NS-Widerstand : Radio hören als Staatsverbrechen

Vor 70 Jahren nahm die Gestapo Walter Klingenbeck fest. Weil der 16-Jährige mit Freunden ausländische Radiosender hörte und gegen Nazis wetterte, richtete man ihn hin.

Am Ende ging alles ganz schnell. Die Hinrichtung, die laut Staatsanwalt ohne Zwischenfall verlief, dauerte "vom Verlassen der Zelle angerechnet" eine Minute und vier Sekunden. Der neunzehnjährige Walter Klingenbeck starb am Nachmittag des 5. August 1943 durch das Fallbeil in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim, weil er ausländische Radiosender gehört und zum Widerstand gegen das NS-Regime aufgerufen hatte.

Ausländische Radiosender zu hören, war im Dritten Reich seit Kriegsbeginn 1939 ein Verbrechen, auf das Zuchthausstrafe stand . Wer Nachrichten weitergab, dem drohte laut "Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen" sogar die Todesstrafe. Trotz der Strafandrohung und einer massiven Propaganda gegen das "Schwarzhören" lauschten Millionen Deutsche an ihren Volksempfängern regelmäßig dem deutschen Programm der BBC-London oder andere Sender, um sich über die Kriegslage zu informieren. Doch nur wenige gingen so weit wie Walter Klingenbeck. Was trieb den Jugendlichen zum Widerstand, als das NS-Regime auf dem Höhepunkt seiner Macht stand und fast ganz Europa beherrschte?

Walter Klingenbeck , 1924 in München geboren, war Mitglied in der katholischen Jungschar St. Ludwig, bis sie 1936 wie alle anderen konfessionellen Jugendverbände auch aufgelöst und in die Hitler-Jugend überführt wurde. Der Kulturkampf gegen die katholische Kirche empörte den Jungen, der gemeinsam mit seinem Vater, einem pensionierten Straßenbahnschaffner, Radio Vatikan hörte, solange dies noch erlaubt war.

Das neue Medium Rundfunk begeisterte Klingenbeck, der bei der Firma Rohde & Schwarz eine Lehre zum Schaltmechaniker machte. Dort lernte er mit Daniel von Recklinghausen , Hans Haberl und Erwin Eidel Gleichgesinnte kennen. In Haberls Zimmer oder der Wohnung von Klingenbecks Eltern trafen sich die Jugendlichen ab Frühjahr 1941 regelmäßig zum "Schwarzhören". Sender wie "Gustav Siegfried 1" berichteten über den Krieg, verbreiteten aber auch gezielt Gerüchte und Falschmeldungen. Nachrichten von manipulierten Abstürzen deutscher Fliegerasse, von Affären des Propagandaministers Joseph Goebbels mit Schauspielerinnen und Orgien von SS-Führern nahmen die Jugendlichen ebenso begierig auf wie Verlustmeldungen und Frontberichte.

Sein Leichtsinn wurde Klingenbeck zum Verhängnis

Im August 1941, als die Wehrmacht scheinbar unaufhaltsam in die Sowjetunion einmarschierte, blieben Klingenbeck und seine Freunde nicht mehr nur vor dem Radio sitzen. Die BBC hatte ihre deutschen Hörer aufgefordert, das V, den Anfangsbuchstaben des Wortes "Victory", als Zeichen der alliierten Siegeszuversicht zu verbreiten. Mit einem Eimer schwarzer Ölfarbe zogen Klingenbeck und von Recklinghausen nachts los, um im Stadtteil Bogenhausen das V an fast vierzig Hauswände und Straßenschilder zu pinseln.

Der Erfolg motivierte die Jungen. Mit der Aufschrift "Hitler kann den Krieg nie gewinnen, er kann ihn nur verlängern" plante Klingenbeck kurze Zeit später Flugblätter mit einem ferngesteuerten Modellflugzeug anzuwerfen. Der fantastische Plan schlug fehl, doch entmutigen ließen sich Klingenbeck und seine Freunde davon nicht. Die technikbegeisterten Jungen bastelten sich eine eigene Radiostation, mit der sie auf Kurz- und Mittelwelle Nachrichten verbreiteten. Der Schwarzsender sollte "Radio Rotterdam " heißen – in Erinnerung an den verheerenden Angriff der deutschen Luftwaffe auf die holländische Hafenstadt. Über erste Sendeversuche kam die Gruppe jedoch nicht hinaus.

Nicht der Spürsinn der Gestapo, sondern der eigene Leichtsinn wurde Klingenbeck zum Verhängnis. "Der soll sein Maul nicht so voll nehmen, der soll lieber an seinen siegreichen Rückzug denken", kommentierte er gegenüber der Geschäftsfrau Clara Dietmeyer die Ansprache Adolf Hitlers zum Winterhilfswerk 1941/42. Bedenkenlos erzählte Klingenbeck davon, wie er an der SS-Kaserne in Freimann ein V-Zeichen gemalt habe. Dietmeyer denunzierte ihren Aushilfsmitarbeiter daraufhin bei der Gestapo, die ihn am 26. Januar 1942 festnahm. Bei einer Wohnungsdurchsuchung beschlagnahmten die Polizeibeamten einen selbstgebauten Kurzwellensender. Einen Tag später wurden auch von Recklinghausen, Haberl und Eidel inhaftiert.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Ich will das heute noch wissen

Wie gut, dass man immer noch die Wahl hat, sich gegen die sich ausbreitende Abstumpfung und Verblödung unserer Gesellschaft zu entscheiden. Danke für den Artikel.

Nur zu gerne hätte ich die "Geschäftsfrau Clara Dietmeyer" einmal persönlich gefragt, was sie bewogen hat, einen Mitmenschen zu denunzieren. Ob sie es später bereut hat? Einfach ekelhaft. Und das Schlimme ist, so etwas würde jederzeit wieder passieren, wenn es entsprechende Strukturen gäbe.

Kein Interesse?

Wie können Sie nur so reagieren? Was heißt hier "Aufwärmen"? Das ist unsere Geschichte, hier geschehen und offensichtlich leider immer wieder aufwärmbar in diesem Land. Natürlich wollen wir darüber wissen, das waren junge Leute in einem Staatsgefüge, die sich nicht unterkriegen ließen. Ich bin absolut erschüttert über die großartige Haltung dieses jungen Mannes. Er wäre jetzt so alt wie mein Vater, hatte aber nie die Chance, so ein Leben zu leben. Und eine solche Geschichte von Zivilcourage und Selbstbestimmung ist Ihnen zu langweilig? Nicht actionreich genug? Deprimierend

Wie kann man nur!

Frau Dietmeyer hat nach damals geltendem Recht gehandelt, es war sogar ihre Pflicht nach der zu der Zeit schon Jahre geltenden Doktrin.
Heute zu sagen, dass es falsch und empörend war, ist etwas billig. Wenn es allerdings dazu führt, dass man in entsprechender Situation Menschlichkeit vor Recht stellt, hat es trotzdem etwas Gutes.
Ich bin sehr sicher, in Klingenbecks Alter wäre ich nach 8 Jahren der Indoktrination (und damit mein gesamtes politisches Leben) in verschiedenen Jugendverbänden und dem ständigen Hurra von der Front (mit neuester Technik von Sieg zu Sieg eilend) ein formidabler Nazi gewesen, gehorsam und rechtstreu, als guter Arier (habe nunmal rein Deutsche Wurzeln aus "Heim ins Reich" geholten Gebieten). Erst so mit 19-20 (in dem Alter wurde Klingenbeck bereits hingerichtet) konnte ich den Schrecken und das Unrecht richtig begreifen, die Zusammenhänge sehen - und das mit frei zugänglichen Informationen!
Von daher kann man für keinen jungen Menschen, der damals für Freiheit und das tatsächlich Gute sein Leben riskierte (und oft auch verlor) genug Hochachtung erbringen.

Nicht ganz einverstanden

Ich finde, Frau Dietmeyer war alt genug zu verstehen, was ihre Pflichterfüllung" mit sich brachte. Und ich kann es weder ihr, noch den anderen Denunzianten glauben, dass sie damit etwas gutes für andere tun wollte.
Denn solch eine Art von Denunzierung, in einer Zeit, wo es die Spatzen von den Dächern gepfiffen haben, dass Menschen in KZs verschwinden, macht man nur aus Selbstsucht, um sich bei der Staatsführung beliebt zu machen in der Hoffnung Lob von Gestapo und SS zu bekommen und vielleicht einen finanziellen Vorteil zu erheischen.
Sie hat nichts mit "Pflichterfüllung" zu tun. Sie ist Verrat sowohl an der Menschlichkeit und auch an dem, woran eigentlich Christen glauben. Es ist daher ein Verrat an sich selbst.
Und die Leute, die durch ihr Denunzierungen das Nazi Regime aufrecht erhalten haben, wußten, dass es nicht richtig war. Andernfalls hätten sie nicht so vehement nach dem Krieg alles geleugnet.
Es gab auch kein konkretes Risiko beim "nichtdenunzieren" erwischt zu werden. Stellen Sie sich vor, niemand hätte andere angezeigt für die von den Nazis erfundenen Vergehen?
Hitler hätte vermutlich genau 5 Jahre regiert und der Krieg hätte gar nicht erst angefangen.
Wo ich Ihnen allerdingst zustimme, was auch für mich gilt, ist, dass ich nicht so mutig gewesen wäre wie Walter Klingenbeck. Allerdings hoffe ich, dass ich nicht so schlecht gewesen wäre wie die Frau Dietmayer.

Frau Dietmeyers Verantwortung

Frau Dietmeyer hat genau gewusst was passieren würde wenn sie Klingenbeck denunziert. Das die Gestapo es nicht bei einer Ohrfeige und einem NA NA NA belassen würde musste ihr klar gewesen sein. Trotz Indoktrination hat der Mensch ein Kopf und ein Gewissen. Frau Dietmeyer hat den Führer höher gestellt als den Jungen und ihr in vollem Bewusstsein der Folgen in den Tod geschickt.

Recht

Es gibt eine dem Gesetz übergeordnete Moral und Frau Dietmeyer dürfte alt genug gewesen sein um sich ihre eigenen Gedanken zu machen und nicht blind ideologisch zu handeln.
Außerdem ist ihr sicher klar gewesen, was ihr Handeln für folgen hat.
Es ist also davon auszugehen, dass ihr die Verwerflichkeit ihres Handelns bewusst war.
Ich habe Verständnis dafür, wenn jemand so handelt, um seine eigene Haut zu retten. Wer weiß schon, wie mutig man selbst wäre. Aber ein äußerer Zwang zum Verrat ist aus dem Artikel auch nicht erkennbar.
Wenn es einen solchen nicht gab, ist Frau Dietmeyer ist in meinen Augen damit voll verantwortlich für den Mord an dem Jungen.

Der große Unterschied:

Damals war schlecht gut. Und gut schlecht.
Das änderte sich schlagartig im Mai 1945...
Welche 31% haben denn 1933 Hitler gewählt? Lauter Deutsche, denen es um Recht und Ordnung, um Stärke und nationale Selbstbestimmung ging, um Arbeitsplätze und Stabilität. Hätten die alle SPD gewählt und inneren Widerstand geübt, wäre der Welt Hitler erspart geblieben.
Überhaupt: Wären überall gute Menschen, gäbe es keinen Krieg, kein Leid. Dummerweise gibt es aber überall hauptsächlich normale Menschen, die nicht immer clever und insbesondere moralisch einwandfrei handeln.

Hallo filosov

Sich ist es so, wie Sie sagen. Eine Moderation braucht es und Regeln braucht es auch.

Aber Selbstversuche haben gezeigt, daß man Mißstände, die es heute in Deutschlöand gibt durchaus vergleichen darf mit Misständen wärend der Zeit von Neros oder der Zeit Napoleons oder auch mit Diktaturen der heutigen Zeit.

Aber NIE!!!! mit Zuständen aus der Nazizeit. Das ist verboten, tabu, und wird innerhalb weniger Minuten gelöscht.

Ich denke, es gibt vielleicht eine Programmierung, die auf Wörter (wie Hitler z.B.), anspricht und sofort gehen die roten Lampen an und es wird geprüft ob gelöscht werden kann/musss.
Dies nur am Rande. Aber sonst kann man schon viel sagen, das stimmt.