Sant'Anna di Stazzema Ein NS-Kriegsverbrechen, das nicht verjährt

1944 ermordet die SS 560 Menschen in einem italienischen Dorf, vor allem Frauen und Kinder. Die Täter sind verurteilt, aber frei. Die Überlebenden fordern Gerechtigkeit.

Eine Frau besucht die Gedenkstätte für die Opfer des Massakers in Sant'Anna di Stazzema. Am 12. August 1944 hatten SS-Truppen in dem italienischen Ort 560 Menschen ermordet.

Eine Frau besucht die Gedenkstätte für die Opfer des Massakers in Sant'Anna di Stazzema. Am 12. August 1944 hatten SS-Truppen in dem italienischen Ort 560 Menschen ermordet.

Enio Mancinis Hände zittern stark. An diesem Sommerabend in den Apuanischen Alpen hält der 73-Jährige eine schmale, lange Kerze in seiner Rechten, die ein Papierschirm schützend umgibt. Seine Stimme ist ruhig, gefasst als er zu den Menschen spricht, die zur Gedenkprozession gekommen sind. "Das Charakteristische des heutigen Abends ist die Stille. Deswegen bitte ich um absolute Ruhe", sagt er und fügt wohlwollend hinzu "wenn es möglich ist". Die Kirchenglocke von Sant'Anna di Stazzema fängt mit einem tiefen Ton an zu läuten, ein hellerer Ton folgt. Mancini zündet seine Kerze an, dreht sich um und folgt dem Priester auf den steilen, steinigen Pfad zum Gebeineturm auf der Spitze des Berges. Es ist der Vorabend des 12. August, der Tag, der 1944 das italienische Dorf Sant'Anna di Stazzema für immer verändert.

In den frühen Morgenstunden vor 67 Jahren  rücken vier Kompanien der 16. SS-Panzergrenadier-Division "Reichsführer SS" in Sant'Anna di Stazzema ein. Ihre Ankunft kündigen die Deutschen mit Gewehrsalven an. Die Männer des 650 Meter hoch gelegenen Dorfes fliehen in die Wälder. Die SS trifft nur noch Frauen, Kinder und Alte an. Sie werden erschossen und anschließend Leichen und Häuser in Brand gesteckt. Das jüngste Opfer ist 20 Tage alt. Der damals sechsjährige Enio Mancini überlebt das Massaker. Seitdem beschäftigen ihn zwei Fragen: "Warum?", sagt er auf Deutsch und "Wer?" auf Italienisch.

Die Ermittlungsakten wurden versteckt

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Bereits im September 1944 beginnen die Alliierten mit den Ermittlungen zu den NS-Kriegsverbrechen in Italien. Die Ergebnisse übergeben sie der italienischen Regierung. Das Beweismaterial füllt 695 Aktenordner und betrifft unzählige Massaker, mit fast 10.000 zivilen Opfern. Erst 1994 werden die Unterlagen im sogenannten "Schrank der Schande" im Palazzo Cesi, dem Sitz der Militärstaatsanwaltschaft in Rom, entdeckt. Jahrzehntelang stand der Schrank verschlossen mit der Tür zur Wand in einem Keller. Die Akten wurden versteckt, um den Nato-Beitritt der Bundesrepublik nicht zu gefährden und damit der Westen geschlossen gegenüber der Sowjetunion auftreten konnte. So beginnen erst Mitte der 1990er Jahre verschiedene italienische Militärstaatsanwaltschaften mit den Ermittlungen.

Im April 2004 eröffnet das Militärgericht in La Spezia den Prozess zu dem Massaker. "Wir haben an jedem Prozesstag teilgenommen", sagt Mancini, "stellvertretend für die Verstorbenen". Am 22. Juni 2005 verurteilt das Militärgericht zehn Mitglieder der 16. Panzergrenadier-Division "Reichsführer SS" wegen des "fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit" zu lebenslanger Haft. "Die Urteilsverkündung hatte etwas Bedrückendes und Befreiendes zugleich", erzählt Mancini. Die Täter aber bleiben in Deutschland unbehelligt.

Seit 2002 liegen die Ermittlungsakten aus Italien auch in Deutschland, bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Die Namen der mutmaßlichen Täter sind ihr bekannt. So hat das Militärgericht in La Spezia festgestellt, dass Gerhard Sommer als Befehlshaber verantwortlich war. Zur Staatsanwaltschaft gelangt auch das Geständnis des beteiligten Soldaten Göring, der als Maschinengewehrführer an dem SS-Massaker beteiligt war. Dennoch hat Stuttgart auch nach zehn Jahren Ermittlungen keine Anklage erhoben. Auf Nachfrage von ZEIT ONLINE sagt der zuständige Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, das bisherige Material hätte zu einer Einstellung des Verfahrens geführt. Denn es gebe keinen hinreichenden Tatverdacht für Mord, weil die niedrigen Beweggründe oder das Merkmal der besonderen Grausamkeit und die konkrete Tatbeteiligung dem einzelnen SS-Angehörigen schwer nachzuweisen sei. "Jetzt verfolgen wir eine neue Spur", erklärt Häußler.

Leser-Kommentare
  1. Die Überschrift für diesen ansonsten sehr guten Beitrag ist äußerst unglücklich gewählt, denn am 3. Juli 1979 beschloss der Deutsche Bundestag mit 255 zu 222 Stimmen, die Verjährung für Mord und Völkermord gänzlich aufzuheben. Das heißt, NS-Kriegsverbrechen dieser Kategorie können nie verjähren. Mehr darüber: http://de.wikipedia.org/w...

    Eine Leser-Empfehlung
  2. ...dafür, dass der Wille zur Nichtaufklärung und Nichtverfolgung genauso stark ist wie er seit dem Ende des 2. Weltkrieges schon immer war.

    Das liegt daran, dass man ein ganzes Land nicht an den Pranger stellen konnte. Einige mögen sich dadurch bestetigt gesehen haben, dass sie damals das richtige getan haben. Heute sind aber nur eine Hand voll von Tätern übrig. Deutschland könnte sich endlich von seiner Geschichte befreien, von dem braunen Gedankengut, dass die Generationen hindurchsickert. Dazu brauch es allerdings einen starken Willen. Ein Exempel wurde schon für wesentlich weniger wichtige Dinge statuiert. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/mk

  3. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf derartige Vergleiche, die ausschließlich der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/mk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mit solchen Sätzen rechtfertigen aber Unverbesserliche dieses System. Und versuchen es durch den Vergleich mit anderen Systemen zu rechtfertigen, die angeblich genau so grausam waren. Es war aber das zweifelhafte Verdienst der Nazis in diesem Punkt neue Maßstäbe gesetzt zu haben.
    Natürlich ist der Krieg die Wurzel diesen Übels. Aber auch im Krieg gibt es Dimensionen von Menschen Verachtung. Und es gibt Grenzen, die man als Mensch dabei überschreiten kann. Eine der Grenzen sind Massaker der kämpfenden Truppen an Zivilisten. Das es sich dabei um Frauen, Kinder und Säuglinge handelt bestätigt nur die nie erreichte Dimension und Einzigartigkeit dieser Menschen verachtenden Ideologie, die auch damals schon vor Grenzen nicht halt gemacht hat, die von der Bevölkerung in diesen Gebieten als menschlicher Standard natürlicherweise noch vorausgesetzt wurden. Sonst hätten sie ihre Frauen und Kinder nämlich mitgenommen in den Wald.

    ...und vom Deutschen Reich in 1906 anerkannt heisst es in Artikel 3, Punkt 1:
    "Personen, die nicht direkt an den Feindseligkeiten teilnehmen, einschließlich der Mitglieder der bewaffneten Streitkräfte, welche die Waffen gestreckt haben, und der Personen, die infolge Krankheit, Verwundung, Gefangennahme oder irgendeiner anderen Ursache außer Kampf gesetzt wurden, sollen unter allen Umständen mit Menschlichkeit behandelt werden"

    Selbst wenn man soweit geht und sagt das Frauen durchaus eine Waffe in die Hand nehmen und damit schießen können, KINDER zu erschiessen ist mit Artikel 3.1. der Genfer Konvention eindeutig ein Verbrechen das durch nichts zu rechtfertigen ist.

    Ich fand den Vergleich zwar nicht zum Thema gehörend aber durchaus angebracht.
    Allerdings hat Mitforist hajohans die ersten zwei Regeln jedes Konflikts wohl vergessen:

    1.Wer verliert hat unrecht

    2.Du sollst dich nicht erwischen lassen

    Bitte bemühen Sie sich um mehr Differenzierung. Danke. Die Redaktion/sc

    Mit solchen Sätzen rechtfertigen aber Unverbesserliche dieses System. Und versuchen es durch den Vergleich mit anderen Systemen zu rechtfertigen, die angeblich genau so grausam waren. Es war aber das zweifelhafte Verdienst der Nazis in diesem Punkt neue Maßstäbe gesetzt zu haben.
    Natürlich ist der Krieg die Wurzel diesen Übels. Aber auch im Krieg gibt es Dimensionen von Menschen Verachtung. Und es gibt Grenzen, die man als Mensch dabei überschreiten kann. Eine der Grenzen sind Massaker der kämpfenden Truppen an Zivilisten. Das es sich dabei um Frauen, Kinder und Säuglinge handelt bestätigt nur die nie erreichte Dimension und Einzigartigkeit dieser Menschen verachtenden Ideologie, die auch damals schon vor Grenzen nicht halt gemacht hat, die von der Bevölkerung in diesen Gebieten als menschlicher Standard natürlicherweise noch vorausgesetzt wurden. Sonst hätten sie ihre Frauen und Kinder nämlich mitgenommen in den Wald.

    ...und vom Deutschen Reich in 1906 anerkannt heisst es in Artikel 3, Punkt 1:
    "Personen, die nicht direkt an den Feindseligkeiten teilnehmen, einschließlich der Mitglieder der bewaffneten Streitkräfte, welche die Waffen gestreckt haben, und der Personen, die infolge Krankheit, Verwundung, Gefangennahme oder irgendeiner anderen Ursache außer Kampf gesetzt wurden, sollen unter allen Umständen mit Menschlichkeit behandelt werden"

    Selbst wenn man soweit geht und sagt das Frauen durchaus eine Waffe in die Hand nehmen und damit schießen können, KINDER zu erschiessen ist mit Artikel 3.1. der Genfer Konvention eindeutig ein Verbrechen das durch nichts zu rechtfertigen ist.

    Ich fand den Vergleich zwar nicht zum Thema gehörend aber durchaus angebracht.
    Allerdings hat Mitforist hajohans die ersten zwei Regeln jedes Konflikts wohl vergessen:

    1.Wer verliert hat unrecht

    2.Du sollst dich nicht erwischen lassen

    Bitte bemühen Sie sich um mehr Differenzierung. Danke. Die Redaktion/sc

  4. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie konkret zum Thema des Artikels und verzichten Sie auf Argumentationsmuster, die auf eine Relativierung hinauslaufen. Danke. Die Redaktion/er

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    [...]

    Entfernt. Der Beitrag, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/er

    [...]

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  5. Schöner Beitrag, zumal ich das Museum bereits besucht habe.

    Leider fehlt in dem Artikel der Hinweis darauf, das verschiedene italienische Opferverbände seit Jahren erfolglos versuchen, als Opfer des 2. Weltkrieges und der damit verbundenen Verbrechen anerkannt zu werden. Die Hinterbliebenen haben bisher keinerlei Entschädigungen oder Renten oder dergleichen bekommen.

  6. Mit solchen Sätzen rechtfertigen aber Unverbesserliche dieses System. Und versuchen es durch den Vergleich mit anderen Systemen zu rechtfertigen, die angeblich genau so grausam waren. Es war aber das zweifelhafte Verdienst der Nazis in diesem Punkt neue Maßstäbe gesetzt zu haben.
    Natürlich ist der Krieg die Wurzel diesen Übels. Aber auch im Krieg gibt es Dimensionen von Menschen Verachtung. Und es gibt Grenzen, die man als Mensch dabei überschreiten kann. Eine der Grenzen sind Massaker der kämpfenden Truppen an Zivilisten. Das es sich dabei um Frauen, Kinder und Säuglinge handelt bestätigt nur die nie erreichte Dimension und Einzigartigkeit dieser Menschen verachtenden Ideologie, die auch damals schon vor Grenzen nicht halt gemacht hat, die von der Bevölkerung in diesen Gebieten als menschlicher Standard natürlicherweise noch vorausgesetzt wurden. Sonst hätten sie ihre Frauen und Kinder nämlich mitgenommen in den Wald.

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    verteidige ich nicht das Massaker und die die es ausfuehrten. Ich gebe aber zu bedenken, dass die Toetung
    der deutschen Soldaten eine absolut sinnlose Aktion war
    und dass die Folgen vorhersehbar waren. Auch dass es
    nicht vorherseebar gewesen, dass Frauen und Kinder getoetet
    wurden, bestreite ich - das gab es leider schon vorher.
    Und wenn die Nazis diese unmenschlichen Praktiken eingefuehrt haben, gab und gibt es leider Nachahmer bis
    in unsere Tage.

    • Todoy
    • 17.08.2011 um 16:22 Uhr

    ""Natürlich ist der Krieg die Wurzel diesen Übels. Aber auch im Krieg gibt es Dimensionen von Menschen Verachtung. Und es gibt Grenzen, die man als Mensch dabei überschreiten kann.""

    Sie sagen es. Es sind weltweit mindestens 25 Millionen Menschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch Kriege gestorben. Bestialische Grausamkeiten in Angola, Ruanda, Uganda, Biafra, Kongo.

    verteidige ich nicht das Massaker und die die es ausfuehrten. Ich gebe aber zu bedenken, dass die Toetung
    der deutschen Soldaten eine absolut sinnlose Aktion war
    und dass die Folgen vorhersehbar waren. Auch dass es
    nicht vorherseebar gewesen, dass Frauen und Kinder getoetet
    wurden, bestreite ich - das gab es leider schon vorher.
    Und wenn die Nazis diese unmenschlichen Praktiken eingefuehrt haben, gab und gibt es leider Nachahmer bis
    in unsere Tage.

    • Todoy
    • 17.08.2011 um 16:22 Uhr

    ""Natürlich ist der Krieg die Wurzel diesen Übels. Aber auch im Krieg gibt es Dimensionen von Menschen Verachtung. Und es gibt Grenzen, die man als Mensch dabei überschreiten kann.""

    Sie sagen es. Es sind weltweit mindestens 25 Millionen Menschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch Kriege gestorben. Bestialische Grausamkeiten in Angola, Ruanda, Uganda, Biafra, Kongo.

  7. ...und vom Deutschen Reich in 1906 anerkannt heisst es in Artikel 3, Punkt 1:
    "Personen, die nicht direkt an den Feindseligkeiten teilnehmen, einschließlich der Mitglieder der bewaffneten Streitkräfte, welche die Waffen gestreckt haben, und der Personen, die infolge Krankheit, Verwundung, Gefangennahme oder irgendeiner anderen Ursache außer Kampf gesetzt wurden, sollen unter allen Umständen mit Menschlichkeit behandelt werden"

    Selbst wenn man soweit geht und sagt das Frauen durchaus eine Waffe in die Hand nehmen und damit schießen können, KINDER zu erschiessen ist mit Artikel 3.1. der Genfer Konvention eindeutig ein Verbrechen das durch nichts zu rechtfertigen ist.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Kometa
    • 17.08.2011 um 12:15 Uhr

    Die gewöhnliche, all-gemeine Ausrede liegt nah: ... das war ja die SS; und die lagen eben im "Krieg" mit den Wilderern, den Partisanen... - und da galt die "Haager Landkriegsordnung" mit den elenden Aufrechungen von Attentaten und Hinrichtungen, der "Ahnung von Verstößen".

    Nein, die Bundesrepublick hat bis heute nicht systematisch und ehrenhaft und völkerrechtlich die Opfer eindeutig anerkannt und die SS-Helden vor Gericht gebracht - als Leistung für die nächsten Generationen der kriegführenden BRD (s. da irgendwo am Hindukusch, wo auch Deutschlands "Ehre" aufgeührt wird, als Völker-Recht, im Todestanz von martialisch gepanzerten Helden; um die es uns im Todesfall so [b]Leid[/b] tut soll, dass es mir weh tut.

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