Frauenwahlrecht Als Großbritanniens Feministinnen rabiat wurden

Der Streit um das Frauenwahlrecht wird 1911 gewalttätig: Bei einem Zug zum britischen Parlament schlagen Suffragetten Fenster ein. Brandsätze und Bombenattentate folgen.

Die britische  Frauenrechtlerin und Suffragette Emmeline Pankhurst wird 1914 während einer Demonstration vor dem Buckingham Palast festgenommen.

Die britische Frauenrechtlerin und Suffragette Emmeline Pankhurst wird 1914 während einer Demonstration vor dem Buckingham Palast festgenommen.

Großbritannien ist eine alte Demokratie, doch dass Frauen etwas mitzureden haben könnten, darauf kam lange niemand – sie tauchten in Wahlgesetzen gar nicht erst auf. Doch ausgerechnet am Great Reform Act von 1832, der die Wahlkreise neu ordnet und den Kreis der Stimmbürger erweitert, lässt sich ablesen, dass das Frauenwahlrecht denkbar geworden ist: Es wird erstmals ausdrücklich ausgeschlossen.

"Women's suffrage" ist das Frauenwahlrecht. Erste "Suffrage Societies" verteilen in den 1840er Jahren Flugblätter. Zwanzig Jahre später fordern der Philosoph John Stuart Mill, einer der Begründer des Liberalismus, und der Anwalt Richard Pankhurst als erste Abgeordnete das Frauenwahlrecht. Die National Society for Women's Suffrage gründet sich. Sie wird weithin ignoriert, bestenfalls belächelt.

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Ledige und verwitwete Britinnen dürfen bereits auf kommunaler Ebene wählen – die anderen sind ja durch ihren Ehemann vertreten. 1893 beschließt Neuseeland, das zu Großbritannien gehört, allen Frauen das Stimmrecht zu geben. Und 1902 gibt das just von den Briten unabhängig gewordene Australien als erster unabhängiger Staat der Welt ihnen das volle aktive Wahlrecht.

Politisches Merchandising

Die WPSU unterhielt als wohl erste politische Bewegung einen florierenden Handel mit Merchandising-Artikeln. Die Farben der Bewegung – violett für Würde, Weiß für Reinheit und Grün für Hoffnung – fanden sich auf Flaggen, Rosetten und Broschen, die in Kampagnen-Läden in den großen Städten verkauft wurden. 1909 gab die WSPU Schmuckstücke für führende Suffragetten in Auftrag, und die Juwelierfirma Mappin & Webbnahm feministischen Schmuck in ihren Katalog auf.

Boykott der Volkszählung

Die Volkszählung von 1911 ärgert die Feministinnen, weil Frauen darin nach ihrer Fruchtbarkeit befragt werden. Viele Suffragetten boykottieren den Zensus, indem sie am Stichtag, dem 2. April, nicht zu Hause sind. Emily Davison geht weiter: Sie versteckt sich im Unterhaus, um dort registriert zu werden. 99 Jahre später entdecken Historiker in den online gestellten Daten der Zählung den Beweis, dass es ihr gelungen ist: "In der Krypta des House of Commons versteckt gefunden", vermerkt der Zähler.

Davon befeuert, formen Suffragetten am 10. Oktober 1903 die auch klassenkämpferisch inspirierte Women's Social and Political Union (WSPU). Schon beim Gründungstreffen kündigen die feinen Damen und Frauen aus der Arbeiterklasse an, auch zu "extremen Mitteln" greifen zu wollen. Zu den treibenden Kräften gehören Emmeline, Sylvia und Christabel Pankhurst, die Frau und die Töchter des fortschrittlichen Abgeordneten. Die Daily Mail verspottet die militanten Frauen als Suffragetten, doch die machen sich den Namen zu eigen.

Der 21.11.1911 ist ein Wendepunkt: Nun ist Militanz geplant

Christabel Pankhurst und Annie Kenney sind die Ersten, die sich eine Strafe einfangen. Sie stören 1905 eine Wahlkampfveranstaltung der Liberalen, schlagen dabei Polizisten, spucken sie an. 1906 halten drei Dutzend Suffragetten in der Lobby des Unterhauses Reden, bis die Polizei sie entfernt. 1907 marschieren rund 400 Frauen auf das Parlament zu, einige durchbrechen eine Barriere, werden verhaftet. Einen angekündigten Sturm auf das Parlament 1908 verhindert die Regierung mit massiver Polizeipräsenz.

Bis 1911 versuchen die Feministinnen immer wieder, sich Zutritt zum Parlament zu verschaffen, um ihr Anliegen vorzubringen. Wenn es dabei zu Gewaltakten kommt, richten sie sich allein gegen die Staatsmacht. Der 21. November 1911 ist ein Wendepunkt: Jetzt ist die Militanz geplant, und sie zielt nicht mehr nur auf die Regierung.

Als wieder eine WSPU-Delegation zum Parlament loszieht, bewaffnet sich eine große Gruppe mit Hämmern und Säcken voller Steinen. Die Frauen ziehen durch das Regierungsviertel und zerschlagen Fenster: am Innenministerium, der Schatzkanzlei und am Gebäude der liberalen Partei, aber auch an Zeitungshäusern, einem Hutladen, einer Apotheke, einem Schneider, einer Bäckerei und etlichen anderen Geschäften. Die Wut der Frauen richtet sich gegen die Gesellschaft, die ihnen ihre Rechte verweigert.

Leser-Kommentare
    • gorgo
    • 21.11.2011 um 12:29 Uhr

    In dieser schon nicht mehr verkürzt zu schimpfenden Darstellung fehlt so ungefähr alles, was zum Verständnis der geschilderten Entwicklung nötig ist.
    So fehlt z.B. die historisch alles entscheidende Information, dass Feministen und Feministen viele Jahr bis zum Hungerstreik gingen, um ihre Rechte durchzusetzen. 1909, nachdem Marion Wallace-Dunlop die Hall of commons mit einer schwer abzuwaschenden Tinte bedruckt hatte - also zwei Jahre bevor es zu den ersten Angriffen auf Fenster kam - wurde sie verhaftet und trat in den Hungerstreik. Zahlreiche Feministinnen wurden in Großbrittanien im Hungerstreik seither staatlicherseits umgehend brutal zwangsernährt. Charlotte Marsh wurde 139 Mal zwangsernährt. Die Radikalisierung dieser Bewegung ist ohne diese Informationen komplett mißverständlich.

    Emily Punkhurst:
    "Holloway became a place of horror and torment. Sickening scenes of violence took place almost every hour of the day, as the doctors went from cell to cell performing their hideous office. … I shall never while I live forget the suffering I experienced during the days when those cries were ringing in my ears." When prison officials tried to enter her cell, Pankhurst, in order to avoid being force-fed, raised a clay jug over her head and announced: "If any of you dares so much as to take one step inside this cell I shall defend myself."
    zitat wiki "forced feeding"
    Wie kann man diesen Zusammenhang verschweigen????

  1. ... der Artikel erschien mir schon so recht unglaubwürdig, jetzt werde ich mir Quellen suchen (die ja leider auch auf Zeit.de regelmäßig fehlen).

  2. sehr "dürftig" behandelt!

    Hier ist ein "Selbststudium" angesagt ;-)

  3. "Dann führt das rationale Denken der vernünftigen männlichen Machthaber zum Ersten Weltkrieg. Obgleich er den Kampf der WPSU fast vollständig unterbricht, bringt er die Wende: Weil die Männer auf den Schlachtfeldern Europas kämpfen und sterben, übernehmen Frauen Verantwortung."

    Das ist mehr als zynisch. Gerade Emmeline und Christabel Pankhurst haben sich als kriegstreiber der schlimmsten sorte erwiesen. Noch gegen ende des krieges forderten sie statt eines erschöpfungsfriedens die fortsetzung der kämpfe bis zum endsieg. Verantwortung haben sie auch nicht übernommen. Sie forderten die einführung der wehrpflicht - natürlich nicht für sich, nicht für frauen. Die männer starben also auf den schlachtfeldern auch weil es die beiden Pankhursts so wollten. Sie hatten es übrigens auch damit begründet, dass England bei den frauenrechten weiter sei als Deutschland.

    "I shall never while I live forget the suffering I experienced during the days when those cries were ringing in my ears."

    Hatte sie das recht, das zu sagen? Bei den wehrpflichtigen jungen männern war sie da wohl erheblich unempfindlicher. Die schreie der sterbenden und verwundeten soldaten klingelten nicht in ihren ohren - obwohl das leid ihr sehr wohl bekannt sein musste. Widerliche figur.

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    • FranL.
    • 23.11.2011 um 20:55 Uhr

    Na, aber für den Krieg selbst waren dann doch die Männer verantwortlich.

    • FranL.
    • 23.11.2011 um 20:55 Uhr

    Na, aber für den Krieg selbst waren dann doch die Männer verantwortlich.

  4. ...Alice Paul und Lucy Burns waren meines Wissens aber keine Kriegstreiberinnen?!

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    Sylvia Pankhurst war auch gegen den krieg und wehrpflicht. Sie brach (auch) deshalb mit ihrer mutter und ihrer älteren schwester.

    Sylvia Pankhurst war auch gegen den krieg und wehrpflicht. Sie brach (auch) deshalb mit ihrer mutter und ihrer älteren schwester.

  5. 6. Und ?

    Sylvia Pankhurst war auch gegen den krieg und wehrpflicht. Sie brach (auch) deshalb mit ihrer mutter und ihrer älteren schwester.

    Antwort auf "Die Amerikanerinnen..."
    • FranL.
    • 23.11.2011 um 20:55 Uhr

    Na, aber für den Krieg selbst waren dann doch die Männer verantwortlich.

    Antwort auf "Pankhurst"
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    Was soll das? Dass frauen für nichts verantwortlich sind? Oder dass die männlichen opfer der kriege selbst schuld sind?

    Wir reden offensichtlich zwar nicht vom tätervolk, wohl aber vom tätergeschlecht. Ich dachte, so eine kranker unsinn sei längst überwunden.

    Was soll das? Dass frauen für nichts verantwortlich sind? Oder dass die männlichen opfer der kriege selbst schuld sind?

    Wir reden offensichtlich zwar nicht vom tätervolk, wohl aber vom tätergeschlecht. Ich dachte, so eine kranker unsinn sei längst überwunden.

  6. Was soll das? Dass frauen für nichts verantwortlich sind? Oder dass die männlichen opfer der kriege selbst schuld sind?

    Wir reden offensichtlich zwar nicht vom tätervolk, wohl aber vom tätergeschlecht. Ich dachte, so eine kranker unsinn sei längst überwunden.

    Antwort auf "Verursacher"

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