DiplomatieMit Ping-Pong zum Handschlag zwischen Mao und Nixon

1971: In China machte Mao Kulturrevolution und die USA kämpften in Vietnam. Das Verhältnis zwischen den Großmächten war mies. Da bringt ein Zufall sie einander näher. von Friedhard Teuffel

Peking, 1972: US-Präsident Richard Nixon schüttelt Mao Tse-tung, dem Führer der Kommunistischen Partei, die Hand

Peking, 1972: US-Präsident Richard Nixon schüttelt Mao Tse-tung, dem Führer der Kommunistischen Partei, die Hand  |  © Keystone/Getty Images

Diese Geschichte beginnt damit, dass ein Hippie in den falschen Bus steigt, ein 18 Jahre alter Amerikaner mit langen Haaren und Schlaghosen, der gerne Marihuana raucht. Und sie wird damit enden, dass der amerikanische Präsident Richard Nixon nach Peking fliegt und Chinas kommunistischem Parteichef Mao Zedong die Hand schüttelt.
Der Hippie heißt Glenn Cowan. Er gehört zur Tischtennis-Nationalmannschaft der USA, die 1971 zur Weltmeisterschaft nach Japan reist, das Turnier findet vom 28. März bis zum 7. April in Nagoya statt. Nicht, dass Tischtennis in den USA eine besondere Rolle gespielt hätte. Im Land des Footballs und Baseballs wirkt Tischtennis heute immer noch eher exotisch.

Aber vielleicht zog dieser Sport deshalb auch Cowan an, der alles sein will, nur nicht angepasst. Auf dem Weg zur Sporthalle in Nagoya muss er einen Bus nehmen, wie sie schon 1971 zu sportlichen Großveranstaltungen gehören, damit die Athleten zügig vom Hotel zur Wettkampfhalle kommen. Cowan steigt ein – und steht auf einmal mitten in der chinesischen Nationalmannschaft.

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Das Verhältnis zwischen den USA und China ist in jenen Jahren außerordentlich schlecht. Im Koreakrieg 20 Jahre zuvor hatten Soldaten beider Länder sogar gegeneinander gekämpft. Und noch tobt der Vietnamkrieg, in dem die USA den kommunistischen Machtbereich in Südostasien zurückdrängen wollen. Die chinesischen Tischtennisspieler sind zudem verunsichert durch die Ereignisse in ihrem eigenen Land. Die Kulturrevolution stellt vermeintliche Gewissheiten infrage, es ist schwer zu beurteilen, was gerade falsch oder richtig ist. Und jetzt steht da ein merkwürdig aussehender Amerikaner in ihrem Bus. Zum Aussteigen ist es zu spät. Für die 15-minütige Fahrt zur Halle wird man beisammenbleiben müssen.

Einige starren Cowan an, manche lächeln aber auch, und Cowan fragt nach einem Dolmetscher unter ihnen. Er hebt zu einer kleinen Rede an: "Ich weiß, mein Schlapphut, meine Haare, meine Klamotten sehen für euch lustig aus. Aber es gibt viele, viele Menschen, die so aussehen wie ich und die denken wie ich." Cowan sieht sich als Revolutionär im eigenen Land, "weil die Leute an der Spitze von gestern sind".

Eine Antwort erhält er erst einmal nicht. Wahrscheinlich denken die Chinesen an die Worte ihres Delegationsleiters. Der hatte ihnen eingeschärft: "Ihr dürft jedem die Hand schütteln, nur keinem Amerikaner. Und ihr dürft euch mit jedem fotografieren, nur mit keinem Amerikaner." Zwei Weltmeisterschaften haben die Chinesen auf politische Anordnung ausgelassen, obwohl sie wissen, dass sie die Nummer eins sind und Mao Zedong, der Parteivorsitzende und Lenker ihres Landes, dem Tischtennis weltweite Anerkennung zu verdanken hatte.

Es war der Internationale Tischtennisverband, der die Volksrepublik China Anfang der 50er Jahre als Mitglied aufgenommen hatte, als erster Sportverband überhaupt. Und im Tischtennis errang China erstmals einen Weltmeistertitel, 1959 in Dortmund. Das alles zählt jedoch in der Kulturrevolution nicht mehr viel, die seit 1966 das Land erschüttert. Mao will die Kommunistische Partei erneuern, der Klassenkampf soll konsequenter geführt werden. Besitz gilt als verdächtig, ebenso Privilegien und wohl auch sportliche Begabung. Einzel-Weltmeister Zhuang Zedong erhielt sogar ein Trainingsverbot.

Er ist der zweite Hauptdarsteller in dieser Geschichte, er sitzt im Bus ganz hinten. Drei Weltmeistertitel machen Zhuang Zedong zu einer Art Mannschaftssprecher. Diese Rolle will er nun ausfüllen. Er denkt dabei an seine konfuzianische Erziehung: "Sei immer freundlich zu anderen", das hatten ihm seine Eltern mit auf den Weg gegeben. Und an einen aktuellen Satz von Mao: "China sollte alles dafür tun, um eine gute Beziehung zu den Vereinigten Staaten aufzubauen."

Mao geht es längst darum, Chinas internationalen Einfluss zu steigern. Die Chance dazu scheint günstig, die US-Regierung ist wegen des Vietnamkriegs unter Druck geraten. Zudem hat sich das Verhältnis Chinas zur Sowjetunion verschlechtert. Beide Länder konkurrieren nicht nur um den wahren Weg zum Kommunismus. Es gibt einen Grenzkonflikt am Fluss Ussuri, 1969 starben Soldaten auf beiden Seiten. Und wer will schon zwei Supermächte zum Gegner haben?

Zhuang Zedong macht sich auf den Weg von der letzten Reihe im Bus nach vorne zu Cowan. Seine Teamkollegen wollen ihn aufhalten. "Ich habe ihnen gesagt, dass er nur ein Sportler ist und kein Politiker." Zhuang Zedong muss heute noch oft davon erzählen, wie das mit der Ping-Pong-Diplomatie damals losging. Er ist der wichtigste Zeitzeuge, seit Glenn Cowan 2004 gestorben ist.

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    • Schlagworte Mao Zedong | Zhou Enlai | Richard Nixon | China | USA | Bus
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