Für Isabel Allende war es eine Gewissheit, die sie immer wieder öffentlich aussprach: Ihr Vater Salvador Allende, Chiles erster sozialistischer Präsident, entschied sich während des Putsches 1973 für den Freitod, um sich Demütigungen und Schlimmeres zu ersparen.

Die Politikerin der Sozialistischen Partei Chiles sieht sich nun bestätigt: Zwei Monate nach der Exhumierung des Leichnams Allendes kommt nun auch ein Team nationaler und ausländischer Rechtsmediziner zu dem Schluss, dass der Präsident sich selbst erschoss.

Dann sah ich, wie sein Körper durch den Schuss aus einer Maschinenpistole hochgerissen wurde
Patricio Guijón, Allendes Leibarzt

Zu Lebzeiten war Allende ein Hoffnungsträger der Linken. Mit seiner aufrechten Haltung am 11. September 1973 verwandelte er sich schließlich in einen Mythos, der auch politisch  Desinteressierten etwas sagt. Um 11.00 Uhr vormittags griffen von Armeechef Augusto Pinochet ausgesandte Bomber den Präsidentenpalast La Moneda im Zentrum von Santiago an und setzten Teile des Gebäudes in Brand. Allende zog sich inmitten des Chaos allein in einen Salon zurück. Im Palast hielten sich noch 40 Weggefährten auf, hauptsächlich Sicherheitsbeamte und Ärzte. Die übrigen Angestellten hatte der Präsident nach Hause geschickt.

Was dann folgte, beschrieb Allendes Leibarzt Patricio Guijón Jahre später so: "Ich sah Licht (in dem Salon). Ein Mann saß auf einem Stuhl, etwa fünf bis acht Meter entfernt. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es der Präsident war. Dann sah ich, wie sein Körper durch den Schuss aus einer Maschinenpistole hochgerissen wurde. Ich rannte hin, stellte aber fest, dass nichts mehr zu machen war."

Eine von Pinochet noch am Todestag in Auftrag gegebene Autopsie deckt sich mit der Aussage Guijóns. Der Militärstaatsanwalt kam zu dem Schluss, der Präsident habe sich mit seiner Kalaschnikow AK-47 erschossen. Die Waffe ist auch auf dem wohl berühmtesten Foto von Allende zu sehen, das den Präsidenten während des Angriffs umringt von Leibwächtern zeigt.

Zweifel am Selbstmord

Fidel Castro hatte das Sturmgewehr seinem Freund Allende bei einem vierwöchigen Besuch in Chile 1971 geschenkt. Der kubanische Revolutionsführer war dann auch einer der ersten, die öffentlich die Ansichten vertraten, die Putschisten hätten Allende umgebracht. Die Hypothese erhielt 2008 neuen Auftrieb, als der chilenische Gerichtsmediziner Luis Ravanal die offizielle Autopsie mit Fotografien vom Tatort und einem Polizeibericht verglich und dabei Widersprüche feststellte.

Weil die Zweifel nicht verstummten, beauftragte die chilenische Justiz das staatliche Amt für Rechtsmedizin, den Leichnam Allendes zu exhumieren und seine Todesursache neu aufzurollen. Die Nachkommen Allendes gaben nach langem Widerstand schließlich einer erneuten Exhumierung ihren Segen. Die fand am 23. Mai statt. Am vergangenen Dienstag stellten die Gutachter ihre Ergebnisse vor.

Die letzten Sekunden im Leben Allendes spielten sich demnach so ab: Der Präsident saß in einem Sessel, hielt die AK-47 zwischen den Beinen und drückte ab. Das tödliche Projektil trat durch das Kinn ein und am Hinterkopf wieder aus. Allende habe noch einen weiteren Schuss abgegeben, weil die Waffe auf Automatikmodus eingestellt gewesen sei, sagte der britische Ballistikexperte David Pryor. Das zweite Geschoss wurde allerdings nie gefunden. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass Dritte beteiligt gewesen seien, betonte Pryor.