Sie waren Ötzi. In einem früheren Leben waren Sie der Mann vom Hauslabjoch. Sie trugen eine im Spätneolithikum topmodische braun-weiß-längsgestreifte Felljacke (vermutlich Schaf, vielleicht Ziege), hatten eine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen, etliche Tätowierungen auf der Haut und eine ordentliche Portion Steinbock im Magen, als ein Pfeiltreffer in die linke Schulter Sie in die nächste Reinkarnation katapultierte.

Sie finden die Vorstellung verrückt, dass Sie einmal Ötzi waren? Mag sein. Aber einige Menschen glauben daran. Das Südtiroler Archäologiemuseum, in dem die Mumie liegt, bekommt ständig Post wie diese: "Wenn ich mir die Bilder so ansehe, kommt mir die Erinnerung, dass ich wohl in meinem viertletzten Leben der Ötzimann war. Ich hieß damals Schamötzli und bin auf der Jagd nach meiner Braut erschöpft zusammengebrochen."

Eine Frau träumt von tiefgefrorenem Kupfersteinzeitsperma: "Ich fühle mich als gute Mutter für ein Kind, das aus dieser Situation geboren würde. Ich stehe zur Verfügung." Und einer will die Ötzi-Tagebücher gefunden haben, "sieben in Keilschrift auf Mammutfell geschriebene Tagebücher". Doch darauf fallen Journalisten nicht rein; das Mammut war zu Ötzis Zeit ausgestorben, die Keilschrift noch nicht erfunden.

Die mumifizierte Leiche, über die die Bergwanderer Erika und Helmut Simon aus Nürnberg am 19. September 1991 stolpern, befeuert seither die Fantasie. Der Tote Nr. 619/91, heute offiziell "Mann aus dem Eis" genannt, ist, als er gefunden wird, schon seit mindestens 5.000 Jahren tot. Er trägt seine komplette Bekleidung und Ausrüstung, "scheint direkt aus dem Leben gerissen", wie es das sonst eher nüchterne Südtiroler Museum formuliert. Kein Wunder, dass die Medien diese Mumie vereinnahmen. Sie gehört zu den ältesten der Welt.

Als Ötzi-Entdecker Helmut Simon 2004 in eine Schlucht stürzt und erst nach einer Woche tot gefunden wird, erinnern sich Journalisten an den Fluch des Pharaos, der in den 1920er Jahren angeblich alle vorzeitig dahinraffte, die das Grab Tutanchamuns betraten. Günter Henn, ein Gerichtsmediziner, der Ötzi untersucht hat, stirbt bei einem Autounfall auf dem Weg zu einem Vortrag über die Mumie vom Similaun. Bergführer Kurt Fritz, an der Bergung beteiligt, stürzt in eine Gletscherspalte. Und der ORF-Kameramann Rainer Hölzl, der die Bergungsaktion gefilmt hat, erliegt einem Gehirntumor.

Statistiker finden die Sterblichkeit nicht auffällig, zumal Alpinisten logischerweise häufiger Opfer von Bergunfällen werden als andere Menschen. Der wahre Fluch des Ötzis nimmt ganz andere Formen an: die eines Musikers mit Strickmütze, der in Wirklichkeit Gerhard Friedle heißt und als DJ Ötzi Millionen Hits für Feiernde am mallorquinischen Ballermann schreibt.

Nach dem ersten Medien-Hype wird es merkwürdig still um Ötzi. Die Leiche lag praktisch auf der Grenze zwischen Österreich und Italien. Es muss nachgemessen werden, Ergebnis: Ötzi ist Italiener, wegen 92,56 Metern. Die Archäologen des eigens gegründeten Forschungsprojekts für alpine Vorzeit der Universität Innsbruck dürfen trotzdem weiter forschen. Der bürokratische Aufwand, um die Erlaubnis zur Öffnung der Leiche zu erhalten, ist gewaltig: Doch am Ende bekommen sie sie. Immerhin liegt ein ungeklärter Todesfall vor. Und Forschung braucht ihre Zeit.