GeheimdienstNS-Verbrecher Rauff soll für den BND spioniert haben

Jahrelang soll der einstige SS-Offizier Walter Rauff in Südamerika für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet haben. In Deutschland lag ein Haftbefehl gegen ihn vor. von dpa und AFP

Der frühere SS-Offiziert Walter Rauff nach seiner Verhaftung im chilenischen Punta Arenas.

Der frühere SS-Offiziert Walter Rauff nach seiner Verhaftung im chilenischen Punta Arenas.  |  © Keystone/AFP/Getty Images

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat Medienberichten zufolge über Jahre einen NS-Verbrecher als Agenten in Südamerika beschäftigt. Der frühere SS-Offizier Walter Rauff sei von 1958 bis 1962 für den BND tätig gewesen, berichtet der Spiegel. Der BND gab die Akten des 1984 verstorbenen Rauffs nun frei. Zuvor hatte Bild.de Einsicht in die Unterlagen beantragt. Aus ihnen soll hervorgehen, dass es im BND von Beginn an Klarheit über Rauffs Vergangenheit und Funktion während der NS-Zeit gegeben habe.

Rauff war als Marineoffizier, NSDAP- und SS-Mitglied maßgeblich an der Entwicklung und dem Einsatz von Gaswagen beteiligt, in denen Menschen erstickt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg entkam er 1947 aus einem Internierungslager in Italien und wanderte nach Südamerika aus, wo er als Kaufmann in Ecuador lebte. Dort wurde er vom BND-Mitarbeiter Wilhelm Beissner angeworben, der ihn aus dem NS-Reichssicherheitshauptamt kannte. Rauff, der angeblich unter dem Decknamen Enrico Gomez arbeitete, sollte Informationen aus Kuba beschaffen.

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Rauffs Einsatz "politisch und moralisch in keiner Hinsicht vertretbar"

Zwischen 1960 und 1962 soll er nachrichtendienstlich geschult worden sein, obwohl es zuletzt schon einen deutschen Haftbefehl gegen ihn gab. Rauffs Meldungen stellten sich laut BND-Akten aber als "weitgehend wertlos" heraus. Sein Honorar wurde reduziert. Bis 1963 hatte ihm der Geheimdienst mehr als 70.000 Mark (etwa 35.000 Euro) gezahlt.

Als Rauff im Dezember 1962 aufgrund eines deutschen Auslieferungsersuchens in Chile verhaftet wurde, brach der BND seinen Einsatz laut Bild.de wegen "mangelnder politischer Übersicht" ab. Chiles Oberster Gerichtshof verweigerte eine Auslieferung Rauffs aber und ließ ihn im April 1963 frei. Vom BND soll seine Familie danach noch einmal 3.200 Mark als Zuschuss für Anwaltskosten bekommen haben.

Heute distanziert sich der BND von dem ehemaligen Mitarbeiter: Die Anwerbung Rauffs sei "politisch und moralisch in keiner Hinsicht vertretbar", sagte Bodo Hechelhammer, Leiter der Forschungs- und Arbeitsgruppe Geschichte des BND, dem Spiegel.

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Leserkommentare
    • MeÖz
    • 25. September 2011 16:45 Uhr

    Ein NS-Verbrecher soll für den BND ( von einem NS-Anhänger namens Gehlen gegründet ) spioniert haben. In der "Organisation Gehlen" haben lauter Altnazis gearbeitet. Leute, die sich mit der Sowjetunion auskannten. Gehlen hat dafür gesorgt das seine alten Freunde in Lohn und Brot kommen und nicht als geächtete der Gesellschaft rumlungern oder in Argentinien Rinder züchten. Rauff schien weniger Glück zu haben un bekamm scheinbar nur einen Informantenstatus.

    Ohne Gehlen hätte des Westen weit weniger über die Rote Armee und die Sowjetunion gewusst. Damals brauchte man sowas. Gehlen war während der NS-Zeit führender kopf der Heeresabteilung "Fremde Heere Ost". Er wusste vieles über die Rote Armee. So einen brauchte man im Kalten Krieg.

    Ich find das echt merkwürdig. Die BRD und ihre Sicherheitspolitischen Arme wurden maßgeblich von ehem. Nazis und Wehrmachtsleuten strukturiert.

    Ganz berühmt : Adolf Heussinger, 1. Generalinspekteur der Bundeswehr. Hasso von Manteuffel nannte die Bundeswehr Bundeswehr. Kloster Himmerode ist ein name für Geschichtsinteressierte. Da saßen einige Herren, die haben vor 70 Jahren mitgemischt.

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    • Cando
    • 25. September 2011 22:18 Uhr

    Die Bundesrepublik wurde unter der Führung von ehemaligen Nazigrößen wieder aufgebaut. Das ist ein empörender Umstand.

    Doch ohne hier irgendetwas daran beschönigen zu wollen muss man eben auch eingestehen, dass sich innerhalb von gerade einmal vier Jahren nicht eine völlig neue Führungselite eines Landes bilden lässt. Man musste eben nehmen was da war und das waren nun mal allzu häufig Menschen, die schon im alten System "ganze Arbeit" geleistet hatten. Traurig aber wahr: Einen Krieg kann man gewinnen. Ein ganzes Land von jetzt auf gleich in seinen Grundzügen verändern, ist rein personell eben dann aber doch nicht möglich.

  1. Der "freieste Staat auf deutschen Boden" - die "Superdemokratie" schlechthin - greift gerne auf die "Dienste" alter Nazis und Mörder zurück, und die DDR wird dämonisiert...

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    Es wird noch dreckiger wenn man bedenkt wo z.B. der Verfassungsschutz überall seine Pfoten drin hat. NPD, RAF, usw. Stichwort: Agent Provocateur

    Gruß

  2. "und die DDR wird dämonisiert"

    Ist das hier Thema? Aber zur Beruhigung: IMMER schon wurden nach Systemwechseln Menschen mit Kenntnissen übernommen, die für das Funktionieren als notwendig erachteter Strukturen hilfreich sein konnten. Natürlich ist das KEIN Ruhmesblatt der BRD - und des Westens insgesamt (ich erinnere an die "Nutzung" des V-2-Konstrukteurs von Braun für das amerikanische Raumfahrtprogramm).

    Aber war der "Osten" wirklich besser? Auch hier gab es ganz bewusste Übernahme von NS-Traditionen und -Personal. Der Unterschied: Im "Osten" konnte mit einem Glaubensbekenntnis für Stalin bzw. den Kommunismus die Vergangenheit aktiv "vergeben" werden, im "Westen" tat man so, als ob es keine gäbe. Dafür war es im "Westen" einer kritischen Öffentlichkeit zumindest in Einzelfällen möglich, verdrängte Vorgeschichte publik zu machen (Beispiel Filbinger).

    Insgesamt weiß ich nicht, ob sich das für einen nachträglichen Ost-West-Konflikt eignet. WICHTIGER wäre die grundsätzliche Frage:

    Da mit Vergangenheit offensichtlich funktional umgegangen wird: Wie lässt sich in staatliche Systeme ein Forum für kritische Nachfragen implementieren, das dafür sorgt, dass a) solche Nachfragen wirklich und ernsthaft beantwortet werden und das umgekehrt b) natürlich nicht für unberechtigte Denunziation missbraucht werden kann.

    Haben Sie DAZU einen Vorschlag?

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    ...gar nicht.

    Mir ging beim lesen des Artikels nur spontan durch den Sinn, daß uns die BRD ständig als "Saubermannstaat" verkauft wird, während die DDR immer als eine Art "Ausgeburt der Hölle" definiert wird.

    Das ist alles.

    Wenn Sie den Systemvergleich anstrengen, dann könnten Sie sich mal überlegen, wo die westliche Demokratie gelandet ist, nachdem sie den Kommunismus nieder gerungen hat..

    Wenn ich mir die Probleme der mindestens seit 2003 anhaltenden und seit 2008 offen sichbaren und unbestreitbaren Finanzkriese ansehe, dann bleibt nur ein Schluss: Ohne die Notwendigkeit, sich dem Bürger als das bessere System zu verkaufen (!) wird "bei uns" doch genau so gelogen, betrogen, bestochen und im Zweifel auch gemordet, wenn es opportun erscheint.

    Unser jetziges System besitzt ohne gesellschafts-systemischen "Wettbeweber" ganz offensichtlich den Mangel, dass die Öffentlichkeit so lange belogen wird, bis man eine Alternativlosigkeit postulieren kann, dass die Öffentlichkeit für die Fehler privat-herdenhaften Wachstums- und Betrugsverhaltens weniger Alpha-Tiere zu zahlen habe. Da sind wir dann auch wieder bei Gehlen, BND und diesem Verbrecher Rauff:

    Es ist der Ausschluß der Öffentlichkeit, der den Betrug an uns allen möglich macht. Im Geheimen kann der Staat und seine Organe auf unsere Demokratie schei**en - in der Öffentlichkeit nicht.

    Eben deshalb ist es auch so wichtig, dass der Einzelne Bürger nicht vom Staat erpressbar wird (Vorratsdatenspeicherung) und so seine Macht als Souverän erhält - während es gleichzeitig immer wichtiger wird, dem Staat und seinen Organen "undemokratische Rückzugsräume", wie eben solche Geheimorganisationen, durch demokratisierende Offenlegung auszutrocknen.

    Y.S.

    • colca
    • 26. September 2011 11:27 Uhr

    Sie wollen einen Vorschlag hören?
    Wir haben ja schon die Infrastruktur zur Geheimdienstforschung, die Gauck/Birthler/Jahn-Behörde. Dieser riesige Apparat ist ohnehin seit Jahren mit Nabelschau und Leerlauf beschäftigt, wie wäre da eine Aufgabenerweiterung?
    Wenn wir endlich den nazi-durchseuchten BND, den VS, den MAD und wie sie alle heißen mit der gleichen Akribie und kritischen Distanz erforschen würden wie ihr ostdeutsches Pendant, die Staatssicherheit? Natürlich bei Einhaltung der üblichen Sperrfristen von 20-25 Jahren, da es sich ja um aktive Dienste handelt.
    Dann hätte Deutschland nach wenigen Jahren so viel Wissen und Transparenz um ALLE seine Geheimdienste, deren Verfassungstreue und Personalauswahl, dass kritisches Hinterfragen eine Selbstverständlichkeit und beinahe schon Allgemeinwissen wäre.
    Hält unsere Demokratie und das bundesdeutsch tradiierte Geschichtsbild so viel Transparenz aus?

  3. Es wird noch dreckiger wenn man bedenkt wo z.B. der Verfassungsschutz überall seine Pfoten drin hat. NPD, RAF, usw. Stichwort: Agent Provocateur

    Gruß

    Antwort auf "Es ist schon grotesk!"
    • Sonate
    • 25. September 2011 17:34 Uhr

    der sogenannte saubere deutsche Staat, nach dem Krieg arbeiteten mehr Nazis im Außenministerium zur Adenauer Zeit als währed des 3. Reiches, es gab eien bericht im radio, das nach dem fall der DDR der BND noch immer Post aus dem Osten aufmacht, teilweise manipuliert oder erst gar nicht zur Auslieferung kommen lässt, das hat man aber auch zu DDr zeiten schon gemacht, also, die sogenannte sauber BRD ist schwer mit Dreck beschmuzt

    • THEU
    • 25. September 2011 17:45 Uhr

    Wen juckt der Kerl?

    Der BND wurde doch mit Hilfe von Altnazis aufgebaut.
    Ist es dann verwunderlich das einer ein Informant war?

    Warum wird sich nicht Kritisch darüber mal ausgelassen???

    • bigbull
    • 25. September 2011 17:46 Uhr

    Das benutzen ehemaliger SS-Angehöriger durch ausländische
    Geheimdienste war und ist die Realität.

    Nach dem Motto: Bist du der Feind meines Feindes so bist
    du mir willkommen.
    Viele europäische und aussereuropäische Nationen haben diese
    Täter willkommen geheissen.
    Ob BND,Verfassungsschutz oder MAD,diese Typen wurden und
    werden umschmeichelt.

    Dreck und Schmutz kann hilfreich sein.

    • Plunder
    • 25. September 2011 17:47 Uhr

    Leider in keinster Weise überraschend, wenn man sich die gescheiterte Entnazifizierung in Deutschland näher betrachtet. Wer einmal die apologetischen Befunde des Untersuchungsausschusses einer Spruchkammer gelesen hat, die sich auf Mitglieder von NSDAP und SA beziehen, und wenn man dann anhand der Akten sieht, wie die Delinquenten mit der Zeit konsequent herabgestuft werden - vom Belasteten zum Minderbelasteten zum Mitläufer und dann die Amnestie für 150,- RM... nun ja, Fälle wie dieser wundern einen einfach nicht mehr.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
  • Schlagworte Geheimdienst | Bundesnachrichtendienst | Bundesnachrichtendienst | Spiegel | Agent | Chile
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