John Archibald Wheeler lebt – irgendwo und irgendwann. Der Professor war überzeugt, dass Paralleluniversen existieren; sein Doktorand Hugh Everett ist einer der Urheber der Vielwelten-Theorie. Während Wheeler also im uns zugänglichen Kosmos am 13. April 2008 an Lungenentzündung gestorben ist, hält er in anderen noch munter Vorlesungen und ist in wieder anderen gar nicht Physiker geworden, sondern Schornsteinfeger oder Telefondesinfizierer.

Geboren wurde Wheeler (in unserem Teil des Multiversums) am 9. Juli 1911 in Jacksonville, Florida, in eine Familie von Bibliothekaren. Johnny, wie sich Wheeler auch als Erwachsener von vielen nennen ließ, entdeckte früh die Wissenschaft, begann mit 16 Jahren ein Physikstudium an der Johns Hopkins University in Baltimore (Maryland) und bekam mit 21 Jahren den Doktortitel verliehen.

Wheeler reiste für einige Zeit nach Kopenhagen, um mit Niels Bohr zu arbeiten, einem der Begründer der Quantenphysik. Als Otto Hahn und Fritz Straßmann die erste Kernspaltung gelang, erklärten Bohr und Wheeler sie mit dem Tröpfchenmodell des Atomkerns. Anfang 1939 kam Bohr für einige Monate in die USA, um mit Albert Einstein über die Quantenmechanik zu diskutieren – und Wheeler, mit 27 Jahren gerade Professor in Princeton (New Jersey) geworden, war dabei.

Und er muss ein guter Professor gewesen sein, der Vorlesungen voller Energie hielt und mit beiden Händen zugleich an die Tafel schrieb. Von ihm stammt der Satz, "man kann nichts lernen, ohne zu lehren". Wheeler erklärte die abstrakten Welten der Physik lieber mit originellen Sprachbildern als mit langen Formeln. So gelang es ihm auch, Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie "den Mathematikern zu entreißen", wie der Physiker Freeman Dyson es nannte, der damals in Princeton arbeitete. Die Universität wurde zur führenden US-Forschungseinrichtung auf diesem Feld.

Auch Richard Feynman gehörte zu Wheelers Studenten. Er bekam 1956 den Nobelpreis für seine Beiträge zur Quantenelektrodynamik. In der Erinnerung an seine Studentenzeit sagte Feynman einmal, "manche Leute glauben, Wheeler wurde in seinen späteren Jahren verrückt – aber er war immer verrückt". Zu Kongressen tauchte er im Cowboyhut auf. Oft provozierte er die mehrheitlich liberalen Kollegen mit nationalistischen Sprüchen.

Wheeler arbeitete am Manhattan-Projekt zur Entwicklung der US-Atombombe mit, was er anders als andere Wissenschaftler auch nach Hiroshima und Nagasaki nie bereute. Er bedauerte nur, dass die Bombe erst fertig wurde, nachdem sein Bruder Joe 1944 als Soldat in Italien gefallen war. Wheeler beteiligte sich auch an der Entwicklung der Wasserstoffbombe im Kernforschungslabor Los Alamos.

Nach Kriegsende arbeitete Wheeler mit seinem Kollegen Bryce De Witt an einer Formel – der Wheeler-De Witt-Gleichung –, die das ganze Universum als Wellenfunktion darstellen sollte, als riesiges quantenmechanisches Teilchensystem. Sie setzte sich als "Weltformel" nicht durch, bildet aber eine der Grundlagen der Quantengravitation. Die soll Einsteins Theorie der Gravitation und die Quantenmechanik vereinen und wetteifert mit anderen Ansätzen darum, zur TOE zu werden, zur "Theory of Everything", die vom Hebelgesetz bis zur Raumzeit einfach alles erklärt.