"Wir haben hier eine vollkommen unabhängige Chemie […], welche wir die Chemie des Unberechenbaren nennen könnten." Mit diesen Worten nahm die damals 44-jährige Marie Curie den Chemienobelpreis von 1911 entgegen. Noch 100 Jahre nach der Auszeichnung gilt Curie als Vorbild für Frauen in der Wissenschaft schlechthin. Dabei war ihr diese Rolle zu Lebzeiten selbst mehr ein unausweichliches Übel im Dienste der Forschung, als ein persönliches Bedürfnis.

Die amerikanische Journalistin Marie Meloney hatte maßgeblich dazu beigetragen das Bild einer liebevollen Mutter und zugleich erfolgreichen Karrierefrau zu prägen. Ihre Entdeckungen führten Marie Curie indes nicht zu grenzenloser Anerkennung und Reichtum, sondern verlangten körperliche und materielle Opfer – ein Leben lang.

Die Forscherkarriere der gebürtigen Polin begann bereits mit dem Abschluss ihres Physikstudiums an der Sorbonne. Curie war die Beste ihres Jahrgangs, bekam daraufhin ein Stipendium für ein Mathematikstudium. Den Grundstein für ihren dauerhaften Erfolg jedoch legte sie mit ihrer Doktorarbeit im Jahr 1897.

Gemeinsam mit ihrem Mann Pierre Curie, den sie 1895 geheiratet hatte – ganz pragmatisch in einem marineblauen Kleid, das vielseitig genug war, um es später auch im Labor zu tragen – widmete sie sich den Untersuchungen über radioaktive Substanzen. "Curie hatte sich voll und ganz der Wissenschaft verschrieben", sagt der Wissenschaftshistoriker Horst Kant . Von früh bis spät ackerten die Eheleute in ihrem Labor, das eher einem baufälligen Schuppen glich: ein undichtes Dach, unzureichende Geräte, schlechte Luft und wenig Platz.

Trotz Nobelpreis galt sie eher als Assistentin

"Das alles machte Curie aber nichts aus. Im Gegenteil: Sie sprach von den 'glücklichsten Jahren ihres Lebens'. Das ist beeindruckend", sagt Julie des Jardins, Professorin für Neue Amerikanische Geschichte in New York . Sie hat nicht nur Radium entdeckt, sondern es auch isoliert und seine atomare Masse bestimmt. Das Phänomen der Radioaktivität war kein Geheimnis mehr – und doch schien eine formale akademische Anerkennung weiterhin unerreichbar zu sein."

So durfte Curie nach dem Tod ihres Mannes zwar dessen Vorlesung übernehmen, bekleidete jedoch keine Stelle als Professorin. "Sie galt eher als Assistentin", sagt des Jardins. Und dass, obwohl die Frau mit den aschblonden, krausen Haaren drei Jahre zuvor gemeinsam mit Pierre sowie dem Physiker Antoine Henri Becquerel den Nobelpreis für Physik erhalten hatte.

War der Preis auch eine erfreuliche Überraschung, die Aufmerksamkeit, die den Curies dadurch aber zuteil wurde, war der Forscherin ein Graus. "Immer der gleiche Rummel", wird sie im Buch Marie Curie – die Entdeckung der Radioaktivität zitiert. "Die Leute hindern uns an der Arbeit, so viel sie nur können." Laut den "Autobiografischen Notizen", gab sie bei der Preisverleihung vor, krank zu sein, und nahm den Preis später ohne viel Aufheben entgegen. 1911 nahm der Aufruhr noch zu: Curie erhielt den Nobelpreis für Chemie.

Die Öffentlichkeit versuchte sie weiter zu meiden. Und doch avancierte sie in der amerikanischen Presse zu einer Prominenten und tourte durch die USA. 

Der Grund für den Sinneswandel ist geradezu banal: "Sie brauchte das Geld", sagt die Historikerin des Jardins. In ihrem 2010 erschienenen Buch The Madame Curie Complex: The Hidden History of Women in Science arbeitet sie auf, wie die Forscherin von der amerikanischen Journalistin Marie Meloney zu dem gemacht wurde, was sie noch heute ist: Ein Vorbild für Frauen in der Wissenschaft.

Die Presse machte Marie Curie zu einer Ikone

Im Mai 1920 hatte Meloney die Nobelpreisträgerin zum ersten Mal in ihrem Pariser Labor besucht. Was sie zu hören bekam, hielt sie für untragbar: Der mehrfach ausgezeichneten Wissenschaftlerin fehlte das Forschungsmaterial. Das musste, das konnte sie ändern! Mit ausführlichen Geschichten und einer gut geplanten Kampagne.

Dazu musste Curie mehr werden, als sie eigentlich war – und als sie sein wollte. Meloney machte sie zu einer Ikone, einer Frau, die alles erreicht hat: Ehe, Familie, Karriere. "Ihr Gesicht", schrieb Melony, "war weicher, voller, menschlicher" als die meisten. "Es spiegelte Leiden und Ruhe", so wie "jede Linie ihres schlanken Körpers". In der Gesamtheit sei sie die optimierte Mütterlichkeit gewesen, "aufopfernd, altruistisch, nahezu puritanisch", sagt des Jardins. Auch wurde der medizinische Nutzen des Radiums hervorgehoben und Curie zu einer Heilenden stilisiert.

Der Aufwand lohnte sich: Mehr als 100.000 Dollar Spendengeld bekam Marie für ihre ersehnte Radiumforschung. Das Ziel, mehr Frauen für die Forschung zu begeistern, habe Meloney mit ihrer Curie-PR jedoch verfehlt, sagt des Jardins. "Sie machte Curie zu perfekt: Als Karrierefrau und als Mutter." Es sei zu einem Stigma von Wissenschaftlerinnen geworden, dass sie ein weibliches Klischee erfüllen und zugleich "männliche Erfolge" in ihrer Arbeit erreichen mussten.

Curie war tatsächlich ein Vorbild

Dennoch: "Ein bisschen davon ist nach Europa geschwappt. Aber es war natürlich ein künstliches Bild", sagt der Historiker Kant. Auch seiner Meinung nach sei Curie die Rolle der Superfrau unangenehm gewesen, "sie hat es deshalb nicht weiter vorangetrieben." Musste sie auch gar nicht.

Schließlich ist sie in vielerlei Hinsicht tatsächlich ein Vorbild: "Als aktive Forscherin, die für ihre Wissenschaft lebte und sich ein Renommee erarbeitete. Und natürlich auch als Frau, die sich durchgesetzt hat in einer frauenfeindlichen Zeit", sagt Kant und fügt zugleich hinzu: "Sie hat das aber nicht zu ihrem Thema gemacht und über die Diskriminierung der Frau gesprochen." Es ging ihr um Qualifikation, nicht um das Geschlecht und erachtete Frauen daher als ebenso gute Forscher, wie Männer. 

Die strebsame Marie Curie hat vorgelebt, wie man mit harter, passionierter Arbeit erfolgreich sein kann. Sie erhielt zwei Nobelpreise, eine Ehre die bislang nur drei weiteren Menschen zuteil geworden ist und wurde so unter Radiumforschern unumstritten zu einer führenden Persönlichkeit. 1934 erlag sie schließlich den Folgen der Strahlung. Sie habe die Gefahr nie wahrhaben wollen, sagt Kant. "Marie Curie hat ihre Wissenschaft rücksichtslos gelebt. Bis zum Schluss."