Boris JelzinTriumphator und Zerstörer der Sowjetunion

Am 12. Juni 1991 wählten die Russen Jelzin zu ihrem ersten Präsidenten. Menschenrechtler Kowaljow erinnert an das seltsame Demokratieverständnis von Boris Nikolajewitsch. von Susanne Spahn

Am Tag seiner Wahl zum ersten demokratischen Präsidenten Russlands, wird Boris Jelzin von seinen Anhängern gefeiert. Hier ist er gemeinsam mit seiner Frau Naina auf dem Weg zum Wahllokal.

Am Tag seiner Wahl zum ersten demokratischen Präsidenten Russlands, wird Boris Jelzin von seinen Anhängern gefeiert. Hier ist er gemeinsam mit seiner Frau Naina auf dem Weg zum Wahllokal.  |  © Wojtek Druszcz/AFP/Getty Images

Der 12. Juni war der Tag des Triumphs des Volkstribuns aus dem Ural. Einen überwältigenden Sieg hatte er errungen. Er, der radikale Änderungen wollte, dem die Perestroika zu langsam ging und dem Michail Gorbatschow viel zu zögerlich war. "Boris Nikolajewitsch Jelzin war der populärste Politiker in Russland, dabei war er nur ein Parteisekretär, der ein bisschen nachgedacht und dabei wirre Impulse in Richtung Demokratie erhalten hatte", sagt der hagere Mann. Er ist ein Jahr älter als es Jelzin heute wäre, wenn er lebte.

Sergej Adamowitsch Kowaljow denkt viel nach. In seiner Moskauer Wohnung stapeln sich Akten und Bücher. Auf dem massiven Holzschrank ragt eine Holzskulptur zwischen getrockneten Rosen und Familienfotografien – eine Auszeichnung der Vereinten Nationen für sein Verdienst um die Menschenrechte in Russland. Kowaljow war Jelzins Berater für Menschenrechte, er leitete die Präsidialkommission, die sich selbst auflöste, als mit dem Krieg in Tschetschenien auch die Menschenrechte in Russland zerschossen wurden. Kowaljow weiß, wie es anfing mit der Demokratie in Russland. Und er weiß, warum so schnell nichts daraus wurde.

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Sergej A. Kowaljow
Sergej A. Kowaljow

Er war einst Jelzins Berater für Menschenrechte und leitete die Präsidialkommission Russlands. Heute lebt Sergej Adamowitsch Kowaljow in Moskau.

Kowaljow hat damals die Wahlen beobachtet, er war Deputierter des Obersten Sowjets der russischen Teilrepublik und leitete dort das Komitee für Menschenrechte. "Jelzin war in der Tat der Volkskandidat für das Präsidentenamt, die Menschen glaubten ihm." Die Wahlen 1991 waren durchaus demokratisch, kein Einsatz von administrativen Ressourcen, wie der Druck staatlicher Einrichtungen genannt wird, keine Fälschungen in den Wahlkommissionen – im Gegensatz zu heute. Nur gelegentlich gab es Zwischenfälle, berichtet Kowaljow, zum Beispiel eine Prügelei im Wahllokal, wo eine Militäreinheit gewählt hatte. "Das waren Verletzungen zu Gunsten der Kommunisten, die Militärführung war nicht für demokratische Veränderungen." Die Präsidentschaftswahlen vom Juni 1991 waren die ersten freien Wahlen in Russland. Zuvor galt formal noch das Machtmonopol der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Gorbatschow selbst hatte sich zu Sowjetzeiten nie dem Volksvotum gestellt.

Seinem Triumph zum Trotz sei Jelzin eine tragische Figur, sagt Kowaljow und zieht dabei die Brauen über den Augen in die Höhe. "Er wollte ehrlich der alten Parteiherrschaft ein Ende setzen und das Land in demokratischer Richtung reformieren. Die Tragödie bestand darin, dass er sich die Demokratie nur sehr verschwommen vorstellte." Darin unterschied sich Jelzin allerdings nicht von seinen Wählern und seinen Mitstreitern. "Das gesellschaftliche Bewusstsein davon, was Demokratie ist, hatte sich unter völlig undemokratischen Bedingungen gebildet." Die Demokraten waren damals im Staats- und Parteiapparat noch kaum präsent. Aber sie hatten mit Jelzin einen populären Führer. Sein Kampf gegen die allmächtige Herrschaft privilegierter Parteikader überzeugte immer mehr Menschen. Die ersten demokratischen Parteien und Gruppen schlossen sich zum Wahlbündnis "Demokratisches Russland" zusammen, das Jelzin bei den Wahlen unterstützte. Zum Bündnis gehörte auch die Interregionale Abgeordnetengruppe, die erste oppositionelle Gruppierung im Volksdeputiertenkongress. Unter ihnen war der Dissident Andrej Sacharow, der zusammen mit der gesellschaftlichen Organisation Memorial Kowaljow als Deputierten aufstellte.

Die interregionale Abgeordnetengruppe propagierte die Losung "Alle Macht den Sowjets!", angelehnt an die Oktoberevolution 1917. Gleichzeitig sprachen die Abgeordneten völlig überzeugt von der Gewaltenteilung, erzählt Kowaljow. Die Vorstellungen von Demokratie seien Anfang der 1990er "überaus primitiv und teilweise falsch" gewesen, kritisiert der Menschenrechtler aus heutiger Perspektive. Boris Jelzin gehörte zur ersten Riege der Parteifunktionäre, er hatte seine Führungserfahrung als Erster Sekretär des Gebietskomitees von Swerdlowsk und im Zentralkomitee der KPdSU erhalten.

Leserkommentare
  1. Also ich finde den Artikel sehr undifferenziert. Jelzin war ein Säufer und er war kein Demokrat. Bevor erstmal ein Rechtssystem geschaffen wurde und demokratische Strukturen hat er erstmal die Wechselkurse freigegeben und den Raubtierkapitalismus eingeführt.

    Die Folgen kennen wir und das Oligarchensystem besteht bis heute, bei dem einige Wenige sich quasi alles unter den Nagel reissen konnten.

    Hier mal ein guter Artikel zum Thema:

    http://www.spiegel.de/spi...

    Es kam anders, mit der Nachhilfe des Westens. Angesagt war die "Umwandlung des Kollektivbesitzes der Nomenklatura in Privatbesitz ihrer einzelnen Mitglieder" (so ZK-Funktionär Nowikow). Viele gründeten Banken und schossen untereinander den Markt aus, was binnen fünf Jahren 80 Bankiers das Leben kostete.

    Jelzin nahm sich zum Muster, was Ex-Kanzler Helmut Schmidt den "spekulativen Raubtierkapitalismus" der USA genannt hat. Die Inflation galoppierte und raubte den Bürgern alle ihre Ersparnisse. Nächster Raubzug war die Privatisierung der Betriebe. Sie sollte über Anrechtsscheine ("Voucher") allen Bürgern gleichermaßen zur Mitbeteiligung an der Volkswirtschaft verhelfen, so hieß es. Doch wegen der Inflation gelang vor allem Händlernetzen der Aufkauf der Papiere, Betriebsdirektoren ließen sich Voucher ihrer Belegschaft abtreten - und schon bald konzentrierte sich das lukrative Volksvermögen in den Händen weniger Oligarchen.

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    • Harzer
    • 12. Juni 2011 14:01 Uhr

    ... wurden vom Westen sehr freundlich behandelt.

    Vom ersten erhoffte man (besonders die USA), daß er die SU vor die Wand führe und als Konkurrent ausschalte, und von Jelzin das gleiche für Rußland. Außerdem erhoffte man bei ihm noch Zugriff auf die russischen Rohstoffe zu bekommen.

    Vom russischen Interesse her gesehen, hat Putin da Rußland gerade noch vor dem Allerschlimmsten gerettet - bei allen demokratischen Mängeln !

    • Harzer
    • 12. Juni 2011 14:01 Uhr

    ... wurden vom Westen sehr freundlich behandelt.

    Vom ersten erhoffte man (besonders die USA), daß er die SU vor die Wand führe und als Konkurrent ausschalte, und von Jelzin das gleiche für Rußland. Außerdem erhoffte man bei ihm noch Zugriff auf die russischen Rohstoffe zu bekommen.

    Vom russischen Interesse her gesehen, hat Putin da Rußland gerade noch vor dem Allerschlimmsten gerettet - bei allen demokratischen Mängeln !

    Antwort auf "Jelzin war ein Säufer"
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    Sowohl Gorbatschow, als auch Jelzin haben sich von den Chicago Boys mächtig über den Tisch ziehen lassen. Vollkommen richtig.

  2. Sowohl Gorbatschow, als auch Jelzin haben sich von den Chicago Boys mächtig über den Tisch ziehen lassen. Vollkommen richtig.

  3. die zeiten, in denen geschichte von großen männern gemacht und historiographisch auch so aufgearbeitet wurde, ist doch seit jahrzehnten vorbei. natürlich verhält es sich in autoritären staaten noch ein wenig anders, aber generell darf man die geschichte und deren verlauf nicht personifizieren. genausowenig wie gorbatschow frei von einfluss und druck aus nationaler und internationaler umwelt hinsichtlich politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher fragen war, verhält es sich mit jelzin.
    gorbatschow bzw. jelzin als "held" zu stilisieren oder als "säufer" zu brandmarken hilft ebenfalls nicht weiter - beide waren/sind sie politische persönlichkeiten in einem komplexen strukturellen geflecht, auf das sie auch reagieren mussten. ferner sollte man berücksichtigen, die einseitige europäische oder "westliche" sicht nicht zu generalisieren: für einen großteil der russen ist weder gorbatschow noch jelzin ein "held" (weil sie den untergang des sowjetimperiums zu verantworten hatten); erst hier bei uns wurden sie zu "helden" gemacht.

  4. 5. Jelzin

    Jelzin war ein gebrechlicher Mann, der am Schluss nicht mehr alles verstanden hat was um ihn herum geschieht. Persönlichkeiten haben es nun mal ansich, dass sie die Geister scheiden. Jelzin ermöglichte z.B. Putin den Weg an die Macht. Und welchen totalitären Staat Putin hervorgebracht hat können wir jeden Tag sehen. Für uns Europäer ist Putin ein Diktator, für viele Russen hingegen ist er der Held, der starke Mann, der die Schmach aus dem kalten Krieg vergessen lässt und ein starkes Russland demostriert.

    Der Korporatismus ist in Russland nur weitaus offener gelebt als in anderen Staaten, doch unterscheidet er sich nicht wesentlich von den Machtstrukturen in unserem so "demokratischen" Europa.

    Kleines Beispiel aus Österreich:
    In Österreich regieren ungefähr 60 Menschen das Land. Diese Menschen tauchen immer wieder, in jedem größeren Unternehmen als Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglied auf. Die machen Politik und Geschäft.

  5. Ich weiß nur noch, das Gorbatschow irgendwie als Geisel genommen wurde auf der Krim oder so, und Jelzin ihn irgendwie frei bekam, also ihn half.
    Und das Jelzin wirklich sehr oft Betrunkend Wankend im Deutschen Fernsehen zu sehen war.
    Und das die GUS aus der Sowjetunion enstand unter Jelzin.

    Mehr weiß ich nicht.

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    dass Sie sich mal ein Geschichtsbuch über diese Jahre kaufen. Lesen hilft!

    man allmählich milde in allen Dingen.

  6. 7. na ja

    erst kam schwätzer gorbi, dann säufer boris, das hat das imperium zum selbstbedienungsladen gemacht.
    den westen hats gefreut, supermacht weg.

    die folge ist diktator putin.
    die supermacht rappelt sich als russland wieder auf.

    und was ist nun gekonnt?

  7. Jelzin, der Säufer! Jelzin, eine lächerliche Figur mit einem begrenzten Intellekt!
    Auch wenn er zu Beginn seiner Macht vielleicht noch Gutes wollte, hat er wesentlich dazu beigetragen, unter dem Deckmantel der "Demokratie" das russische Staatsvermögen zu verschleudern.Nur ganz wenige der obersten Schicht, ehemalige Parteikader, sogenannte Oligarchen und ganz einfach Glücksritter haben sich Staatsvermögen unter dem Nagel gerissen. Die heutigen Millionäre und Milliardäre in Rußland haben den Grundstock ihres Reichtums durch Lug und Trug unter Jelzin erreicht. Aber zu seiner Zeit wurden keine Löhne in den Staatsbetrieben gezahlt, keine Renten überwiesen, Kinder haben sich verkauft und wurden verkauft, das einfache Volk hatte kaum etwas zu essen. Jelzin hat mit Hilfe seiner Tochter Milliarden aus dem Staatshaushalt für sich privat abgezweigt! Und er hat kurz vor seiner Abdankung Putin auf den Thron gesetzt,weil dieser ihm garantiert hatte, keine strafrechtlichen Untersuchungen gegen Ihn zu unternehmen. Putin hat in Rußland erst einmal aufgeräumt, er ist auch nicht fehlerfrei,aber beim Volk hat er großen Rückhalt. Der Westen konnte mit Jelzin machen was er wollte,
    ein russischer Bär zu Knuddeln - wie bequem. Putin ist ein eiskalter Fuchs, der sich nicht über den Tisch ziehen läßt, wie unbequem für den Westen. Jelzin hat in seiner Zeit mehr kaputt gemacht, als erreicht!

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    • Harzer
    • 12. Juni 2011 19:50 Uhr

    ... Besser und klarer kann man es nicht auf den Punkt bringen !

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