20 Jahre Ende der UdSSR "Jelzin wollte die Sowjetunion erhalten"

Vor 20 Jahren zerbrach die UdSSR. Gennadij Burbulis war dabei – als Stellvertreter von Jelzin. Im Interview berichtet er, wie er diesen Teil der Geschichte erlebt hat.

Gennadij Burbulis nahm an den Verhandlungen zur Auflösung der damaligen UdSSR teil.

Gennadij Burbulis nahm an den Verhandlungen zur Auflösung der damaligen UdSSR teil.

Am 8. Dezember 1991 haben die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands die Sowjetunion aufgelöst. Der erste russische Präsident Boris Jelzin gilt deshalb vielen als Zerstörer der UdSSR. Sein engster Mitstreiter Gennadij Burbulis widerspricht. Der damalige russische Staatssekretär und stellvertretende Regierungschef war dabei, als das Imperium mit einer Erklärung von der Weltkarte getilgt wurde.

ZEIT ONLINE: Mitte November 1991 hat Boris Jelzin bei den Verhandlungen mit Gorbatschow noch gesagt: "Ich habe den Willen, die Union zu erhalten." Drei Wochen später hat er die UdSSR aufgelöst. Warum?

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Gennadij Burbulis: Das ist nicht wahr, dass Jelzin die UdSSR aufgelöst hat. Wir waren daran interessiert, einen neuen Unionsvertrag aufzusetzen. Bei unserer Reise nach Weißrussland in den Urwald von Belowesch war es das wichtigste Ziel von Boris Jelzin, die ukrainische Delegation und ihren Präsidenten Leonid Krawtschuk davon zu überzeugen, zu einer erneuerten Union zurückzukehren. Tag und Nacht haben wir diese Perspektive diskutiert. Der hartnäckigste und konsequenteste war dabei ausgerechnet Jelzin.

Gennadij Burbulis

Gennadij Burbulis wurde 1945 als Enkel litauischer Emigranten im Ural geboren. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre gilt es als engster Mitstreiter des russischen Präsidenten Boris Jelzin. Von Juli 1991 bis November 1992 war Burbulis Staatssekretär, im November 1991 stieg er als stellvertretender Regierungschef zum zweiten Mann nach Jelzin auf, der damals auch dem Kabinett vorstand (bis April 1992). Er war verantwortlich für politische und wirtschaftliche Reformen.

ZEIT ONLINE:Wollte Jelzin einen Unionsstaat oder bereits eine Konföderation unabhängiger Staaten?

Burbulis: Die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrages war für den 20. August vorgesehen. Gorbatschow wollte das Unionszentrum erhalten, aber die Republiken schlugen Verträge zwischen den Republiken und eine lockere Konföderation vor. Ende Juli waren alle Unstimmigkeiten beseitigt. Das Projekt hieß Union Souveräner Staaten, SSG. Gorbatschow war einverstanden und fuhr am 5. August in den Urlaub. Sofort danach begannen die intensiven Vorbereitungen für den Putsch. Dabei verhehlten die Putschisten von Anfang an nicht, dass sie den neuen Vertrag nicht unterstützen. Gorbatschow verhielt sich zweideutig: Einerseits setzte er für den 20. August die Unterzeichnung des Vertrages an. Andererseits zeigte er sich gegenüber Bitten, Notstandsmaßnahmen zu treffen, aufgeschlossen, er schwankte. Das haben die Putschisten gemerkt, am 19. August wurde der Notstand ausgerufen.

ZEIT ONLINE: War das auch das Ende der UdSSR?

Burbulis: Ja, nachdem der Putsch gescheitert war, hörte die Sowjetunion faktisch auf zu bestehen. Als vollwertiger Staat bestand die Sowjetunion am 8. Dezember bereits nicht mehr, er war nicht mehr handlungsfähig. Das wussten Jelzin und Krawtschuk, das wussten alle Führer der Republiken, aber am besten wusste das Gorbatschow. Wir mussten die dringende Frage der Versorgung der Bevölkerung klären. Deshalb war das Treffen im Urwald von Belowesch mit einer großen Frage verbunden: Wie können wir in dieser Situation überleben?

ZEIT ONLINE: Und Russland wollte weiterhin den Vertrag über die Union Souveräner Staaten unterzeichnen?

Burbulis: Nein, wir haben den Gegenstand des Vertrages nicht diskutiert. Nach dem Ergebnis des Unabhängigkeitsreferendums in der Ukraine am 1. Dezember war uns wichtig, jede Möglichkeit zu nutzen, die Ukraine im Orbit unser Interessen zu halten. Als wir begriffen, dass sich die Ukraine einem neuen Unionsvertrag verweigert, haben wir ein neues Format gesucht. Als die Formel gefunden war, dass die Sowjetunion als geopolitische Realität nicht mehr existiert, haben wir mit Befriedigung festgestellt, dass an den Verhandlungen die drei Staaten teilnehmen, die 1922 die Sowjetunion gegründet haben. Wir haben damit eine Legitimität erhalten, die sich in der Formel "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten" ausdrückte.

Leser-Kommentare
  1. Wie objektiv können Erinnerungen sein? Burbulis Realität ist eine Verklärung der Ereignisse. Die Bundesebene (Sowjetunion) war für die Funktionalität entscheidend. Die Teilrepubliken und ihre Vertreter (Präsidenten) bewahrten die Form einer Union, entschieden wurde in Moskau. Wenn Burbulis die Sowjetunion verteufelt, vergisst er dabei,

    dass die Bürger danach weder Wahl noch Stabilität hatten,

    dass Freiheit und Ordnung aufgehoben waren und sich Clanchefs und ihre paramilitärischen Einheiten offen Strassenschlachten um die Vorherrschaft lieferten,

    dass die Marktreformen die vernetzte Planwirtschaft kollabieren liessen und der Bevölkerung verarmte während die heutigen Oligarchen die Sowjetwerte in privates Eigentum überführten,

    dass keine Freiheit ohne Brot gibt,

    dass die Oberhoheit des Rechts das usurpierte Eigentum der Oligarchen schützte,

    dass die Prüfung nicht nötig gewesen wäre.

    Wie konnte man bereits vorher die Präsenz Gorbatschows als unnötig erklären, wenn die Idee (GUS) erst danach gereift sei? Die gesamte Darstellung enthält Widersprüche die darauf hinaus laufen, dass es nur um die Machtergreifung dieser „Präsidenten“ ging und nicht um eine Bewahrung der Union oder das Wohl der Bürger. Wie sich Jelzin danach bewährt hat, wissen wir alle. Die Reformen in der Sowjetunion, eine bedachte Überführung in Demokratie und Marktwirtschaft, sind an den Schwächen Gorbatschows und der Gier Jelzins gescheitert. Der Kalte Krieg war (ist) damit noch nicht beendet.

  2. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf hetzerische Kommentare. Danke, die Redaktion/mk

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