Wannsee-KonferenzWie die Nazi-Spitze den Judenmord vorantrieb

Vor 70 Jahren lud Reinhard Heydrich Ministerien, Partei, SS und Polizei zur Wannsee-Konferenz, um die Ausweitung des Völkermords an den Juden zu koordinieren. von Andreas Mix

Die Villa am Wannsee heute (2012). Im Januar vor 70 Jahren berieten hier Nazi-Spitzen über deie Ausweitung des Holocaust.

Die Villa am Wannsee heute (2012). Im Januar vor 70 Jahren berieten hier Nazi-Spitzen über die Ausweitung des Holocaust.  |  © John MacDougall/AFP/Getty Images

So entspannt hatte der Deportationsspezialist Adolf Eichmann seinen Vorgesetzten Reinhard Heydrich noch nie erlebt. Der Chef der Sicherheitspolizei genoss Zigarre und Cognac, um sich "nach den langen, anstrengenden Stunden der Ruhe hinzugeben", erinnerte sich Eichmann fünfzehn Jahre später. Es ging um den Tag, als in der Villa Am Großen Wannsee 56-58 auf Einladung Heydrichs Vertreter aus Ministerien, dem Partei-, SS- und Polizeiapparat zusammenkamen, um über die "Endlösung der Judenfrage" zu beraten. Heydrich konnte zufrieden sein: Niemand hatte sich seinen Wünschen widersetzt und alle ihre Hilfe zugesagt.

Bei der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 wurde nicht – wie lange Zeit vermutet – die Vernichtung der Juden beschlossen. Das Morden hatte längst begonnen. Heydrich war vielmehr um eine "Parallelisierung der Linienführung" bemüht.

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Seit dem Sommer 1941 erschossen SS- und Polizeieinheiten in der Sowjetunion Hunderttausende Juden . Im Oktober setzten die Deportationen von Juden aus dem Deutschen Reich in die Ghettos von Łódź, Riga , Minsk und Kaunas ein. Im westpolnischen Chełmno ermordete seit Dezember ein SS-Sonderkommando Juden in Gaswagen. Die Schwelle zum Genozid war damit am Jahresende 1941 erreicht. In dieser Situation wollte Heydrich die "Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage" behaupten. Bereits in der Einladung zum Treffen erinnerte er daran, dass ihn der Reichsmarschall Hermann Göring damit beauftragt hatte .

Der ursprünglich vorgesehene Termin am 9. Dezember musste jedoch aufgrund aktueller Ereignisse verschoben werden. Nach dem Überfall der japanischen Luftwaffe auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor am 7. Dezember erklärte Adolf Hitler den USA den Krieg. Zeitgleich stoppte die Rote Armee den Vormarsch der Wehrmacht auf Moskau. Die Kriegslage hatte sich damit für das Deutsche Reich grundlegend geändert.

Elf Millionen Juden sollten beseitigt werden

Zur Wannsee-Konferenz erschienen Staatssekretäre aus dem Auswärtigen Amt, aus dem Justiz-, Innen- und aus Görings Superministerium für die Kriegswirtschaft. Geladen waren zudem Ministerialdirektoren aus der Reichs- und der Partei-Kanzlei, die Organe, die die praktischen Regierungsgeschäfte organisierten und die Schnittstelle zu allen anderen Reichsbehörden waren. Auch Vertreter der deutschen Besatzungsregime in Polen und der Sowjetunion waren nach Berlin gekommen. Wesentliche Teile des Staats- und Parteiapparats wurden so zu Komplizen des Völkermords. Die größte Fraktion der Teilnehmer stellten jedoch Angehörige von SS- und Polizei wie Gestapochef Heinrich Müller und Eichmann , der das Protokoll führte .

Heydrich eröffnete die Besprechung mit einem Rückblick auf die bisherigen Maßnahmen gegen die Juden, die zur Auswanderung gezwungen werden sollten. Die Kriegslage mache das aber unmöglich. "Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten." In die Pläne wurden nicht nur die Juden aus dem Herrschaftsbereich des NS-Regimes eingerechnet, sondern auch die aus den Staaten der Verbündeten, der Neutralen und der Kriegsgegner – mehr als elf Millionen Menschen nach Eichmanns Daten.

Was ihnen zugedacht war, liest sich im damaligen Behördendeutsch so: "Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus anzusprechen ist".

Leserkommentare
  1. erschien Ministerialdirektor (Unterstaatssekretär) Luther.
    Er nahm als Vertreter des Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker an der Wannseekonferenz teil. Das Memorandeum des AA lautete: "Wünsche und Ideen des Auswärtigen Amtes zur vorgeschlagenen Gesamtlösung der Judenfrage in Europa."

    Richard von Weizsäcker verteidigte später seinen Vater, der habe bei der Unterschrift unter Deportationsbefehle nicht wissen können, was die Deportation nach Auschwitz bedeutet habe.

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    • Moika
    • 20. Januar 2012 12:47 Uhr

    Es hat ja niemand etwas gewußt. Auch nicht, als die Deportation deutscher Juden längst im Gange war, der freiwerdende Wohnraum an linientreue "Volksdeutsche" vergeben wurde und man die öffentliche Versteigerung des Mobiliars und sonstiger Werte zu regelrechten Volksfesten machte.

    Die fabrikmäßige Ermordung von millionen Juden in praktisch 4 Jahren erforderte zwangsläufig die Mitwirkung 100.000der Polizisten, Soldaten sowie SS und SA Leuten. Von denen hat natürlich niemand geredet...

    Eigenartig, aber vor allem entlarvend, ist nach dem Krieg auch der Sprachgebrauch für die aktiven Täter: Unterster Abschaum, kriminelle Elemente, usw. - der gleiche Sprachduktus, den man zuvor auf die Juden anwandte.

    Was mich interessieren würde ist: Wie hätten sich die Deutschen verhalten, wenn nach dem November 1938 sechs Wochen lang die Pastoren von protestantischen und katholischen Kanzeln gegen diese unmenschliche Behandlung der jüdischen Mitbürger - Kristallnacht und sonstige Progrome - gepredigt hätten. Ob dadurch nicht vielleicht das Schlimmste verhindert worden wäre?

    Für mich ist das Erbärmlichste und Schändlichste eben das vollkommene Versagen der gesamten geistigen Elite Deutschlands. Denn deren Schweigen machte den Genozid und Holocaust erst möglich.

    • Dr_eee
    • 20. Januar 2012 12:20 Uhr

    Ich stell mir immer die Frage woher der Judenhass gekommen ist.

    Wenn wir in unsere dunkle Vergangenheit schauen, haben wir eigentlich die Möglichkeit an ganz tiefen Weltprozessen teilzunehmen, an Kräften die aufeinanderstoßen, auch auf eine Menge Unbewußtheit, aber auch auf weltpolitisches Neuland und auch immer auf den eigenen Mangel an schöpferischer Geistigkeit, um sowelche Prozesse in Frieden zu kanalisieren. Das ist der eigentliche Grund für Krieg, Unbewußtsein, im ersten Augenblick unerklärliche Gefühle und dann der Mangel diese in neue geistige Strukturen zu verwandeln in einem kreativen, schöpferischen, inneren .. aber auch gesellschaftlichen .. Denkprozess.

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    • xpeten
    • 20. Januar 2012 12:25 Uhr

    Darüber gibt es unendlich viel -auch gute- Literatur.

    • goschis
    • 20. Januar 2012 13:26 Uhr

    Der Text "The Childhood Origins of the Holocaust" von dem Psychohistoriker Lloyd deMause erklärt vieles, über das die meisten Deustchen leider immer noch viel zu wenig nachdenken...:
    http://www.psychohistory....

    Ich will ja nicht banalisieren, aber für mich kommt der "Judenhass", wie jeder Hass, aus dem inneren der Menschen, die sich selbst hassen und ihren Eigenhass auf andere projizieren. Man sieht das sehr gut an Hitler selbst, der sich konsequent immer weiter selbst vernichtet, zuerst durch Lügen und schlechte Taten, dann, gegen Ende, durch Drogen und andere physisch schädlichen Dinge.
    Das dritte Reich entstand dabei aus dem Zusammentreffen des Mannes, der sich selbst hasste, mit einem Volk, das sich ebenfalls selbst hasste, sich auch selbst belog und zudem noch dazu auf unbedingten Gehorsam ohne Fragen zu stellen gedrillt war.
    Die Selbstverachtung manifestiert sich meines Erachtens auch darin, wie sich bestimmte Täter bei Aufdeckung ihrer Taten verhalten haben: So feige, wie man es sich nicht einmal ausdenken kann.

    Verzichten Sie auf Relativierungen. Die Redaktion/fk.

    • xpeten
    • 20. Januar 2012 12:23 Uhr

    versammelnden auf-rechten Bürger und Befürworter von "Taten statt Worten" nicht weiter von Interesse zu sein.

    Die bevorzugen es, in anderen Threads Sympathiebekundungen für Neonazi-Mörder ins Netz herauszuposaunen, gegen die EU und die Demokratie zu wettern und gegen Ausländer zu hetzen.

    Dabei kann man hier auf das Grauen erregendste feststellen, wozu Menschen fähig sind - und wozu es führen muss, wenn man sich diesen der Sprache nicht mächtigen Leuten nicht in den Weg stellt, wenn sie Taten statt Worte fordern.

  2. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Kommentaren zum konkreten Artikelthema. Die Redaktion/ls

    • xpeten
    • 20. Januar 2012 12:25 Uhr

    Darüber gibt es unendlich viel -auch gute- Literatur.

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    • Moika
    • 20. Januar 2012 12:54 Uhr

    Wenn ich mir das theoretisch verbrämte Geschwurbel durchlese kann ich nicht glauben, daß dem Foristen diese Literatur unbekannt ist....

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