Enio Mancinis Hände zittern stark. An diesem Sommerabend in den Apuanischen Alpen hält der 73-Jährige eine schmale, lange Kerze in seiner Rechten, die ein Papierschirm schützend umgibt. Seine Stimme ist ruhig, gefasst als er zu den Menschen spricht, die zur Gedenkprozession gekommen sind. "Das Charakteristische des heutigen Abends ist die Stille. Deswegen bitte ich um absolute Ruhe", sagt er und fügt wohlwollend hinzu "wenn es möglich ist". Die Kirchenglocke von Sant'Anna di Stazzema fängt mit einem tiefen Ton an zu läuten, ein hellerer Ton folgt. Mancini zündet seine Kerze an, dreht sich um und folgt dem Priester auf den steilen, steinigen Pfad zum Gebeineturm auf der Spitze des Berges. Es ist der Vorabend des 12. August, der Tag, der 1944 das italienische Dorf Sant'Anna di Stazzema für immer verändert.

In den frühen Morgenstunden vor 67 Jahren  rücken vier Kompanien der 16. SS-Panzergrenadier-Division "Reichsführer SS" in Sant'Anna di Stazzema ein. Ihre Ankunft kündigen die Deutschen mit Gewehrsalven an. Die Männer des 650 Meter hoch gelegenen Dorfes fliehen in die Wälder. Die SS trifft nur noch Frauen, Kinder und Alte an. Sie werden erschossen und anschließend Leichen und Häuser in Brand gesteckt. Das jüngste Opfer ist 20 Tage alt. Der damals sechsjährige Enio Mancini überlebt das Massaker. Seitdem beschäftigen ihn zwei Fragen: "Warum?", sagt er auf Deutsch und "Wer?" auf Italienisch.

Die Ermittlungsakten wurden versteckt

Bereits im September 1944 beginnen die Alliierten mit den Ermittlungen zu den NS-Kriegsverbrechen in Italien. Die Ergebnisse übergeben sie der italienischen Regierung. Das Beweismaterial füllt 695 Aktenordner und betrifft unzählige Massaker, mit fast 10.000 zivilen Opfern. Erst 1994 werden die Unterlagen im sogenannten "Schrank der Schande" im Palazzo Cesi, dem Sitz der Militärstaatsanwaltschaft in Rom, entdeckt. Jahrzehntelang stand der Schrank verschlossen mit der Tür zur Wand in einem Keller. Die Akten wurden versteckt, um den Nato-Beitritt der Bundesrepublik nicht zu gefährden und damit der Westen geschlossen gegenüber der Sowjetunion auftreten konnte. So beginnen erst Mitte der 1990er Jahre verschiedene italienische Militärstaatsanwaltschaften mit den Ermittlungen.

Im April 2004 eröffnet das Militärgericht in La Spezia den Prozess zu dem Massaker. "Wir haben an jedem Prozesstag teilgenommen", sagt Mancini, "stellvertretend für die Verstorbenen". Am 22. Juni 2005 verurteilt das Militärgericht zehn Mitglieder der 16. Panzergrenadier-Division "Reichsführer SS" wegen des "fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit" zu lebenslanger Haft. "Die Urteilsverkündung hatte etwas Bedrückendes und Befreiendes zugleich", erzählt Mancini. Die Täter aber bleiben in Deutschland unbehelligt.

Seit 2002 liegen die Ermittlungsakten aus Italien auch in Deutschland, bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Die Namen der mutmaßlichen Täter sind ihr bekannt. So hat das Militärgericht in La Spezia festgestellt, dass Gerhard Sommer als Befehlshaber verantwortlich war. Zur Staatsanwaltschaft gelangt auch das Geständnis des beteiligten Soldaten Göring, der als Maschinengewehrführer an dem SS-Massaker beteiligt war. Dennoch hat Stuttgart auch nach zehn Jahren Ermittlungen keine Anklage erhoben. Auf Nachfrage von ZEIT ONLINE sagt der zuständige Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, das bisherige Material hätte zu einer Einstellung des Verfahrens geführt. Denn es gebe keinen hinreichenden Tatverdacht für Mord, weil die niedrigen Beweggründe oder das Merkmal der besonderen Grausamkeit und die konkrete Tatbeteiligung dem einzelnen SS-Angehörigen schwer nachzuweisen sei. "Jetzt verfolgen wir eine neue Spur", erklärt Häußler.