Edwin Allan Lightner, stellvertretender Chef der US-Mission in Berlin, trägt Zivil am 22. Oktober 1961. Es ist ein Sonntag, Lightner und seine Frau wollen im Ostteil der Stadt die Aufführung einer Theatertruppe aus der Tschechoslowakei besuchen. Das ist nichts Ungewöhnliches: Die Vertreter der Alliierten genießen auch nach dem Mauerbau vom 13. August Bewegungsfreiheit in der ganzen Stadt.

Doch als das Ehepaar Lightner in der Friedrichstraße am einzigen Übergang zwischen den beiden Stadthälften vorfährt, wollen DDR-Grenzsoldaten die Ausweise sehen. Das steht ihnen nicht zu: Berlin unterliegt der Hoheit der vier Besatzungsmächte, nicht der der DDR.

US-Diplomat Lightner ist sich dessen bewusst und weigert sich, seinen Pass einem DDR-Volkspolizisten zu zeigen. Er fragt nach einem sowjetischen Offizier, doch die Grenzer bleiben stur. Lightner auch – er ruft die Militärpolizei. Acht bewaffnete MPs eskortieren ihn über die Sektorengrenze. Lightner erinnert sich später: "Hätten sie auf einen von uns geschossen, wir hätten sie alle töten müssen."

Der Konflikt fängt damit erst an. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hat zu Beginn der Berlin-Krise General Lucius D. Clay reaktiviert, den ehemaligen Militärgouverneur in Westdeutschland. Als persönlicher Vertreter Kennedys in Berlin erweist Clay sich als unberechenbarer Hardliner, der bei den anderen Westalliierten, Briten und Franzosen, zunehmend auf Unverständnis stößt. "Die Russen", glaubt Clay, "verstehen nur eine Sprache, und das ist Gewalt."

SED-Chef Ulbricht will die Souveränität der DDR durchsetzen

Allerdings sind die Russen diesmal gar nicht sein Gesprächspartner. Moskaus Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow rührt nicht am Vier-Mächte-Status. SED-Chef Walter Ulbricht ist es, der mit den Passkontrollen die Souveränität der DDR über Berlin durchsetzen will, das doch Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates sein soll. Chruschtschow kann aber Ulbricht nicht offen bremsen, wie sein Außenminister Andrej Gromyko es verlangt – das würde dem Ansehen der DDR schaden.

Amerikanische Militäreskorten erzwingen in den folgenden Tagen mehrfach den Zugang zum Ost-Sektor. Das DDR-Innenministerium hält jedoch seinen Erlass aufrecht, dass US-Militärs in Zivil zu kontrollieren sind. Deshalb lässt General Clay am 25. Oktober am Checkpoint Charlie, dem US-Kontrollpunkt am Übergang Friedrichstraße, Panzer auffahren. Auch die britischen Alliierten bringen in ihrem Sektor, im Tiergarten, Panzer in Stellung.

Um die brenzlige Lage zu entspannen, fährt der amerikanische Stadtkommandant Albert Watson zu Gesprächen mit seinem sowjetischen Widerpart Andrej Solowjew in den Ost-Sektor. Als Ergebnis werden die Panzer abgezogen – doch nicht für lange: Als die DDR-Grenzpolizisten am Nachmittag des 26. Oktober einen US-Major in Zivil nicht passieren lassen, wiederholt sich die Drohgebärde.