1981: Attentat auf Johannes Paul II.Wie der polnische Papst zum Mythos wurde

Seit dem Tod von Papst Johannes Paul II. ranken sich Legenden um ihn. Fester Bestandteil dieses Mythos ist das Attentat, das sich jetzt zum 30. Mal jährt. von 

Papst Johannes Paul II Rom Vatikan Attentat 1981

Das Attentat am 13. Mai 1981: Der Papst Johannes Paul II. in seinem Fahrzeug auf dem Petersplatz in Rom, kurz nachdem ihn eine Kugel getroffen hat.  |  © Tommy W. Andersen/Keystone/Getty Images

Der Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca scheint von Johannes Paul II. nicht loszukommen. Sein Anwalt sagte kürzlich der Nachrichtenagentur AFP, Ali Agca wolle zum 30. Jahrestag seines Anschlags auf den Papst erst den portugiesischen Marien-Wallfahrtsort Fatima besuchen und anschließend am Grab von Johannes Paul II. im Petersdom Blumen niederlegen. Der 53-Jährige habe aber keine Antwort auf seine Visa-Anträge erhalten.

In Fatima soll Hirtenkindern am 13. Mai 1917 die Gottesmutter Maria erschienen sein, auf den Tag genau 64 Jahre, bevor am 13. Mai 1981 um 17.17 Uhr drei Schüsse aus Ali Agcas halbautomatischer Browning-Pistole den Papst trafen, der auf dem Weg zur Generalaudienz war. Mit Höchstgeschwindigkeit wurde der damals 60-jährige Papst vom Petersplatz in die Gemelli-Klinik gebracht.

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Mehr als fünf Stunden lang wurde er dort operiert. Eine der Kugeln war in den Bauchraum eingeschlagen. Doch der Papst hatte Glück gehabt – oder den Beistand der Gottesmutter: Die Kugel hatte außer dem Darm kein wichtiges Organ und keine großen Blutgefäße getroffen und auch die Wirbelsäule verfehlt. Ein Abschnitt des Darms musste entfernt werden.

Die Legendenbildung begann umgehend. "Nackt wie Christus am Kreuz" habe Johannes Paul II. auf dem OP-Tisch gelegen, sagte am Morgen nach dem Attentat der vom Vatikan als Augenzeuge benannte Bischof Fiorenzo Angelini. Ende 1984 besuchte der Papst Ali Agca im Hochsicherheitsgefängnis Rebibbia. Sein Privatsekretär Stanislaw Dziwisz schrieb später, der Attentäter habe den Papst nach der "mächtigen Göttin von Fatima" gefragt, die ihn beschützt habe. Johannes Paul II. war sicher: Eine "mütterliche Hand hat die Flugbahn der Kugel geleitet".

Mitrokhin-Kommission

Ein Ausschuss des italienischen Parlaments, die Mitrokhin-Kommission, befand 2006, bulgarischer Geheimdienst und deutsche Stasi hätten das Attentat auf Johannes Paul II. im Auftrag der russischen Regierung organisiert.

Diese Kommission allerdings hatte die rechtspopulistische Parlamentsmehrheit vor allem eingesetzt, um mit fragwürdigen Methoden die Furcht vor der Unterwanderung durch kommunistische Agenten zu schüren. Sie bezeichnete unter anderem den linksliberalen zweimaligen Premierminister Romano Prodi als KGB-Agenten.

Fatima-Prophezeiung

Die Fatima-Prophezeiung lautet in Auszügen so:

"Und wir sahen in einem ungeheuren Licht, das Gott ist: etwas, das aussieht wie Personen in einem Spiegel, wenn sie davor vorübergehen und einen in Weiß gekleideten Bischof – wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war. (…) Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen. Genauso starben nach und nach die Bischöfe, Priester, Ordensleute und verschiedene weltliche Personen, Männer und Frauen unterschiedlicher Klassen und Positionen."

Quelle: Heiligenlexikon

Der Papst hatte die Heilige Maria, ganz in der Tradition seiner polnischen Heimat, stets besonders verehrt. Ihr Initial M führte er seit seinem Amtsantritt 1978 in seinem Wappen. Ein Jahr nach dem Anschlag bedankte er sich mit einer Wallfahrt nach Fatima bei seiner Beschützerin – und einem Geschenk: Er hatte die Kugel, die ihn beinahe getötet hätte, vergolden lassen. Die Madonnenstatue trägt sie bis heute in einer Krone auf ihrem Haupt.

Im Jahr 2000 veröffentlichte Johannes Paul II. die dritte Botschaft der Marienerscheinung von Fatima. Eines der Kinder, die die Gottesmutter 1917 gesehen haben wollten, hatte sie in einen verschlossenen Umschlag gesteckt. Für Johannes Paul war klar, dass der reichlich wirre Text über die Tötung eines "in Weiß gekleideten Bischofs" das Attentat auf ihn vorhersagte.

Dass der Papst seinem Attentäter noch auf dem Krankenbett verzieh und ihn später bei seinem Besuch im Gefängnis sogar umarmte, half, jenen übermenschlichen Nimbus auszubilden, der dazu führte, dass nach dem Tod Johannes Pauls II. am 2. April 2005 die Menge auf dem Petersplatz mit dem Ruf "Santo subito" die rasche Heiligsprechung forderte. Am 1. Mai hat sein Nachfolger, Benedikt XVI., ihn selig gesprochen. Das ist nach den Regeln der katholischen Kirche die Voraussetzung, um heilig gesprochen zu werden.

Zu den Gründen für die Bewunderung, die viele Katholiken dem als Karol Wojtyla bei Krakau geborenen Papst entgegenbringen, gehört dessen hartnäckige Kritik an den Regimes des Ostblocks und die Unterstützung für die Solidarnosc-Bewegung in Polen. Genau die soll der Grund für das Attentat gewesen sein, glaubt man der gängigsten der vielen Theorien, die ganze Regalmeter füllen. Das Opfer hielt Ali Agca nicht für einen Einzeltäter, er vermutete Hintermänner hinter dem Anschlag. Der Verdacht fiel auf Moskau und seine Verbündeten.

Leserkommentare
    • nouraa
    • 13. Mai 2011 9:02 Uhr

    Der Geburtsname war nicht Karel, sondern Karol - die polnische Form für Karl.

    • Fizia
    • 13. Mai 2011 9:03 Uhr

    ...des Papstes lautete Karol, nicht (die tschechische Version) Karel.

  1. Redaktion

    Der Fehler wurde korrigiert.

  2. Wir waren auf Oberstufenfahrt damals mit auf der Audienz, hatten uns zuerst noch so darüber geärgert, dass der Papst mehr als eine Stunde Verspätung hatte. Wir sind ja evangelisch, und dann das.Wir besitzen ein Foto von ihm,das kurz vor dem Schuss entstand, auf welchem tatsächlich ein Lichtstrahl vom Petersdom her auf ihn fiel.

  3. Die extreme Verehrung Woytylas hat sicher mehrere Gründe. Einerseits liegen sie in seiner starken Persönlichkeit, auch wenn diese nur manchmal zum Vorschein kam, z. B. als er sich bei einer Messe über die Methoden der Mafia ausließ und sich sichtlich aufregte. Wenn ich das tue, juckt es die Mafiosi herzlich wenig. Wenn es aber der Papst tut, dass ist es für diese der Fahrschein ins Verderben. Und Woytyla wusste dies. Das war eine große Tat von ihm.
    Andererseits hat er sich nie gegen mystische Geschichten gesträubt, er hat sie vielleicht nicht persönlich benutzt, aber er hat diejenigen, die sie benutzt haben, um all die Naiven zu benebeln, machen lassen. Dazu gehört vor allem Fatima, eine Geschichte, welche Maria und Jesus Christus zu einem David Copperfield mit Assistentin reduzieren. Als Oberhirtehätte Joh. Paul II aufklären müssen, er hätte den Sinn des Neuen Testaments mehr in den Vordergrund rücken müssen, klarstellen, dass in diesem steht, wie man leicht Probleme löst und dass es nicht einer Show bedarf, um zu wissen, was wir tun müssen. Auch um der Geschichte Rechnung zu tragen, nach welcher Christus von den Pharisäern gefragt wurde, was sie denn seiner Meinung nach tun sollen und er antwortet, dass es vermutlich nichts bringt, wenn er noch einmal das gleiche wie die Propheten erzählt, wenn sie auch denen nicht zuhören.

  4. nur Gold zeigt wo es lang geht. Demut ist in den oberen Etagen der kath. Kirche nicht gefragt.
    Ach ja, die Vergangenheit des Attentäters bei den Grauen Wölfen und der Herkunft des Papst Johannes Pauls II. ist doch eine schöne Parallele. Waren es nicht Polen, die Wien vor den Türken retteten und die ungehemmte Ausbreitung des Osmanischen Reiches stoppten?

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  • Schlagworte Mehmet Ali Agca | Benedikt XVI | Katholische Kirche | AFP | Anschlag | Attentat
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