Die Villa am Wannsee heute (2012). Im Januar vor 70 Jahren berieten hier Nazi-Spitzen über die Ausweitung des Holocaust. © John MacDougall/AFP/Getty Images

So entspannt hatte der Deportationsspezialist Adolf Eichmann seinen Vorgesetzten Reinhard Heydrich noch nie erlebt. Der Chef der Sicherheitspolizei genoss Zigarre und Cognac, um sich "nach den langen, anstrengenden Stunden der Ruhe hinzugeben", erinnerte sich Eichmann fünfzehn Jahre später. Es ging um den Tag, als in der Villa Am Großen Wannsee 56-58 auf Einladung Heydrichs Vertreter aus Ministerien, dem Partei-, SS- und Polizeiapparat zusammenkamen, um über die "Endlösung der Judenfrage" zu beraten. Heydrich konnte zufrieden sein: Niemand hatte sich seinen Wünschen widersetzt und alle ihre Hilfe zugesagt.

Bei der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 wurde nicht – wie lange Zeit vermutet – die Vernichtung der Juden beschlossen. Das Morden hatte längst begonnen. Heydrich war vielmehr um eine "Parallelisierung der Linienführung" bemüht.

Seit dem Sommer 1941 erschossen SS- und Polizeieinheiten in der Sowjetunion Hunderttausende Juden . Im Oktober setzten die Deportationen von Juden aus dem Deutschen Reich in die Ghettos von Łódź, Riga , Minsk und Kaunas ein. Im westpolnischen Chełmno ermordete seit Dezember ein SS-Sonderkommando Juden in Gaswagen. Die Schwelle zum Genozid war damit am Jahresende 1941 erreicht. In dieser Situation wollte Heydrich die "Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage" behaupten. Bereits in der Einladung zum Treffen erinnerte er daran, dass ihn der Reichsmarschall Hermann Göring damit beauftragt hatte .

Der ursprünglich vorgesehene Termin am 9. Dezember musste jedoch aufgrund aktueller Ereignisse verschoben werden. Nach dem Überfall der japanischen Luftwaffe auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor am 7. Dezember erklärte Adolf Hitler den USA den Krieg. Zeitgleich stoppte die Rote Armee den Vormarsch der Wehrmacht auf Moskau. Die Kriegslage hatte sich damit für das Deutsche Reich grundlegend geändert.

Elf Millionen Juden sollten beseitigt werden

Zur Wannsee-Konferenz erschienen Staatssekretäre aus dem Auswärtigen Amt, aus dem Justiz-, Innen- und aus Görings Superministerium für die Kriegswirtschaft. Geladen waren zudem Ministerialdirektoren aus der Reichs- und der Partei-Kanzlei, die Organe, die die praktischen Regierungsgeschäfte organisierten und die Schnittstelle zu allen anderen Reichsbehörden waren. Auch Vertreter der deutschen Besatzungsregime in Polen und der Sowjetunion waren nach Berlin gekommen. Wesentliche Teile des Staats- und Parteiapparats wurden so zu Komplizen des Völkermords. Die größte Fraktion der Teilnehmer stellten jedoch Angehörige von SS- und Polizei wie Gestapochef Heinrich Müller und Eichmann , der das Protokoll führte .

Heydrich eröffnete die Besprechung mit einem Rückblick auf die bisherigen Maßnahmen gegen die Juden, die zur Auswanderung gezwungen werden sollten. Die Kriegslage mache das aber unmöglich. "Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten." In die Pläne wurden nicht nur die Juden aus dem Herrschaftsbereich des NS-Regimes eingerechnet, sondern auch die aus den Staaten der Verbündeten, der Neutralen und der Kriegsgegner – mehr als elf Millionen Menschen nach Eichmanns Daten.

Was ihnen zugedacht war, liest sich im damaligen Behördendeutsch so: "Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus anzusprechen ist".