WaldorfpädagogikRudolf Steiner - Genie oder Spinner?

Für Anthroposophen ist er das größte Idol des 20. Jahrhunderts, für Kritiker ein Sektengründer. Trotz wenig Rückhalt in der Wissenschaft werden Steiners Ideen gelebt. von 

Rudolf Steiner Waldorf Kindergarten Pädagogik

Kinder beim Plätzchen backen in einer Berliner Waldorfschule  |  © Andreas Rentz/Getty Images

In den zwanziger Jahren hält Rudolf Steiner vor Bauarbeitern, die an seinem Goetheanum werken, einen Vortrag. Er fragt sich, was passieren würde, fräße ein Ochse Fleisch statt Pflanzen. "Er lässt die ganzen Kräfte ungenützt, die in ihm Fleisch erzeugen können", sagt Steiner, mit der Folge, dass "riesige Mengen von Harnsäuresalzen" sein Gehirn vergiften – "der Ochse würde verrückt werden". Steiner-Anhänger sagen: Prima, der Mann hat den Rinderwahnsinn vorhergesagt. Kritiker sagen: Fleisch erzeugende Kräfte, Harnsäuresalze, unwissenschaftlicher Blödsinn. Irgendwie stimmt beides.

Auch mit dem Lebenslauf des Begründers der Anthroposophie haben sich lange Zeit teils schwärmerische Anhänger einerseits und harsche Abrechnungsliteraten andererseits befasst. Jetzt, im Jubiläumsjahr, sind gleich mehrere Biografien von Nichtanthroposophen erschienen. Die Konstanzer Historikerin Miriam Gebhard etwa sieht als Leitmotiv in Steiners Leben radikale Modernität: "Er verweigerte einen klassisch-bürgerlichen Lebenszuschnitt und ‚erfand‘ sich immer wieder neu."

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Menschenbild

Steiner unterscheidet verschiedene "Wesensglieder" des Menschen, benutzt jedoch wechselnde Aufteilungen.

In Anlehnung an Goethe nennt er drei Arten des Verhältnisses des Menschen zur Welt Leib, Seele und Geist, die er in verschiedenen Modellen weiter differenziert.

In einer anderen Variante spricht er von einem physischen Leib, einem Äther- oder Lebensleib, einem Astral- oder Seelenleib und dem Ich. In der Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen entfalten sie sich nach und nach.

Temperamente

Schon aus der Antike kommt die Idee der vier Temperamente, die für Steiner vor allem in der Entwicklung des Kindes relevant sind.

Er ordnet sie den Wesensgliedern zu: dem physischen Leib das phlegmatische, dem Ätherleib das sanguinische, dem Astralleib das cholerische und dem Ich das melancholische Temperament.

Steiner nutzt sie in seiner Pädagogik, um zum Beispiel Kinder mit gleichen Temperamenten nebeneinander zu setzen; so sollen sie lernen, mit ihren Charaktereigenschaften umzugehen.

Christengemeinschaft

Die 1922 von einer Gruppe meist evangelischer Theologen mit Hilfe Steiners gegründete Christengemeinschaft versteht sich als von der Anthroposophie inspirierte, aber selbstständige christliche Kultusgemeinschaft.

Zwar besitzt jeder ihrer Priester Lehrfreiheit, doch gelten die von Steiner verfassten liturgischen Texte als unantastbar. Zu den Glaubensbestandteilen gehören unter anderem eine Wiederkunft Christi in Stufen (ätherisch, astral, kosmisch) und eine evolutionäre Weltentstehung.

Medizin

Die anthroposophische Medizin sieht Krankheit als gestörte Wechselwirkung der Wesensglieder, bezieht also psychische Aspekte mit ein.

Mineralische, pflanzliche und tierische Substanzen, meist in homöopathischer Form verabreicht, sollen das Gleichgewicht wieder herstellen.

Hinzu kommen Therapien wie Heil-Eurythmie, Rhythmische Massage und Kunsttherapie. Die 1922 in Steiners Umfeld gegründete Firma Weleda ist einer der größten Hersteller homöopathischer Arzneimittel sowie Körperpflegeprodukte.

Landwirtschaft

In den zwanziger Jahren baten Landwirte Steiner um Anregungen. Er entwickelte die Idee des "landwirtschaftlichen Organismus", die biologisch-dynamische Landwirtschaft.

Dazu gehört die Forderung, dass möglichst viele Tier- und Pflanzenarten auf dem Hof leben sollen, Saatgut und Mist als Dünger selbst produziert werden.

Kunstdünger, chemische Pestizide und Gentechnik sind tabu. Stattdessen werden der Homöopathie ähnliche Präparate verwendet, deren Anwendung ebenso wie Aussaat und Ernte "kosmischen Rhythmen" folgt.

Steiner wächst unstet an verschiedenen Orten Österreichs auf. Sein Vater ist Telegrafist bei der Bahn, mit wechselnden Arbeitsplätzen. Geboren wird Rudolf Steiner am 27. Februar 1861 an der damaligen Grenze Österreichs zu Ungarn im kroatischen Donji Kraljevec – "zufällig", schreibt er selbst, und dass er schon zu Schulzeiten Kant gelesen habe. Später studiert Steiner dank Stipendium an der Wiener Technischen Hochschule Mathematik und Naturwissenschaften, hört auch Literatur, Philosophie und Geschichte.

Nach dem Studium arbeitet Steiner an Ausgaben der Werke Goethes mit, später in Weimar im Goethe-Schiller-Archiv. 1891 promoviert er in Rostock in Philosophie. Er verkehrt in Denker- und Literatenkreisen, unter Linken, Anarchisten, Bohemiens. Fünf Jahre lang lehrt er an der vom Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiter-Bildungsschule in Berlin. Von Religion hält er wenig, von Esoterik noch weniger.

Dennoch laden ihn Anhänger der Theosophie, einer mystisch-esoterische Gruppierung, zu Vorträgen ein. Er spricht über den just verstorbenen Nietzsche, über Goethe. Als gefragter Referent für die im betuchten Bildungsbürgertum modische Bewegung füllt Steiner seine notorisch leere Haushaltskasse. Er selbst gibt intensive Beschäftigung mit Glaubensfragen als Grund für seinen Sinneswandel an.

1902 wird Steiner Vorsitzender der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Er bleibt aber stets auf Distanz zu deren Indien-Verliebtheit, will an abendländisch-christlichen Denktraditionen festhalten. 1913 kommt es zum Schisma: Aus Protest gegen die Vergötterung des Inders Jiddu Krishnamurti wird die Anthroposophische Gesellschaft gegründet.

Steiner bezeichnet seine Anthroposophie als Geisteswissenschaft und meint eine Wissenschaft vom Geist. In einer Art hellseherischen Erfahrungen will er unter anderem Erkenntnisse über die Entstehung der Welt und des Menschen, über Wiedergeburt, Karma und das Wesen des Christentums gewonnen haben. Für die Wissenschaft ist das Spiritismus und Scharlatanerie, für die Kirche Sektierertum.

Doch das frühe 20. Jahrhundert ist eine fruchtbare Zeit für Steiners Mischung aus östlichen Einflüssen, vormodern Mystischem und modernen Idealen wie der sozialen Dreigliederung: Steiner postuliert die Trennung von Kultur, Staat und Wirtschaft, in denen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen sollen. Landwirtschaft, Religion, Medizin, Kunst – Steiner hat zu allem etwas zu sagen. Sein in rund 6000 stenografierten Vorträgen, mehreren Büchern und etlichen Aufsätzen entworfenes weitläufiges Lehrgebäude hat verwinkelte Flure und zahllose Räume.

Schule

Waldorfschulen bauen auf Steiners Menschenbild auf, thematisieren seine Lehren aber nicht im Unterricht. Der Lehrplan gliedert den Stoff analog zur Entwicklung des jungen Menschen nach Steiner.

In "Epochen" wird im sogenannten Hauptunterricht je drei bis vier Wochen lang täglich eines der Hauptfächer gelehrt, dabei spielen sinnliche Elemente – rhythmisches Sprechen, Singen, Bewegung – eine große Rolle. Starke Schwerpunkte liegen auf handwerklichen und musischen Fächern.

Kindergarten

Der erste Waldorfkindergarten entstand 1926 in Stuttgart. Die genaue Ausprägung hängt stark von den Erziehern ab.

Kernelemente sind feste Rhythmen im Tages- und Wochenablauf und ein starker Bezug zu den Jahreszeiten. Ein wichtiger Ansatz ist die These, dass kleine Kinder vor allem durch Nachahmung der Erwachsenen lernen.

Das Spielzeug ist oft ungegenständlich und besteht aus Naturmaterialien wie Wolle, Filz, Tüchern, Körben mit Nusskernen und ähnlichem. Häufig ist die Eurythmie Teil des Tages- oder Wochenablaufs.

Kunst

Steiner befasste sich wie sein Vorbild Goethe mit der Farbenlehre. Er illustrierte viele seiner Vorträge mit Tafelbildern, die zum Vorbild für anthroposophische Künstler wurden.

Seine architektonischen Entwürfe etwa für das Goetheanum in Dornach vermeiden rechte Winkel und sind dem Jugendstil entfernt verwandt. Zusammen mit seiner Frau Marie, einer Schauspielerin und Rezitatorin, befasste er sich auch mit dem Theater, etwa dem Faust und mittelalterlichen Mysterienspielen.

Musik

Musiktheoretische Überlegungen Steiners sind rudimentär geblieben. Seine Ideen zum Zusammenhang zwischen Klängen und Entwicklung fanden Eingang in die Waldorfpädagogik, ebenso die einfache Harfe, die er als Instrument für Kinder empfiehlt.

Auch entwickelte er aus Elementen des Balletts, des Ausdruckstanzes und wohl auch asiatischer Einflüsse wie dem Tai Chi die Eurythmie, eine Bewegungskunst, die Sprache, Musik und Kunst in Bewegung umsetzt. Als Heileurythmie soll die therapeutisch wirken.

Wirtschaft

Brüderlichkeit als Ideal des Wirtschaftslebens soll laut Steiners Idealen durch den Zusammenschluss von Verbrauchern, Händlern und Produzenten in einem freien Markt gerechte Preise und Güterverteilung ermöglichen.

Produktionsmittel und Kapital sollen weder verkauft noch vererbt, sondern nur in einer Art Schenkung an neue Eigentümer übertragen werden können. Lohnarbeit ist nach Ansicht Steiners eine Form der Sklaverei, er fordert einen vertraglich vereinbarten Anteil am Gewinn.

In einigen verbirgt sich Unansehnliches: Steiner übernimmt von den Theosophen zeitweilig die Idee, dass verschiedene Menschen-"Rassen" auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen stünden. Eine unabhängige Kommission im Auftrag der niederländischen Anthroposophischen Gesellschaft findet 1996 auf 89.000 Steinerschen Seiten 67 diskriminierende Textstellen. Für das Gesamtwerk seien sie von untergeordneter Bedeutung, Steiners Menschenbild stehe "auf der Grundlage der Gleichwertigkeit aller menschlichen Individualitäten und nicht auf einer vermeintlichen Überlegenheit der einen Rasse gegenüber einer anderen".

Steiner ermutigt andere, auf seinen Ideen aufzubauen. So entstehen nach und nach etliche anthroposophisch geprägte Einrichtungen: die von Theologen gegründete Christengemeinschaft, der biologisch-dynamische Landbau, die anthroposophische Medizin. Auf Bitten von Emil Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, entwickelt Steiner 1919 für die Kinder der Arbeiter die erste Waldorfschule – seine wohl nachhaltigste Erfindung.

In Dornach in der Schweiz entsteht von 1913 an als Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft ein hölzerner Doppelkuppelbau nach Steiners Plänen: das Goetheanum, 1920 eröffnet. Es fällt schon 1922 einem Feuer zum Opfer – vermutlich Brandstiftung. Steiner hat auch Feinde. Als er am 30. März 1925 stirbt, hat der Bau des zweiten Goetheanums, aus Beton gegossen, gerade erst begonnen. Es steht heute noch.

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Leserkommentare
    • _bla_
    • 26. Februar 2011 9:59 Uhr

    Steiner scheint mir ein schönes Beispiel für die These zu sein, dass der Mensch stark zu religiösem Verhalten neigt, selbst wenn er versucht dieses abzulegen.

    Die entstehenden Ersatzreligionen sind dann nicht selten irrationaler als der überwunden geglaubte Glaube.

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    Ja, da würde ich das Ganze auch hin verorten. Best E.

  1. Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich und differenziert und verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/wg

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    kenne ich nur zu gut, eine sehr liebe Freundin von mir (sie studiert heute Musik!) war immer ganz gut in der (Waldorf)Schule und war zudem was ihr Musikinstrument betraf sehr begabt. Ihr Klassenlehrer und später vor allem ihr Klassenbetreuer (ab der 9. Klasse) haben sich aber in den Kopf gesetzt, ach das wäre ja so eine gute Sozialassistentin (Ausbildung 1 Jahr, Zugangsvoraussetzung Hauptschulabschluss). Eigentlich müsste man meinen, dass dieses Kind als Schülerin von den Lehrern nur so hoffiert werden müsste, entsprach sie doch in der musischen Entwicklung ganz nach den Vorstellungen dieser Lehrer... -Pustekuchen!- Nach dem sogenannten Differenzierungsgespräch (unsere Waldorfschule lief nach Gesamtschulkonzept) kam sie ganz aufgelöst zu mir. Sie wusste (im Gegensatz zu mir) bereits was sie nach der Schule machen wollte. Da ich selber den Absprung an die Staatsschule nicht gebacken bekommen habe, habe ich sie darin bestärkt. Sie musste nicht eine Klasse wiederholen, wie das bei anderen Schülern der Fall war, hat ihr Abitur abgelegt (sehr gut, aus den Waldorfkreisen, großäugiges Staunen...) hat danach ein FSJ absolviert und studiert jetzt Musik (Geige und Klavier). Durch dieses Schubladendenken, man hat ja schon so ein klasse Bild vom Schüler, dass der sich noch entwickelt und vielleicht in eine Richtung die mir nicht passt... wollen manche nicht wahrhaben. Ich hoffe die (Lehrer dieser Schule haben sich jetzt geändert oder sind nicht mehr da!) Best E.

    Wieso wurde dieser Beitrag moderiert??? Zuviele >bedenklich melden< Klicks? *Wundert sich!*

    ??? Wo kann man direktes Feedback an die ZEIT Redaktion schreiben, ohne die allgemeine Kommentarfuntion zu verwenden? Best E.

    Bitte richten Sie Fragen zur Moderation direkt an community@zeit.de. Danke. Die Redaktion/wg

  2. Bitte verzichten Sie auf Polemik, Pauschalisierungen und achten Sie auf konstruktive Wortmeldungen. Danke, die Redaktion/fk.

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    • Pyr
    • 26. Februar 2011 10:39 Uhr

    Ich kenne mehrere Waldorfschüler, welche gerade in technischem Denken unglaublich begabt sind (und nebenbei atheistisch, so viel zur "Indoktrination"). Durchgeknallt sind sie höchstens im Sinne von "nerdig", was ich nicht als negativ ansehe. Ein großer Teil der Gesellschaft leider schon, gerade bei Kindern werden Nerds nicht gut akzeptiert. Die Waldorfschule scheint mir für diese Kinder ein Rückzugsort zu sein, ein Ort an welchem diese ihre Kreativität und alternative Denkweise ausleben können. Solche Gebiete muss es in der Gesellschaft geben. Die abwertende Bezeichnung als "verrückteste Vögel" demonstriert genau diesen Punkt perfekt.

    Wenn Waldorfschüler Abitur schreiben, werden bei ihnen übrigens keine anderen Maßstäbe angesetzt. Sie haben es eher schwerer, weil sie zuvor nicht den Stoff so sehr durchgepaukt haben, sondern kreatives eigene Denken gelernt haben. Das wird in den Klausuren aber kaum gefordert. Dass sie es dennoch schaffen, demonstriert eindrucksvoll, dass die Waldorfschule ein Erfolgskonzept sein kann.

    Komische Vögel gibt es an allen(!) Schulen.

    Die Waldorfschulen sind so extrem von Klischees geprägt wie kaum eine andere Schulform. Nicht zuletzt durch Menschen die sich durchgehend des "Tanz mal deinen Namen" Witzes bedienen und damit die ohnehin schon spärlich gesähten Informationen nur noch mehr dezimieren und auf einen verallgemeinerten Spruch schmelzen lassen.

    Eltern die sich informieren würden, hätten mit Sicherheit gefallen an der Idee der Waldorfschule, die nicht auf pure Einteilung der Menschen in Leistungsgruppen setzt sondern Individualität und Vielfalt fördert.

    Meiner Meinung nach ist die Waldorfschulform eine der besten um sich im Leben zu festigen und wirklich eine Art "ICH" zu bilden mit dem man klarkommt. Der Unterricht den ich erlebt habe, hatte übrigens wenig mit Religionlehre zu tun.

    Und zu den Lehrer die Menschen ggf. in die falsche Richtung weisen kann ich nur sagen - auch die gibts überall.
    Es gibt halt gute und weniger gute Lehrer.

    • Pyr
    • 26. Februar 2011 10:39 Uhr

    Ich kenne mehrere Waldorfschüler, welche gerade in technischem Denken unglaublich begabt sind (und nebenbei atheistisch, so viel zur "Indoktrination"). Durchgeknallt sind sie höchstens im Sinne von "nerdig", was ich nicht als negativ ansehe. Ein großer Teil der Gesellschaft leider schon, gerade bei Kindern werden Nerds nicht gut akzeptiert. Die Waldorfschule scheint mir für diese Kinder ein Rückzugsort zu sein, ein Ort an welchem diese ihre Kreativität und alternative Denkweise ausleben können. Solche Gebiete muss es in der Gesellschaft geben. Die abwertende Bezeichnung als "verrückteste Vögel" demonstriert genau diesen Punkt perfekt.

    Wenn Waldorfschüler Abitur schreiben, werden bei ihnen übrigens keine anderen Maßstäbe angesetzt. Sie haben es eher schwerer, weil sie zuvor nicht den Stoff so sehr durchgepaukt haben, sondern kreatives eigene Denken gelernt haben. Das wird in den Klausuren aber kaum gefordert. Dass sie es dennoch schaffen, demonstriert eindrucksvoll, dass die Waldorfschule ein Erfolgskonzept sein kann.

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    • _bla_
    • 26. Februar 2011 11:33 Uhr

    "(und nebenbei atheistisch, so viel zur "Indoktrination")."

    Indoktrination und Atheismus sind keine Gegensätze und auch Theismus setzt keine Indoktrination voraus.

    Der Hinweis auf Atheismus ist daher nicht hilfreich um Indoktrinationsvorwürfe zu klären, entscheidend ist, ob versucht wird, durch einseitige oder sogar bewusst falsche Informationen, Menschen so zu manipulieren, das eine Ideologie ohne Hinterfragen akzeptiert wird. Entscheidend ist auch schon der Versuch und nicht bloss die erfolgreiche Indoktrination.

  3. "Wenig Rückendeckung in der Wissenschaft". Ich wage zu bezweifeln, dass R. St. bei den Philosophen (ich denke da sehen ihn viele seiner Anhänger) dank, seines nicht-methodischen Arbeit [heute würde man es unwissenschaftliches Arbeiten nennen] in irgendeiner Form anerkannt ist. Er verwendete eine Form von Goethes Sicht der Planzenlehre, die bereits zu seiner Zeit, wissenschaftlich gesegen veraltet war. Sehr interessant, ich habe von meiner Oma, ein Planzenkundebuch aus den 1920 er Jahren geerbt. Natürlich sind ein paar Vermutungen wiederlegt und bei einigen Beschreibungen ist der Schlusssatz, das ist jetzt Stand der Wissenschaft, mehr wissen wir zurzeit über diese Pflanze nicht. Sehr interessante Lektüre! Ich denke dass R St. ein Problem hatte, er versuchte wie sein Vorbild Goethe, von dem er nicht nur die Betrachtung der Pflanzen übernommen hatte, ein Naturforscher und "Allrounder" zu sein. Diesen Ansprüchen konnte er aber rein fachlich zu der Zeit nicht mehr gerecht werden. "Die zeitweise rassistischen Thesen" findet sich in mehreren Werken Steiners wieder, so dass diese Bücher auf dem Index, gelandet sind. Folglich nicht dem Normalbürger zugänglich sind.

  4. Auf einer von uns ausgerichteten Philosophie-Tagung (Junge Philosophie) in [derTU] Darmstadt, gab es eine ehemalige Waldorschülerin (wie mich). Diese hat eine Schrift von Steiner vorgestellt. Sie hat erzählt ursprünglich wollte sie mehrere Schriften bündeln und vorstellen. Leider waren Steiners Definitionen, mit denen sie arbeiten wollte so unscharf oder auch gar wiedersprüchlich, dass man damit nicht mit wissenschaftlichen Methoden herangehen konnte. Natürlich lebt die Wissenschaft davon, dass vielleicht ein junger Philosoph etwas anderes erzählt als der selbe alte Philosoph, weil er in seinem Forschungsprozess weitergekommen ist und seine (junge) frühere These als wiederlegt betrachtet. Jedoch zieht sich eine schlüssige Argumentationskette durch ein Werk. Diese habe ich gelernt war nicht vorhanden. Gerade wie einige Anhänger diese Steinerschen Dogmen verteidigen und auch keine wissenschaftliche Herangehensweise zulassen, zeigt für mich das ein „ist-Zustand“ eines Gedankengebäudes mumifiziert wird und unwiederlegbar gilt. Deswegen würde ich die Anthroprosophie als solche, nicht der Philosophie zuordnen. Anthroposophie ist keine Wissenschaft und lässt sich nur schlecht nach wissenschaftlichen Methoden bearbeiten.

    • Aleph
    • 26. Februar 2011 10:55 Uhr

    An seinem Verhältnis zu Krischnamurti kann man wesentliche Charakterzüge des [...] R. Steiner ablesen. Wenn in dem Artikel nun steht, dass Steiner aus "Protest gegen die Vergötterung des Inders Jiddu Krishnamurti" seine Sekte gegründet habe, dann führt das zu dem Eindruck, als sei dies eine begründete und nachvollziehbare Handlung, die Steiner ehrt und respektabel macht, weil der Eindruck entsteht, dass er sich aufklärerisch gegen eine "Vergötterung" zur Wehr setzte. So kann man auf leisen Sohlen der Irrationalität, Verwirrung und der geistigen Repression das Wort reden - das passt ja aber in unsere Zeit des scheinheiligen Gutmenschentums.

    Teil entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

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    • medwed
    • 26. Februar 2011 11:28 Uhr

    Was soll dieser dämliche Goebbels-Begriff "Gutmensch"? Wer ihn verwendet, rückt selbst gefährlich nahe in die Richtung des Kreators. Es ist Zeit, dass dieses Unwort auf die Müllhalde sprachlicher Entgleisungen geschmissen wird.

  5. kenne ich nur zu gut, eine sehr liebe Freundin von mir (sie studiert heute Musik!) war immer ganz gut in der (Waldorf)Schule und war zudem was ihr Musikinstrument betraf sehr begabt. Ihr Klassenlehrer und später vor allem ihr Klassenbetreuer (ab der 9. Klasse) haben sich aber in den Kopf gesetzt, ach das wäre ja so eine gute Sozialassistentin (Ausbildung 1 Jahr, Zugangsvoraussetzung Hauptschulabschluss). Eigentlich müsste man meinen, dass dieses Kind als Schülerin von den Lehrern nur so hoffiert werden müsste, entsprach sie doch in der musischen Entwicklung ganz nach den Vorstellungen dieser Lehrer... -Pustekuchen!- Nach dem sogenannten Differenzierungsgespräch (unsere Waldorfschule lief nach Gesamtschulkonzept) kam sie ganz aufgelöst zu mir. Sie wusste (im Gegensatz zu mir) bereits was sie nach der Schule machen wollte. Da ich selber den Absprung an die Staatsschule nicht gebacken bekommen habe, habe ich sie darin bestärkt. Sie musste nicht eine Klasse wiederholen, wie das bei anderen Schülern der Fall war, hat ihr Abitur abgelegt (sehr gut, aus den Waldorfkreisen, großäugiges Staunen...) hat danach ein FSJ absolviert und studiert jetzt Musik (Geige und Klavier). Durch dieses Schubladendenken, man hat ja schon so ein klasse Bild vom Schüler, dass der sich noch entwickelt und vielleicht in eine Richtung die mir nicht passt... wollen manche nicht wahrhaben. Ich hoffe die (Lehrer dieser Schule haben sich jetzt geändert oder sind nicht mehr da!) Best E.

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    • Rewolt
    • 27. Februar 2011 21:11 Uhr

    Ich denke, dass dies kein Problem ist, welches lediglich Waldorfschulen betrifft. Das Problem liegt wohl eher darin, dass einige Lehrer mit den Jahren ihrer Berufsausübung eine äußerst seltsame Einstellung zu Schülern bekommen und derart abstumpfen, dass sie nicht mehr differenzieren können oder wollen. Beispiele für Begabungen von Schülern, die nicht erkannt oder aber ignoriert werden finden sich in allen möglichen Schulformen wieder.

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