Großbritannien ist eine alte Demokratie, doch dass Frauen etwas mitzureden haben könnten, darauf kam lange niemand – sie tauchten in Wahlgesetzen gar nicht erst auf. Doch ausgerechnet am Great Reform Act von 1832, der die Wahlkreise neu ordnet und den Kreis der Stimmbürger erweitert, lässt sich ablesen, dass das Frauenwahlrecht denkbar geworden ist: Es wird erstmals ausdrücklich ausgeschlossen.

"Women's suffrage" ist das Frauenwahlrecht. Erste "Suffrage Societies" verteilen in den 1840er Jahren Flugblätter. Zwanzig Jahre später fordern der Philosoph John Stuart Mill, einer der Begründer des Liberalismus, und der Anwalt Richard Pankhurst als erste Abgeordnete das Frauenwahlrecht. Die National Society for Women's Suffrage gründet sich. Sie wird weithin ignoriert, bestenfalls belächelt.

Ledige und verwitwete Britinnen dürfen bereits auf kommunaler Ebene wählen – die anderen sind ja durch ihren Ehemann vertreten. 1893 beschließt Neuseeland, das zu Großbritannien gehört, allen Frauen das Stimmrecht zu geben. Und 1902 gibt das just von den Briten unabhängig gewordene Australien als erster unabhängiger Staat der Welt ihnen das volle aktive Wahlrecht.

Davon befeuert, formen Suffragetten am 10. Oktober 1903 die auch klassenkämpferisch inspirierte Women's Social and Political Union (WSPU). Schon beim Gründungstreffen kündigen die feinen Damen und Frauen aus der Arbeiterklasse an, auch zu "extremen Mitteln" greifen zu wollen. Zu den treibenden Kräften gehören Emmeline, Sylvia und Christabel Pankhurst, die Frau und die Töchter des fortschrittlichen Abgeordneten. Die Daily Mail verspottet die militanten Frauen als Suffragetten, doch die machen sich den Namen zu eigen.

Der 21.11.1911 ist ein Wendepunkt: Nun ist Militanz geplant

Christabel Pankhurst und Annie Kenney sind die Ersten, die sich eine Strafe einfangen. Sie stören 1905 eine Wahlkampfveranstaltung der Liberalen, schlagen dabei Polizisten, spucken sie an. 1906 halten drei Dutzend Suffragetten in der Lobby des Unterhauses Reden, bis die Polizei sie entfernt. 1907 marschieren rund 400 Frauen auf das Parlament zu, einige durchbrechen eine Barriere, werden verhaftet. Einen angekündigten Sturm auf das Parlament 1908 verhindert die Regierung mit massiver Polizeipräsenz.

Bis 1911 versuchen die Feministinnen immer wieder, sich Zutritt zum Parlament zu verschaffen, um ihr Anliegen vorzubringen. Wenn es dabei zu Gewaltakten kommt, richten sie sich allein gegen die Staatsmacht. Der 21. November 1911 ist ein Wendepunkt: Jetzt ist die Militanz geplant, und sie zielt nicht mehr nur auf die Regierung.

Als wieder eine WSPU-Delegation zum Parlament loszieht, bewaffnet sich eine große Gruppe mit Hämmern und Säcken voller Steinen. Die Frauen ziehen durch das Regierungsviertel und zerschlagen Fenster: am Innenministerium, der Schatzkanzlei und am Gebäude der liberalen Partei, aber auch an Zeitungshäusern, einem Hutladen, einer Apotheke, einem Schneider, einer Bäckerei und etlichen anderen Geschäften. Die Wut der Frauen richtet sich gegen die Gesellschaft, die ihnen ihre Rechte verweigert.

Emily Davison legt 1913 eine Bombe im Haus des Schatzkanzlers

Auf einer Demonstartion fordern 1912 britische Suffragetten das Frauenwahlrecht. © N. Miller/Topical Press Agency/Getty Images

220 Frauen und drei Männer werden festgenommen. Die meisten erhalten kurze Haftstrafen; nur zwanzig Angreiferinnen müssen für zwei Monate ins Gefängnis. Die Aktion scheidet die Gemüter. Friedlich Gesinnte wie Elizabeth Garrett Anderson, die erste britische Ärztin mit Hochschulabschluss, verlassen die WPSU. Emmeline Pankhurst erklärt: "Das Argument der zerbrochenen Fensterscheibe ist das wertvollste Argument in der modernen Politik."

Drei Wochen nach der Scherbenorgie stopft Emily Davison parrafingetränkte Leinenfetzen in drei Briefkästen und zündet sie an. Zwei Tage später setzt Ellen Pitfield in einem Postgebäude einen Korb voller Hobelspäne in Brand. 1913 legt Davison eine Bombe im Haus von Schatzkanzler David Lloyd George und beschädigt es schwer. Noch im selben Jahr stürmt sie beim Derby in Epsom mit einer Flagge der WSPU auf die Rennbahn. Das Pferd König Georges V. überrennt sie. Sie stirbt an einem Schädelbruch.

Im Ersten Weltkrieg übernehmen Frauen Verantwortung

Auf Davisons Tod folgt eine ganze Welle von Brandanschlägen. Die Gefängnisse füllen sich mit Suffragetten. Viele treten in Hungerstreik, werden zwangsernährt. Während die frühen Proteste den Feministinnen noch Sympathien eingebracht haben, spielen die Gewaltakte den Gegnern des Frauenwahlrechts in die Hände: Sie haben immer schon gesagt, Frauen seien zu emotional, zu hysterisch, zu unvernünftig, als dass man ihnen eine Rolle in der Politik geben dürfte. Frauen in Finnland, Norwegen, Dänemark und Island erhalten das Wahlrecht, die Britinnen bleiben ohne Stimme.

Dann führt das rationale Denken der vernünftigen männlichen Machthaber zum Ersten Weltkrieg. Obgleich er den Kampf der WPSU fast vollständig unterbricht, bringt er die Wende: Weil die Männer auf den Schlachtfeldern Europas kämpfen und sterben, übernehmen Frauen Verantwortung.  Nach Kriegsende lassen sie sich nicht mehr entmündigen. In vielen europäischen Staaten erhalten Frauen nun das Wahlrecht, darunter in Österreich, Deutschland und schließlich Großbritannien. Bis 1928 müssen sie hier jedoch warten, bis das Mindestalter fällt. Erst jetzt ist das Ziel der britischen Suffragetten erreicht: die volle Gleichberechtigung beim Wahlrecht.