WaldorfpädagogikRudolf Steiner - Genie oder Spinner?

Für Anthroposophen ist er das größte Idol des 20. Jahrhunderts, für Kritiker ein Sektengründer. Trotz wenig Rückhalt in der Wissenschaft werden Steiners Ideen gelebt. von 

Rudolf Steiner Waldorf Kindergarten Pädagogik

Kinder beim Plätzchen backen in einer Berliner Waldorfschule  |  © Andreas Rentz/Getty Images

In den zwanziger Jahren hält Rudolf Steiner vor Bauarbeitern, die an seinem Goetheanum werken, einen Vortrag. Er fragt sich, was passieren würde, fräße ein Ochse Fleisch statt Pflanzen. "Er lässt die ganzen Kräfte ungenützt, die in ihm Fleisch erzeugen können", sagt Steiner, mit der Folge, dass "riesige Mengen von Harnsäuresalzen" sein Gehirn vergiften – "der Ochse würde verrückt werden". Steiner-Anhänger sagen: Prima, der Mann hat den Rinderwahnsinn vorhergesagt. Kritiker sagen: Fleisch erzeugende Kräfte, Harnsäuresalze, unwissenschaftlicher Blödsinn. Irgendwie stimmt beides.

Auch mit dem Lebenslauf des Begründers der Anthroposophie haben sich lange Zeit teils schwärmerische Anhänger einerseits und harsche Abrechnungsliteraten andererseits befasst. Jetzt, im Jubiläumsjahr, sind gleich mehrere Biografien von Nichtanthroposophen erschienen. Die Konstanzer Historikerin Miriam Gebhard etwa sieht als Leitmotiv in Steiners Leben radikale Modernität: "Er verweigerte einen klassisch-bürgerlichen Lebenszuschnitt und ‚erfand‘ sich immer wieder neu."

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Menschenbild

Steiner unterscheidet verschiedene "Wesensglieder" des Menschen, benutzt jedoch wechselnde Aufteilungen.

In Anlehnung an Goethe nennt er drei Arten des Verhältnisses des Menschen zur Welt Leib, Seele und Geist, die er in verschiedenen Modellen weiter differenziert.

In einer anderen Variante spricht er von einem physischen Leib, einem Äther- oder Lebensleib, einem Astral- oder Seelenleib und dem Ich. In der Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen entfalten sie sich nach und nach.

Temperamente

Schon aus der Antike kommt die Idee der vier Temperamente, die für Steiner vor allem in der Entwicklung des Kindes relevant sind.

Er ordnet sie den Wesensgliedern zu: dem physischen Leib das phlegmatische, dem Ätherleib das sanguinische, dem Astralleib das cholerische und dem Ich das melancholische Temperament.

Steiner nutzt sie in seiner Pädagogik, um zum Beispiel Kinder mit gleichen Temperamenten nebeneinander zu setzen; so sollen sie lernen, mit ihren Charaktereigenschaften umzugehen.

Christengemeinschaft

Die 1922 von einer Gruppe meist evangelischer Theologen mit Hilfe Steiners gegründete Christengemeinschaft versteht sich als von der Anthroposophie inspirierte, aber selbstständige christliche Kultusgemeinschaft.

Zwar besitzt jeder ihrer Priester Lehrfreiheit, doch gelten die von Steiner verfassten liturgischen Texte als unantastbar. Zu den Glaubensbestandteilen gehören unter anderem eine Wiederkunft Christi in Stufen (ätherisch, astral, kosmisch) und eine evolutionäre Weltentstehung.

Medizin

Die anthroposophische Medizin sieht Krankheit als gestörte Wechselwirkung der Wesensglieder, bezieht also psychische Aspekte mit ein.

Mineralische, pflanzliche und tierische Substanzen, meist in homöopathischer Form verabreicht, sollen das Gleichgewicht wieder herstellen.

Hinzu kommen Therapien wie Heil-Eurythmie, Rhythmische Massage und Kunsttherapie. Die 1922 in Steiners Umfeld gegründete Firma Weleda ist einer der größten Hersteller homöopathischer Arzneimittel sowie Körperpflegeprodukte.

Landwirtschaft

In den zwanziger Jahren baten Landwirte Steiner um Anregungen. Er entwickelte die Idee des "landwirtschaftlichen Organismus", die biologisch-dynamische Landwirtschaft.

Dazu gehört die Forderung, dass möglichst viele Tier- und Pflanzenarten auf dem Hof leben sollen, Saatgut und Mist als Dünger selbst produziert werden.

Kunstdünger, chemische Pestizide und Gentechnik sind tabu. Stattdessen werden der Homöopathie ähnliche Präparate verwendet, deren Anwendung ebenso wie Aussaat und Ernte "kosmischen Rhythmen" folgt.

Steiner wächst unstet an verschiedenen Orten Österreichs auf. Sein Vater ist Telegrafist bei der Bahn, mit wechselnden Arbeitsplätzen. Geboren wird Rudolf Steiner am 27. Februar 1861 an der damaligen Grenze Österreichs zu Ungarn im kroatischen Donji Kraljevec – "zufällig", schreibt er selbst, und dass er schon zu Schulzeiten Kant gelesen habe. Später studiert Steiner dank Stipendium an der Wiener Technischen Hochschule Mathematik und Naturwissenschaften, hört auch Literatur, Philosophie und Geschichte.

Nach dem Studium arbeitet Steiner an Ausgaben der Werke Goethes mit, später in Weimar im Goethe-Schiller-Archiv. 1891 promoviert er in Rostock in Philosophie. Er verkehrt in Denker- und Literatenkreisen, unter Linken, Anarchisten, Bohemiens. Fünf Jahre lang lehrt er an der vom Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiter-Bildungsschule in Berlin. Von Religion hält er wenig, von Esoterik noch weniger.

Dennoch laden ihn Anhänger der Theosophie, einer mystisch-esoterische Gruppierung, zu Vorträgen ein. Er spricht über den just verstorbenen Nietzsche, über Goethe. Als gefragter Referent für die im betuchten Bildungsbürgertum modische Bewegung füllt Steiner seine notorisch leere Haushaltskasse. Er selbst gibt intensive Beschäftigung mit Glaubensfragen als Grund für seinen Sinneswandel an.

1902 wird Steiner Vorsitzender der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Er bleibt aber stets auf Distanz zu deren Indien-Verliebtheit, will an abendländisch-christlichen Denktraditionen festhalten. 1913 kommt es zum Schisma: Aus Protest gegen die Vergötterung des Inders Jiddu Krishnamurti wird die Anthroposophische Gesellschaft gegründet.

Steiner bezeichnet seine Anthroposophie als Geisteswissenschaft und meint eine Wissenschaft vom Geist. In einer Art hellseherischen Erfahrungen will er unter anderem Erkenntnisse über die Entstehung der Welt und des Menschen, über Wiedergeburt, Karma und das Wesen des Christentums gewonnen haben. Für die Wissenschaft ist das Spiritismus und Scharlatanerie, für die Kirche Sektierertum.

Leserkommentare
  1. Der unbestritten große Erfolg der Waldorfschulen wird gerne als Beweis für die Richtigkeit und Wirksamkeit der Ideen Rudolf Steiners herangezogen. Das ist natürlich Unsinn!

    Dieser Erfolg kann von allem möglichen herrühren z.B.:
    - Schulgeld (und damit zwangsläufig verknüpft)
    - soziale Auslese der Schüler
    - ehrenamtliches Engagement aller an der Schule beteiligten
    - stärkere Identifikation der Beteiligten mit "ihrer" Schule
    - Mangel an alternativen Schulen
    etc.

    Ferner wird verdrängt, dass die Waldorfschule oftmals nicht wegen sondern trotz der zugrunde liegenden Ideologie Rudolf Steiners gewählt wird, und dass die Schüler im allgemeinen lobend hervorheben, wenn sie in der Schule nicht mit dieser Ideologie konfrontiert werden.

    Deshalb sage ich:

    1) Die Antroposophie schadet den Waldorfschulen, weil deren Schüler dadurch stigmatisiert werden, obwohl Anthroposophie an der Waldorfschule kein Unterrichtsfach ist.

    2) Den Waldorfschulen würde es noch besser gehen, wenn Sie sich von der Ideologie ihres Gründers lossagten.

    3) Ihre teilweise alternativen Unterrichtskonzepte müssten deshalb nicht aufgegeben werden, sofern sie sich bewährt haben. Die Schule würde aber reformierbar und Falsches könnte aussortiert werden.

    Im Anschluss wäre die Beantwortung der im Titel gestellten Frage, in meinen Augen, ganz einfach, wobei ich natürlich die Religionsfreiheit respektiere.

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  • Schlagworte Rudolf Steiner | Anthroposophie | Esoterik | Fleisch | Medizin | Waldorfschule
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