritiker sagen: Fleisch erzeugende Kräfte, Harnsäuresalze, unwissenschaftlicher Blödsinn. Irgendwie stimmt beides.

Auch mit dem Lebenslauf des Begründers der Anthroposophie haben sich lange Zeit teils schwärmerische Anhänger einerseits und harsche Abrechnungsliteraten andererseits befasst. Jetzt, im Jubiläumsjahr, sind gleich mehrere Biografien von Nichtanthroposophen erschienen. Die Konstanzer Historikerin Miriam Gebhard etwa sieht als Leitmotiv in Steiners Leben radikale Modernität: "Er verweigerte einen klassisch-bürgerlichen Lebenszuschnitt und ‚erfand‘ sich immer wieder neu."

Steiner wächst unstet an verschiedenen Orten Österreichs auf. Sein Vater ist Telegrafist bei der Bahn, mit wechselnden Arbeitsplätzen. Geboren wird Rudolf Steiner am 27. Februar 1861 an der damaligen Grenze Österreichs zu Ungarn im kroatischen Donji Kraljevec – "zufällig", schreibt er selbst, und dass er schon zu Schulzeiten Kant gelesen habe. Später studiert Steiner dank Stipendium an der Wiener Technischen Hochschule Mathematik und Naturwissenschaften, hört auch Literatur, Philosophie und Geschichte.

Nach dem Studium arbeitet Steiner an Ausgaben der Werke Goethes mit, später in Weimar im Goethe-Schiller-Archiv. 1891 promoviert er in Rostock in Philosophie. Er verkehrt in Denker- und Literatenkreisen, unter Linken, Anarchisten, Bohemiens. Fünf Jahre lang lehrt er an der vom Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiter-Bildungsschule in Berlin. Von Religion hält er wenig, von Esoterik noch weniger.

Dennoch laden ihn Anhänger der Theosophie, einer mystisch-esoterische Gruppierung, zu Vorträgen ein. Er spricht über den just verstorbenen Nietzsche, über Goethe. Als gefragter Referent für die im betuchten Bildungsbürgertum modische Bewegung füllt Steiner seine notorisch leere Haushaltskasse. Er selbst gibt intensive Beschäftigung mit Glaubensfragen als Grund für seinen Sinneswandel an.

1902 wird Steiner Vorsitzender der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Er bleibt aber stets auf Distanz zu deren Indien-Verliebtheit, will an abendländisch-christlichen Denktraditionen festhalten. 1913 kommt es zum Schisma: Aus Protest gegen die Vergötterung des Inders Jiddu Krishnamurti wird die Anthroposophische Gesellschaft gegründet.

Steiner bezeichnet seine Anthroposophie als Geisteswissenschaft und meint eine Wissenschaft vom Geist. In einer Art hellseherischen Erfahrungen will er unter anderem Erkenntnisse über die Entstehung der Welt und des Menschen, über Wiedergeburt, Karma und das Wesen des Christentums gewonnen haben. Für die Wissenschaft ist das Spiritismus und Scharlatanerie, für die Kirche Sektierertum.

Steiner vertritt zeitweise rassistische Thesen

Doch das frühe 20. Jahrhundert ist eine fruchtbare Zeit für Steiners Mischung aus östlichen Einflüssen, vormodern Mystischem und modernen Idealen wie der sozialen Dreigliederung: Steiner postuliert die Trennung von Kultur, Staat und Wirtschaft, in denen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen sollen. Landwirtschaft, Religion, Medizin, Kunst – Steiner hat zu allem etwas zu sagen. Sein in rund 6000 stenografierten Vorträgen, mehreren Büchern und etlichen Aufsätzen entworfenes weitläufiges Lehrgebäude hat verwinkelte Flure und zahllose Räume.

In einigen verbirgt sich Unansehnliches: Steiner übernimmt von den Theosophen zeitweilig die Idee, dass verschiedene Menschen-"Rassen" auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen stünden. Eine unabhängige Kommission im Auftrag der niederländischen Anthroposophischen Gesellschaft findet 1996 auf 89.000 Steinerschen Seiten 67 diskriminierende Textstellen. Für das Gesamtwerk seien sie von untergeordneter Bedeutung, Steiners Menschenbild stehe "auf der Grundlage der Gleichwertigkeit aller menschlichen Individualitäten und nicht auf einer vermeintlichen Überlegenheit der einen Rasse gegenüber einer anderen".

Steiner ermutigt andere, auf seinen Ideen aufzubauen. So entstehen nach und nach etliche anthroposophisch geprägte Einrichtungen: die von Theologen gegründete Christengemeinschaft, der biologisch-dynamische Landbau, die anthroposophische Medizin. Auf Bitten von Emil Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, entwickelt Steiner 1919 für die Kinder der Arbeiter die erste Waldorfschule – seine wohl nachhaltigste Erfindung.

In Dornach in der Schweiz entsteht von 1913 an als Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft ein hölzerner Doppelkuppelbau nach Steiners Plänen: das Goetheanum, 1920 eröffnet. Es fällt schon 1922 einem Feuer zum Opfer – vermutlich Brandstiftung. Steiner hat auch Feinde. Als er am 30. März 1925 stirbt, hat der Bau des zweiten Goetheanums, aus Beton gegossen, gerade erst begonnen. Es steht heute noch.