Das Porträt einer betagten Frau, das auch auf dem Jahrhundertbus zu sehen ist, begrüßt einen auf der Website. © Gedächtnis der Nation

Die alljährlich wiederholte Geschichtsdoku 100 Jahre – Der Countdown gehört zum Jahreswechsel fast schon so sehr dazu wie der TV-Sketch Dinner for one . Der ZDF-Journalist Guido Knopp hat eingefangen, was die Welt im 20. Jahrhundert bewegt und verändert hat. Dass Deutschland ein Teil dieser Weltgeschichte ist, zeigen viele Beiträge: Aufnahmen von Kaiser Wilhelm II., Hitler, der Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der Mauerbau und das Ende der DDR untermalt von dem Ruf "Wir sind das Volk!".

An der Geschichte Deutschlands hat sich seit der Erstausstrahlung von 100 Jahre an Silvester 1999 nichts geändert. Doch die Ereignisse lassen sich nun neu kennen lernen: Das digitale Videoarchiv Unsere Geschichte. Gedächtnis der Nation zeigt seit Donnerstag Zeitzeugenberichte aus mehr als 100 Jahren deutscher Geschichte. Und bietet die Möglichkeit, die Historie des Landes nach der Jahrtausendwende fortzuschreiben, mit dem Ziel, sie für immer im kulturellen Gedächtnis zu verankern.

Ein Projekt, bei dem Guido Knopp nicht fehlen darf. Der Chef der Zeitgeschichte-Redaktion des ZDF präsentierte es am Donnerstag gemeinsam mit seinem Mitstreiter Hans-Ulrich Jörges, dem Leiter des Hauptstadtbüros des Magazins stern . Der Bundespräsident, unter dessen Schirmherrschaft das Projekt steht, grüßte mit einem Videobeitrag während der Vorstellung in der Bundespressekonferenz. "Nichts macht Geschichte so lebendig wie die Erinnerungen von Zeitzeugen", sagte er.

Weitere Mediengrößen waren gekommen, etwa der Vorstandvorsitzende von Gruner + Jahr, Bernd Buchholz, und Googles Vize-Zentraleuropachef Philipp Schindler. Letzterer hat eine besondere Rolle. Sein Unternehmen stellt die Technologie, heißt es immer wieder während der Veranstaltung. Nicht verwundern darf da die Spekulation, dass das aus zwei Sprechblasen bestehende "g" des Kampagnenlogos etwas an das zweite "g" in Google erinnert.

Orientieren an Steven Spielberg

Der ganze Medienrummel lenkt ein wenig davon ab, dass sich hinter Gedächtnis der Nation (GdN) ein durchdachtes Geschichtsprojekt versteckt: Ziel des digitalen Videoarchivs ist es, Erinnerungen von Zeitzeugen per Videointerview dauerhaft zu bewahren. Dieses umfassende Bild der deutschen Geschichte könnte irgendwann einmal Schulen und sogar Universitäten nützen, hofft die illustre Runde in der Bundespressekonferenz. Orientieren wollen sich die Initiatoren an Steven Spielberg: Der sammelte nach der Produktion seines Films Schindlers Liste mit der Shoah Foundation mehr als 50.000 Zeitzeugenberichte zum Holocaust, filmte sie und stellte sie ins Netz.

Die deutsche Variante besteht im Wesentlichen aus einer Website mit dem Zeitzeugenarchiv, die bereits rund 1.600 Interviews aus den Beständen des ZDF enthält. Hier kann sich der Besucher entscheiden, ob er die Beiträge in chronologischer oder themenbezogener Ordnung aufrufen möchte. Auch nach prominenten Zeitzeugen lässt sich suchen. Die Oberfläche erinnert anschließend stark an die Übersicht von YouTube – kein Wunder, denn die Google-Tochter ist für das Hosting der Seite zuständig.

Ein YouTube-Channel , auf dem praktisch jeder ein Video hochladen kann, ergänzt die Mutterseite. Als Schutz vor Geschichtsfälschung und Hetze prüfe eine Redaktion jeden Beitrag, der auf die Seiten geladen wird, sagt Initiator Jörges. Ein Mitmachkanal, der das jugendliche Interesse an Geschichte fernab einer schulischen Autorität befeuern soll, sei dadurch entstanden. Fünf Jahre waren die Initiatoren auf der Suche nach Förderern, bis die Kosten für die Aufbaujahre gedeckt waren. Diese belaufen sich auf zwei Millionen Euro für die ersten vier Jahre.