DIE ZEIT: Warum siedeln Menschen überhaupt in Gebieten, in denen immer wieder schwere Naturkatastrophen drohen?

Gerrit Schenk: In unterschiedlichen Kulturen werden sehr unterschiedliche Kosten-Nutzen-Analysen angestellt. Die Dammbaugesellschaften an der Nordseeküste haben sich stark an die Flutgefahren adaptiert. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass sich dort wieder einmal eine Flutkatastrophe ereignet, aber man hat das Risiko minimiert. Das ist der Preis dafür, das sehr fruchtbare Land zu nutzen, die Hafenstädte auszubauen und die Fischfangkultur zu pflegen. Dafür nimmt man im Fall einer Katastrophe in Kauf, unter Umständen sehr hohe Verluste an Menschenleben zu erleiden.

ZEIT: Gilt das vergleichbar auch für Erdbebenregionen?

Schenk: Menschen passen sich auch in vulkanischen und Erdbebenregionen an die Risiken an. Der britische Historiker Greg Bankoff von der University of Hull spricht von cultures of disaster , Katastrophenkulturen. Es gibt sehr gut an natürliche Extremereignisse angepasste Kulturen. Doch die kulturelle Entwicklung, die Bauweisen und Siedlungsstrukturen, der Umgang mit historischen Katastrophen haben einen entscheidenden Einfluss darauf, wie groß die Katastrophe nach der Naturkatastrophe ist.

ZEIT: Am Fuße des Vesuvs, eines der gefährlichsten Vulkane der Welt, siedeln unbekümmert Menschen. Dort hat eine der berühmtesten historischen Naturkatastrophen stattgefunden, der Untergang von Pompeji. Haben Menschen kein Katastrophengedächtnis?

Schenk: Die Region um den Vesuv ist sehr fruchtbar. Darum haben die Menschen dort gesiedelt, obwohl sie die Gefährdung durch den Vulkan kannten – wenn sie auch nicht das Ausmaß vor Augen hatten, das die Katastrophe von Pompeji zeigte. Italien hat durchaus aus seiner Geschichte gelernt. Es hat eine historische Seismologie begründet, mit sehr viel Aufwand einen 2000 Jahre in die Vergangenheit reichenden Erdbebenkatalog eingerichtet und eine Gefahrenzonierung vorgenommen, um etwa Chemieunternehmen und ähnlich riskante Industrie nicht in Erdbebenzonen anzusiedeln.

ZEIT: Und warum sind die Flanken des Vesuvs dann nicht unbewohnt?

Schenk: Die Theorie der Katastrophenforscher stößt auf die politische Alltagspraxis. In der werden Kommunen bestochen oder Bauten schlicht illegal errichtet. Es hängt von der Kultur ab, ob man eine historische und wissenschaftliche Erkenntnis am Ende praktisch umsetzt. Italien mit der Region rund um den Vesuv ist ein klassisches Beispiel dafür, dass ein Risiko bekannt ist, aber im Alltag ignoriert wird.

ZEIT:Istanbul ist eine extrem durch Erdbeben gefährdete Stadt. Ist jemals eine – geologisch betrachtet – unglücklich gelegene Metropole verlagert worden?

Schenk: Die großen Städte sind historisch gewachsen. Seit Byzanz gegründet wurde, ist dieser Ort ein Kraftzentrum am Mittelmeer. Und niemand wird eine Millionenmetropole wie das heutige Istanbul umsiedeln. Die Siedlungsmuster sind manchmal über Jahrtausende vorgegeben. Aber auch jüngere Gründungen wie New York wird niemand verlegen wollen, obwohl es als Hafenstadt durchaus in einer Gefahrenzone liegt. Wenn aufgrund des Klimawandels der Meeresspiegel steigt, sind zuerst die am dichtesten besiedelten Regionen der Erde in Gefahr, die Küsten.