Doch das frühe 20. Jahrhundert ist eine fruchtbare Zeit für Steiners Mischung aus östlichen Einflüssen, vormodern Mystischem und modernen Idealen wie der sozialen Dreigliederung: Steiner postuliert die Trennung von Kultur, Staat und Wirtschaft, in denen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen sollen. Landwirtschaft, Religion, Medizin, Kunst – Steiner hat zu allem etwas zu sagen. Sein in rund 6000 stenografierten Vorträgen, mehreren Büchern und etlichen Aufsätzen entworfenes weitläufiges Lehrgebäude hat verwinkelte Flure und zahllose Räume.

In einigen verbirgt sich Unansehnliches: Steiner übernimmt von den Theosophen zeitweilig die Idee, dass verschiedene Menschen-"Rassen" auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen stünden. Eine unabhängige Kommission im Auftrag der niederländischen Anthroposophischen Gesellschaft findet 1996 auf 89.000 Steinerschen Seiten 67 diskriminierende Textstellen. Für das Gesamtwerk seien sie von untergeordneter Bedeutung, Steiners Menschenbild stehe "auf der Grundlage der Gleichwertigkeit aller menschlichen Individualitäten und nicht auf einer vermeintlichen Überlegenheit der einen Rasse gegenüber einer anderen".

Steiner ermutigt andere, auf seinen Ideen aufzubauen. So entstehen nach und nach etliche anthroposophisch geprägte Einrichtungen: die von Theologen gegründete Christengemeinschaft, der biologisch-dynamische Landbau, die anthroposophische Medizin. Auf Bitten von Emil Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, entwickelt Steiner 1919 für die Kinder der Arbeiter die erste Waldorfschule – seine wohl nachhaltigste Erfindung.

In Dornach in der Schweiz entsteht von 1913 an als Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft ein hölzerner Doppelkuppelbau nach Steiners Plänen: das Goetheanum, 1920 eröffnet. Es fällt schon 1922 einem Feuer zum Opfer – vermutlich Brandstiftung. Steiner hat auch Feinde. Als er am 30. März 1925 stirbt, hat der Bau des zweiten Goetheanums, aus Beton gegossen, gerade erst begonnen. Es steht heute noch.