FrühmenschenLegenden um Ötzi

Woran starb der Mann aus dem Eis? Was war sein Beruf? Lag ein Fluch auf der Mumie? Mythen und Fakten über Ötzi, der vor 20 Jahren gefunden wurde von 

Die Mumie von Ötzi

Die Mumie von Ötzi  |  © Andrea Solero/AFP/Getty Images

Sie waren Ötzi. In einem früheren Leben waren Sie der Mann vom Hauslabjoch. Sie trugen eine im Spätneolithikum topmodische braun-weiß-längsgestreifte Felljacke (vermutlich Schaf, vielleicht Ziege), hatten eine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen, etliche Tätowierungen auf der Haut und eine ordentliche Portion Steinbock im Magen, als ein Pfeiltreffer in die linke Schulter Sie in die nächste Reinkarnation katapultierte.

Sie finden die Vorstellung verrückt, dass Sie einmal Ötzi waren? Mag sein. Aber einige Menschen glauben daran. Das Südtiroler Archäologiemuseum, in dem die Mumie liegt, bekommt ständig Post wie diese: "Wenn ich mir die Bilder so ansehe, kommt mir die Erinnerung, dass ich wohl in meinem viertletzten Leben der Ötzimann war. Ich hieß damals Schamötzli und bin auf der Jagd nach meiner Braut erschöpft zusammengebrochen."

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Eine Frau träumt von tiefgefrorenem Kupfersteinzeitsperma: "Ich fühle mich als gute Mutter für ein Kind, das aus dieser Situation geboren würde. Ich stehe zur Verfügung." Und einer will die Ötzi-Tagebücher gefunden haben, "sieben in Keilschrift auf Mammutfell geschriebene Tagebücher". Doch darauf fallen Journalisten nicht rein; das Mammut war zu Ötzis Zeit ausgestorben, die Keilschrift noch nicht erfunden.

Die mumifizierte Leiche, über die die Bergwanderer Erika und Helmut Simon aus Nürnberg am 19. September 1991 stolpern, befeuert seither die Fantasie. Der Tote Nr. 619/91, heute offiziell "Mann aus dem Eis" genannt, ist, als er gefunden wird, schon seit mindestens 5.000 Jahren tot. Er trägt seine komplette Bekleidung und Ausrüstung, "scheint direkt aus dem Leben gerissen", wie es das sonst eher nüchterne Südtiroler Museum formuliert. Kein Wunder, dass die Medien diese Mumie vereinnahmen. Sie gehört zu den ältesten der Welt.

Identität

Ötzi war rund 1,60 Meter groß, Durchschnitt für seine Zeit. Er hatte wenig Unterhautfettgewebe, war wohl etwa 50 Kilogramm schlank, hatte dunkelbraunes, wahrscheinlich schulterlanges Haar, vermutlich einen Bart und braune Augen.

Isotope in seinen Zähnen deuten darauf hin, dass er aus dem oberen Eisack- oder dem unteren Pustertal stammte. Sein Erbgut wird einer der neun europäischen Hauptgruppen zugeordnet, der Gruppe K, die heute noch in rund fünf Prozent der Europäer zu finden ist – besonders dicht in einigen Alpenregionen, darunter das Ötztal. In Südtirol lebte damals der Tamins-Carasso-Isera 5-Clan.

Beruf

Der Mann aus dem Eis trug ein Kupferbeil. Er dürfte also der Krieger- und Führungsschicht angehört haben, womöglich war er Herdenbesitzer oder Dorfvorsteher. Metallspuren in den Haaren deuten darauf hin, dass er mit Kupferverhüttung in Kontakt kam.

Er war für einen längeren Aufenthalt im Gebirge gerüstet, hatte unter anderem einen Glutbehälter aus Birkenrinde und Jagdgerät dabei. Hölzer und Feuersteintypen der Ausrüstung erzählen von langen Wanderungen. Er könnte Hirte gewesen sein, doch Spuren (etwa Haare) von Schafen oder Ziegen fehlen.

Todeszeit

Im Darm der Mumie wurden 30 verschiedene Pollentypen nachgewiesen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass Ötzi sich zuletzt in einem bestimmten Mischwald-Typ aufhielt, der im Vinschgau und speziell im Schnalstal vorherrscht. Vor allem die Hopfenbuche wächst nur südlich der Alpen. Aus dem Verdauungsgrad schließen Botaniker, dass sich Ötzi zwölf Stunden vor seinem Tod noch im Vinschgau aufhielt. Weil Frühjahrsblüher überwiegen, nehmen sie an, dass er im Frühjahr oder Frühsommer starb.

Gesundheit

Ötzi wird auf Mitte 40 geschätzt, gehörte zu seiner Zeit also zu den Senioren. Seine Gefäße sind leicht verkalkt, die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule verschlissen. Dort und an weiteren Problemstellen trägt die Mumie 47 wohl als schmerzstillend gedachte Tätowierungen aus Kohlenstaub. Einige liegen an Akupunktur-Meridianen. Das zwölfte Rippenpaar fehlt von Geburt an. Links ist ein verheilter Rippenbruch sichtbar, auf der rechten Seite ein frischer. Die Lunge ist schwarz vom häufigen Aufenthalt am rauchenden Feuer.

Nahrung

Der Eismann litt an schlechten Zähnen. Schuld ist wohl die damals noch recht neue Ernährung mit den Getreidearten Einkorn und Emmer, die sich im Darm fanden: Ihre Kohlenhydrate lassen Bakterien gedeihen. Zudem enthielt Getreide harte Partikel von Mahlsteinen. Erst in diesem Jahr wurde die letzte Mahlzeit im Magen analysiert: Steinbockfleisch, wahrscheinlich gebraten, wofür Ascheteilchen sprechen. Ötzi hatte Stücke eines Pilzes dabei, der antibiotisch und blutstillend wirkt und vielleicht auch gegen die Peitschenwürmer helfen sollte, deren Eier im Darminhalt waren.

Als Ötzi-Entdecker Helmut Simon 2004 in eine Schlucht stürzt und erst nach einer Woche tot gefunden wird, erinnern sich Journalisten an den Fluch des Pharaos, der in den 1920er Jahren angeblich alle vorzeitig dahinraffte, die das Grab Tutanchamuns betraten. Günter Henn, ein Gerichtsmediziner, der Ötzi untersucht hat, stirbt bei einem Autounfall auf dem Weg zu einem Vortrag über die Mumie vom Similaun. Bergführer Kurt Fritz, an der Bergung beteiligt, stürzt in eine Gletscherspalte. Und der ORF-Kameramann Rainer Hölzl, der die Bergungsaktion gefilmt hat, erliegt einem Gehirntumor.

Statistiker finden die Sterblichkeit nicht auffällig, zumal Alpinisten logischerweise häufiger Opfer von Bergunfällen werden als andere Menschen. Der wahre Fluch des Ötzis nimmt ganz andere Formen an: die eines Musikers mit Strickmütze, der in Wirklichkeit Gerhard Friedle heißt und als DJ Ötzi Millionen Hits für Feiernde am mallorquinischen Ballermann schreibt.

Nach dem ersten Medien-Hype wird es merkwürdig still um Ötzi. Die Leiche lag praktisch auf der Grenze zwischen Österreich und Italien. Es muss nachgemessen werden, Ergebnis: Ötzi ist Italiener, wegen 92,56 Metern. Die Archäologen des eigens gegründeten Forschungsprojekts für alpine Vorzeit der Universität Innsbruck dürfen trotzdem weiter forschen. Der bürokratische Aufwand, um die Erlaubnis zur Öffnung der Leiche zu erhalten, ist gewaltig: Doch am Ende bekommen sie sie. Immerhin liegt ein ungeklärter Todesfall vor. Und Forschung braucht ihre Zeit.

Leserkommentare
  1. Es ist schon ein Phänomen, dass eine tiefgefrorene Leiche, die vor 5.000 Jahren im Gletschereis umgebracht wurde, unsere Phantasie derart anregt. Vor allen Dingen ist es ja wohl das offensichtliche Verbrechen, das von uns "Tatort-Hobbykommissaren" leider noch nicht aufgeklärt werden konnte. Aber ging es mit den "Moorleichen" nicht ähnlich?

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM

    • T.M.
    • 19. September 2011 9:00 Uhr

    Feuilliettonistisches Gelaber, wenn Sie mich fragen, ohne jede neue Information. Fluch des Pharao, Gehirntumor, Keilschrift ... du lieber Gott, was soll das sein - etwa tatsächlich Journalismus? Ich verstehe viele Artikel heute nicht mehr. Offenbar besteht aber ein Bedarf daran.

    Ich empfehle jedem einmal einen Besuch in Bozen. Das Museum dort ist überaus interessant und reichhaltig, leider auch sehr stark frequentiert. Aber ein Blick auf die originale Ausrüstung ist es allemal wert. Man wird dort bessere Antworten finden, als nur Mutmassungen und Verschwörungstheorien. Die Leiterin dieses Museums hat übrigens auch mindestens ein sehr informatives Büchlein geschrieben.

  2. Der Autor Michael Heim hat in seinem Buch "Die Ötztal-Fälschung" sehr gut und sehr interessant begründet, warum der Ötzi wohl als Jux in der Nähe einer Hütte platziert wurde, kurz bevor der bekannte Reinhold Messner dort auf seiner Bergtour auftauchen sollte.

    Eine "alpine Groteske" und ein weiteres Beispiel für den Zustand und die Mechanismen der "Wissenschaft" in unserer Zeit. Schade, dass das wirklich gute Buch von Michael Heim nicht wenigstens als eBook heute neu herausgebracht wird.

    • Pequod
    • 19. September 2011 9:39 Uhr

    Bei dem in der Nähe von Ötzi gefunden ''Grasumhang'' könnte
    es sich um die Fragmente einer frühen Form eines Gleit-
    schirms handeln mit dem Ötzi aus der Luft seine Gegner
    überraschen wollte. Leider wurde er im Luftkampf abgeschos-
    sen, wie die Pfeilspitze in seiner Schulter beweist, und
    endete, nach einer harten Landung, mit vielen Knochenbrüchen,
    auf dem Similaungletscher.

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    die vermeintliche Pfeilspitze, war, weil aus Feuerstein, ein Teil des Zündmechanismus eines prähistorischen Düsentriebwerks und der Absturz war nicht einem Kampf geschuldet, sondern eben dem Versagen des Triebwerks. Offensichtlich kam es zu einer Explosion, bei der dieser Zündmechanismus sich in ein tödliches Schrapnell verwandelte und Ötzi das Leben kostete.

  3. die vermeintliche Pfeilspitze, war, weil aus Feuerstein, ein Teil des Zündmechanismus eines prähistorischen Düsentriebwerks und der Absturz war nicht einem Kampf geschuldet, sondern eben dem Versagen des Triebwerks. Offensichtlich kam es zu einer Explosion, bei der dieser Zündmechanismus sich in ein tödliches Schrapnell verwandelte und Ötzi das Leben kostete.

    Antwort auf "Paraglider"
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    • Chali
    • 19. September 2011 10:57 Uhr

    So naheliegend ist die Erklärung nicht, da können Sie meinen Freund Erich fv.D. jederzteit fragen

    Alpha-Centauri. Ich sage nur: Alpha-Centauri.

    • Chali
    • 19. September 2011 10:54 Uhr

    Das wird man doch mal fragen dürfen!

    "Verschwörungstheoretiker sagen, eine echte Leiche könne unmöglich Aasvögel, Insekten und Gletscherbewegungen überlebt haben. Wissenschaftler erklären sich das damit, dass Ötzi in einer Felsrinne schnell von einer schützenden Schneedecke eingeschlossen wurde, die aber dünn genug war, um die Winde durchzulassen, die ihn gefriertrockneten."

    Dieser Kontext hat mich immerr gestört.
    Es muss ja am Tage seine Todes eine ganz ausserordentliche Witterung geherrscht haben, wenn der Mann "eisfrei" stirbt und dann 5'000 Jahre nicht mehr zu Tage kommt. Spindler berichtet in seinem Buch, dass das Abschmelzen des Eises am Ende eines warmen Sommers zurückzuführen war auf einen Saharasturm, der Staub ablagerte, so dass die Sonneeinstahlung wirksam werden konnte. Aber ist diese Wetterkonstellation so einzigartig, dass sie in 5'000 Jahren niemals auftrat?

    • Chali
    • 19. September 2011 10:57 Uhr

    So naheliegend ist die Erklärung nicht, da können Sie meinen Freund Erich fv.D. jederzteit fragen

    Alpha-Centauri. Ich sage nur: Alpha-Centauri.

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    Was hat Professor Lesch mit dem Ötzi zu tun?

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