ArchäologieDeutsche Grabungen stabilisieren Krisenregionen

Sie wecken ein neues Kulturinteresse und schaffen mehr Selbstbewusstsein: Die deutschen Ausgrabungen in Krisenregionen haben viele positive Effekte. von Amory Burchard

Ägyptische Arbeiter inspizieren neue Funde in einer Grabungsstätte in einem Außenbezirk Kairos.

Ägyptische Arbeiter inspizieren neue Funde in einer Grabungsstätte in einem Außenbezirk Kairos.  |  © Amro Maraghi/AFP/Getty Images

In einem Dorf bei Assuan untersucht Stephan Seidlmayer Felsinschriften aus pharaonischer Zeit. Dorfbewohner umlagern den Direktor der Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), fragen nach dem Ursprung der Inschriften: Sind sie ägyptisch oder nubisch? Seidlmayer sieht darin ein Zeichen eines neu erwachten Interesses an der Kulturgeschichte des Landes, eines neuen Selbstbewusstseins auch der nubischen Minderheit.

Die Demokratiebewegung hat vieles in Bewegung gebracht – und sie erfasst auch die deutschen Archäologen. Zu mehr Transparenz soll ein Newsletter für die Menschen in und um Assuan beitragen, sagte Seidlmayer jetzt bei einem Gespräch in der Berliner DAI-Zentrale. Die Archäologen stellen ihre Arbeit vor – und werben damit auch für den Schutz des bedrohten Kulturdenkmals.

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"Eine ganz neue Sichtweise auf Geschichte und Kultur des Landes" beobachtet auch DAI-Mitarbeiter Philipp von Rummel, der gerade aus Tunesien zurückgekehrt ist. Vor der Jasminrevolution seien die Beziehungen zu Europäern zudem misstrauisch als "Relikte des Kolonialismus" betrachtet worden. "Und plötzlich reden die Leute auf Augenhöhe mit uns, als Partner." So, wie sie selbstverständlich schon seit langem von den DAI-Archäologen gesehen werden.

Die Arbeitsbedingungen für das DAI seien nach der Revolution "sehr gut", sagt Seidlmayer. Grabungskonzessionen würden besonders großzügig erteilt. Denn die deutschen Archäologen gälten als stabilisierender Faktor: Das Institut in Kairo bietet zahlreiche Jobs, bildet einheimische Fachkräfte aus und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Das ist an Ausgrabungsorten weltweit der Fall, doch gerade in Krisenregionen kann das DAI viel dazu beitragen, "Normalität herzustellen" , sagt DAI-Präsidentin Friederike Fless. Deshalb versuche man, nach gravierenden politischen Umbrüchen die Arbeit so schnell wie möglich wieder aufzunehmen.

Im Irak , wo gemeinsam mit einheimischen Kollegen in Erbil gegraben wird, sollen auch wieder die Summer Schools für Nachwuchswissenschaftler starten. Die Abteilung in Bagdad könne aber wegen der angespannten Sicherheitslage noch nicht wieder eröffnet werden. In Libyen ruhen die Arbeiten . Ein Grabungsteam, das im April in die hellenistische Stadt Ptolemais aufbrechen wollte, wurde gestoppt, sagt Fless. Derzeit versuche man, Ansprechpartner in Tripolis zu kontaktieren.

In Ägypten waren die Grabungen nie unterbrochen. Wegen des politischen Umbruchs und fehlender Einnahmen aus dem Tourismus ist allerdings die Finanzierung für das Museum auf der Nilinsel Elephantine gefährdet. Das DAI sollte helfen, die Ausstellung neu zu gestalten. Mit deutschem Know-how könnte ein "wirklich innovatives Archäologiemuseum" entstehen, sagt der Kairoer DAI-Chef und hofft auf die Zeit nach der für November geplanten Parlamentswahl.

Bis dahin rechnet das DAI auch mit einer Förderung aus der Transformationspartnerschaft mit Ägypten und Tunesien: 50 Millionen Euro will Deutschland zur Verfügung stellen, auch für Bildungsprojekte, hatte Bundesaußenminister Guido Westerwelle schon im April angekündigt. Das DAI plant zusammen mit ägyptischen Archäologen und deutschen Universitäten Summerschools, gemeinsame Studiengänge oder Projektstipendien. "Wir stehen in den Startlöchern", sagt Fless, "die Bundesmittel sind aber noch nicht freigegeben."

Erschienen im Tagesspiegel.

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