NS-WiderstandRadio hören als Staatsverbrechen

Vor 70 Jahren nahm die Gestapo Walter Klingenbeck fest. Weil der 16-Jährige mit Freunden ausländische Radiosender hörte und gegen Nazis wetterte, richtete man ihn hin. von Andreas Mix

Am Ende ging alles ganz schnell. Die Hinrichtung, die laut Staatsanwalt ohne Zwischenfall verlief, dauerte "vom Verlassen der Zelle angerechnet" eine Minute und vier Sekunden. Der neunzehnjährige Walter Klingenbeck starb am Nachmittag des 5. August 1943 durch das Fallbeil in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim, weil er ausländische Radiosender gehört und zum Widerstand gegen das NS-Regime aufgerufen hatte.

Ausländische Radiosender zu hören, war im Dritten Reich seit Kriegsbeginn 1939 ein Verbrechen, auf das Zuchthausstrafe stand . Wer Nachrichten weitergab, dem drohte laut "Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen" sogar die Todesstrafe. Trotz der Strafandrohung und einer massiven Propaganda gegen das "Schwarzhören" lauschten Millionen Deutsche an ihren Volksempfängern regelmäßig dem deutschen Programm der BBC-London oder andere Sender, um sich über die Kriegslage zu informieren. Doch nur wenige gingen so weit wie Walter Klingenbeck. Was trieb den Jugendlichen zum Widerstand, als das NS-Regime auf dem Höhepunkt seiner Macht stand und fast ganz Europa beherrschte?

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Walter Klingenbeck , 1924 in München geboren, war Mitglied in der katholischen Jungschar St. Ludwig, bis sie 1936 wie alle anderen konfessionellen Jugendverbände auch aufgelöst und in die Hitler-Jugend überführt wurde. Der Kulturkampf gegen die katholische Kirche empörte den Jungen, der gemeinsam mit seinem Vater, einem pensionierten Straßenbahnschaffner, Radio Vatikan hörte, solange dies noch erlaubt war.

Das neue Medium Rundfunk begeisterte Klingenbeck, der bei der Firma Rohde & Schwarz eine Lehre zum Schaltmechaniker machte. Dort lernte er mit Daniel von Recklinghausen , Hans Haberl und Erwin Eidel Gleichgesinnte kennen. In Haberls Zimmer oder der Wohnung von Klingenbecks Eltern trafen sich die Jugendlichen ab Frühjahr 1941 regelmäßig zum "Schwarzhören". Sender wie "Gustav Siegfried 1" berichteten über den Krieg, verbreiteten aber auch gezielt Gerüchte und Falschmeldungen. Nachrichten von manipulierten Abstürzen deutscher Fliegerasse, von Affären des Propagandaministers Joseph Goebbels mit Schauspielerinnen und Orgien von SS-Führern nahmen die Jugendlichen ebenso begierig auf wie Verlustmeldungen und Frontberichte.

Sein Leichtsinn wurde Klingenbeck zum Verhängnis

Im August 1941, als die Wehrmacht scheinbar unaufhaltsam in die Sowjetunion einmarschierte, blieben Klingenbeck und seine Freunde nicht mehr nur vor dem Radio sitzen. Die BBC hatte ihre deutschen Hörer aufgefordert, das V, den Anfangsbuchstaben des Wortes "Victory", als Zeichen der alliierten Siegeszuversicht zu verbreiten. Mit einem Eimer schwarzer Ölfarbe zogen Klingenbeck und von Recklinghausen nachts los, um im Stadtteil Bogenhausen das V an fast vierzig Hauswände und Straßenschilder zu pinseln.

Der Erfolg motivierte die Jungen. Mit der Aufschrift "Hitler kann den Krieg nie gewinnen, er kann ihn nur verlängern" plante Klingenbeck kurze Zeit später Flugblätter mit einem ferngesteuerten Modellflugzeug anzuwerfen. Der fantastische Plan schlug fehl, doch entmutigen ließen sich Klingenbeck und seine Freunde davon nicht. Die technikbegeisterten Jungen bastelten sich eine eigene Radiostation, mit der sie auf Kurz- und Mittelwelle Nachrichten verbreiteten. Der Schwarzsender sollte "Radio Rotterdam " heißen – in Erinnerung an den verheerenden Angriff der deutschen Luftwaffe auf die holländische Hafenstadt. Über erste Sendeversuche kam die Gruppe jedoch nicht hinaus.

Nicht der Spürsinn der Gestapo, sondern der eigene Leichtsinn wurde Klingenbeck zum Verhängnis. "Der soll sein Maul nicht so voll nehmen, der soll lieber an seinen siegreichen Rückzug denken", kommentierte er gegenüber der Geschäftsfrau Clara Dietmeyer die Ansprache Adolf Hitlers zum Winterhilfswerk 1941/42. Bedenkenlos erzählte Klingenbeck davon, wie er an der SS-Kaserne in Freimann ein V-Zeichen gemalt habe. Dietmeyer denunzierte ihren Aushilfsmitarbeiter daraufhin bei der Gestapo, die ihn am 26. Januar 1942 festnahm. Bei einer Wohnungsdurchsuchung beschlagnahmten die Polizeibeamten einen selbstgebauten Kurzwellensender. Einen Tag später wurden auch von Recklinghausen, Haberl und Eidel inhaftiert.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Diskussion. Die Redaktion/mak

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    • skull77
    • 26. Januar 2012 10:41 Uhr

    Reicht Ihnen das?

    • amandaR
    • 26. Januar 2012 11:02 Uhr

    Wie gut, dass man immer noch die Wahl hat, sich gegen die sich ausbreitende Abstumpfung und Verblödung unserer Gesellschaft zu entscheiden. Danke für den Artikel.

    Nur zu gerne hätte ich die "Geschäftsfrau Clara Dietmeyer" einmal persönlich gefragt, was sie bewogen hat, einen Mitmenschen zu denunzieren. Ob sie es später bereut hat? Einfach ekelhaft. Und das Schlimme ist, so etwas würde jederzeit wieder passieren, wenn es entsprechende Strukturen gäbe.

    genau wie viele, viele andere. Und es ist wichtig dass niemals in Vergessenheit gerät wie abscheulich diese Zeit war. Und es ist ebenfalls wichtig, dass wir niemals vergessen was wirklich zählt.

    Kein Fußbreit dem Rassismus.

    Wie können Sie nur so reagieren? Was heißt hier "Aufwärmen"? Das ist unsere Geschichte, hier geschehen und offensichtlich leider immer wieder aufwärmbar in diesem Land. Natürlich wollen wir darüber wissen, das waren junge Leute in einem Staatsgefüge, die sich nicht unterkriegen ließen. Ich bin absolut erschüttert über die großartige Haltung dieses jungen Mannes. Er wäre jetzt so alt wie mein Vater, hatte aber nie die Chance, so ein Leben zu leben. Und eine solche Geschichte von Zivilcourage und Selbstbestimmung ist Ihnen zu langweilig? Nicht actionreich genug? Deprimierend

    • skull77
    • 26. Januar 2012 10:41 Uhr

    Reicht Ihnen das?

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    Ich wollte es auch wissen.

    • Lianina
    • 26. Januar 2012 10:45 Uhr

    Jetzt sind wir schon zwei.

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  2. Karl Engert starb friedlich, abgesichert durch seine Pension als Richter.

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    Es ist die Schande der BRD nahezu alle Schuldigen der NS Zeit aber auch der DDR Stasi quasi straffrei ausgehen zu lassen.
    Und wer hat's getan? CDU/CSU nach 1949 und nochmal nach 1990. Weckgucken, wegducken, Renten zahlen, "Die Vergangenheit endlich ruhen lassen" etc. Es ist eine Schande!

  3. Sind wir schon drei!

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    • amandaR
    • 26. Januar 2012 11:02 Uhr

    Wie gut, dass man immer noch die Wahl hat, sich gegen die sich ausbreitende Abstumpfung und Verblödung unserer Gesellschaft zu entscheiden. Danke für den Artikel.

    Nur zu gerne hätte ich die "Geschäftsfrau Clara Dietmeyer" einmal persönlich gefragt, was sie bewogen hat, einen Mitmenschen zu denunzieren. Ob sie es später bereut hat? Einfach ekelhaft. Und das Schlimme ist, so etwas würde jederzeit wieder passieren, wenn es entsprechende Strukturen gäbe.

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    • Filosov
    • 26. Januar 2012 13:55 Uhr

    Frau Dietmeyer hat nach damals geltendem Recht gehandelt, es war sogar ihre Pflicht nach der zu der Zeit schon Jahre geltenden Doktrin.
    Heute zu sagen, dass es falsch und empörend war, ist etwas billig. Wenn es allerdings dazu führt, dass man in entsprechender Situation Menschlichkeit vor Recht stellt, hat es trotzdem etwas Gutes.
    Ich bin sehr sicher, in Klingenbecks Alter wäre ich nach 8 Jahren der Indoktrination (und damit mein gesamtes politisches Leben) in verschiedenen Jugendverbänden und dem ständigen Hurra von der Front (mit neuester Technik von Sieg zu Sieg eilend) ein formidabler Nazi gewesen, gehorsam und rechtstreu, als guter Arier (habe nunmal rein Deutsche Wurzeln aus "Heim ins Reich" geholten Gebieten). Erst so mit 19-20 (in dem Alter wurde Klingenbeck bereits hingerichtet) konnte ich den Schrecken und das Unrecht richtig begreifen, die Zusammenhänge sehen - und das mit frei zugänglichen Informationen!
    Von daher kann man für keinen jungen Menschen, der damals für Freiheit und das tatsächlich Gute sein Leben riskierte (und oft auch verlor) genug Hochachtung erbringen.

  4. Der Verfassungsschutz kommentiert jetzt schon bei ZEIT online?

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  5. genau wie viele, viele andere. Und es ist wichtig dass niemals in Vergessenheit gerät wie abscheulich diese Zeit war. Und es ist ebenfalls wichtig, dass wir niemals vergessen was wirklich zählt.

    Kein Fußbreit dem Rassismus.

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