Nazi-Verbrecher unter sich: Heinz Reinefarth (Mitte) um 1940 während eines Treffens von SS-Größen. © Keystone/Getty Images

Im Vorgarten des reetgedeckten Friesenhauses von Heinz Reinefarth flattert die Wäsche unter der warmen Sylter Sonne. Entlang der Promenade unten am Strand von Westerland bummeln braun gebrannte Menschen in teurer Kleidung. So war es schon während der 13 Jahre, in denen Heinz Reinefarth für den Bund der Heimatlosen und Entrechteten (BHE) als Bürgermeister im Rathaus von Westerland saß – bis 1964. Anschließend lebte er noch als niedergelassener Rechtsanwalt 15 Jahre lang unbehelligt in seinem Friesenhaus, bis zu seinem Tode. Es gehört nun seinen Kindern, die sich zu ihrem Vater – dem "Henker von Warschau" – nicht äußern wollen.

Reinefarth hatte vor 1945 eine steile Karriere gemacht – bis zum Generalleutnant der Polizei und Waffen-SS unter Heinrich Himmler. Der schätzte Reinefarth als besonders durchsetzungsstark ein und kommandierte ihn im Sommer 1944 nach Warschau ab. Mit seinen SS-Truppen sollte Reinefarth den Warschauer Aufstand niederkämpfen . Am 1. August hatte sich dort die nationalpolnische Heimatarmee (Armia Krajowa) gegen die deutschen Besatzer erhoben. Diese waren waffenmäßig stark überlegen – und schlugen den Aufstand brutal nieder. Zur Strafe richteten sie wahllos Zivilisten hin. Allein unter dem Kommando von Reinefarth wurden so 15.000 Menschen getötet. Er ließ sogar Krankenhäuser stürmen und Patienten, Frauen und Kinder erschießen.

Bis zum 3. Oktober war der Aufstand unterdrückt. Als Strafe ließ Adolf Hitler die Warschauer Innenstadt sprengen. In diesen Wochen und in Folge von Hunger und Zerstörung starben bis zu 200.000 Menschen in der Stadt. Und Heinz Reinefarth gilt in Polen seither als "Henker von Warschau".

Wie konnte dieser Kriegsverbrecher in der neuen demokratisch legitimierten Bundesrepublik zum Bürgermeister gewählt werden? Sein Rathaus von einst steht noch immer. Ein repräsentativer historischer Bau, der auch als Kurhaus dient. Aber dort will seine späte Nachfolgerin im Amt, Petra Reiber (perteilos), nicht über die Angelegenheit Reinefarth sprechen: "Leider kann ich Ihnen über die Amtszeit von Heinz Reinefarth nichts sagen", teilt sie schriftlich mit.

Polens Wunsch nach Auslieferung wurde abgelehnt

Anders Ernst-Wilhelm Stojan, den die Kriegswirren selbst nach Westerland gebracht hatten. Er hat die Wahl Reinefarths 1951 miterlebt. Besonders ärgert ihn, dass man bis heute auf Sylt nicht über den Bürgermeister mit der SS-Vergangenheit sprechen will. Reinefarth sei tabu. Als SPD-Vertreter stand Stojan von Anfang an in Opposition zu dem ehemaligen SS-General, dessen Kriegsverbrechen längst durch die deutsche Presse gegangen waren: "Es wurde einem ja immer wieder gesagt: Was wollt Ihr eigentlich, er ist ja nicht verurteilt worden! Wenn man dann erwiderte, die Hinrichtungen von Warschau, von Tausenden von Kindern, von Frauen, von Kindern, alten Leuten, jungen Leuten, ist eigentlich doch schon ein Maßstab für eine Beurteilung – auch damit kam man nicht durch."