Nach einer Mauer hat Annamarie Doherr gar nicht gefragt. Bei der Pressekonferenz, zu der der DDR-Staatsrat sie und 300 andere Journalisten aus aller Welt am 15. Juni 1961 eingeladen hat, soll es um die Vorschläge der Sowjetunion und der DDR für den Status Berlins gehen, und da ist viel die Rede von Frieden und Freiheit – nicht von Mauern.

Das Memorandum, das der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow am 4. Juni 1961 dem neuen US-Präsidenten John F. Kennedy bei ihrem ersten Treffen in Wien übergibt, klingt wie ein faires Angebot: "Die Sowjetregierung schlägt vor, schon jetzt ohne jede Verzögerung eine Friedenskonferenz einzuberufen, einen Friedensvertrag abzuschließen und auf dieser Grundlage die Frage Westberlins als einer freien Stadt zu lösen."

Doch die Details entsprechen dem für die Westalliierten unannehmbaren Drei-Staaten-Konzept, das die UdSSR schon länger verfolgt: Der Westen Berlins soll eine "Freie Stadt" bilden, eine neutrale Einheit neben Bundesrepublik und DDR. Amerikaner, Briten und Franzosen sollen ihre Truppen abziehen, und die DDR soll alle Verkehrswege nach Berlin kontrollieren. Der Westen der Stadt würde zur Insel.

Moskau hat dem Westen 1958 schon einmal mit Krieg gedroht, wenn Bundesrepublik und westliche Alliierte der "Freien Stadt" nicht binnen sechs Monaten zustimmten und ihre Truppen abzögen. Doch auch die USA stellen klar, dass sie den Status Berlins und den freien Zugang zum Westteil notfalls militärisch verteidigen würden. Das Ultimatum verstreicht ohne Folgen.

Aber der Handlungsdruck auf Moskau und Berlin (Ost) wächst, denn dem Arbeiter- und Bauernstaat gehen die Arbeiter und Bauern von der Hammer-und-Zirkel-Fahne. Zwischen September 1949 und August 1961 fliehen zweieinhalb Millionen DDR-Bürger in den Westen – die meisten über Berlin, denn die Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik wird bereits seit 1952 scharf bewacht. In Berlin kostet "Republikflucht" nur so viel wie eine S-Bahn-Fahrkarte aus dem sowjetischen Sektor in einen der drei Westsektoren.

Also kommt es 1961 zur Neuauflage der Berlin-Krise von 1958. Machtpolitisch scheint die Lage günstig für die Sowjets: Die USA haben sich im April mit der gescheiterten Invasion in der kubanischen Schweinebucht eine blutige Nase geholt, die Sowjetunion dagegen hat gerade den ersten Menschen ins All geschossen und den Gegner im Wettstreit der Systeme damit zusätzlich gedemütigt.

Vor diesem Hintergrund ist das Interesse an der "bedeutsamen Pressekonferenz" vom 15. Juni groß, wie der DDR-Rundfunk seine Aufzeichnung ankündigt. Der Kommentator macht es spannend: "Jetzt betritt der Vorsitzende des Staatsrates, Genosse Walter Ulbricht, den Saal. Die Pressekonferenz beginnt. Meine Damen und Herren! Auf der Tagesordnung des Jahres 1961 steht – das weiß heute jeder – der Friedensvertrag mit Deutschland und die Lösung des Westberlinproblems."