Amerigo Vespucci Wie ein gelernter Buchhalter Amerika entdeckte

Vor 500 Jahren starb der Mann, dem die Neue Welt ihren Namen verdankt. Doch bis heute wird gestritten, ob Amerigo Vespucci wirklich vor Kolumbus Amerika erreichte.

Der italienische Seefahrer, Forscher und Entdecker Amerigo Vespucci (1454 - 1512) auf einem Gemälde um 1501

Der italienische Seefahrer, Forscher und Entdecker Amerigo Vespucci (1454 - 1512) auf einem Gemälde um 1501

Wer hat Amerika entdeckt? Christoph Kolumbus stolpert zwar über die Bahamas, findet auf späteren Reisen auch Hispaniola, Kuba, Jamaika und setzt sogar kurz seinen Fuß auf mittelamerikanisches Festland. Aber er merkt gar nicht, dass er eine Neue Welt gefunden hat. Bis zu seinem Tod 1506 glaubt er, in Japan oder Indien gelandet zu sein. Giovanni Caboto alias John Cabot, der 1497 auf Neufundland landet, wähnt sich in China.

Der Italiener Amerigo Vespucci ist der erste, der den Begriff "Neue Welt" gebraucht. Während nach Kolumbus ein Land in Südamerika, ein Bundesstaat Kanadas, ein US-Distrikt und ein ganzer Haufen Städte benannt sind, wird dieser Amerigo zum Namenspatron zweier Kontinente – vor allem dank guter Selbstvermarktung.

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Heute würde man bei einer Karriere wie der Vespuccis wohl eine Midlife-Crisis vermuten. Der zwischen 1451 und 1454 geborene Spross einer angesehenen Florentiner Familie ist Buchhalter in der Bank der Familie Medici. Dabei wäre er so gern ein großer Forscher: Er verschlingt die Reiseberichte des Marco Polo, wälzt Seekarten, befasst sich mit Astronomie und Navigation.

1491 schickt sein Chef, Piero de’ Medici, Vespucci nach Sevilla, er soll in der dortigen Filiale für Ordnung sorgen. In dem spanischen Binnenhafen am Guadalquivir legen Gewürz- und Textilhändler an; ein bisschen Flair der weiten Welt weht bis in das Kontor, in dem Vespucci die Warenballen zählt. Vespucci wird Kompagnon in einer Gesellschaft, die Seereisen ausstattet. Mindestens für eine der Fahrten von Kolumbus liefert sie Vorräte.

Eine eigene Reise des Buchhalters, der in der Lebensmitte endlich zum Geografen wird, ist mit Sicherheit erstmals für 1499 belegt. Alonso de Ojeda, ein Konkurrent von Kolumbus, leitet die Expedition. Den Auftrag hat er von Bischof Joan Rodríguez de Fonseca erhalten, der gegen den Genueser Entdecker intrigiert. Vespucci beschafft für de Ojeda Schiffe und Ausrüstung.

Kolumbus tobt als er von der Konkurrenzflotte erfährt

Als Vespucci schließlich an der Nordostküste Südamerikas landet, glaubt er noch, in Asien zu sein. Er beschreibt die Einwohner so: "Sie schauten von Angesichte und Gebärden grässlich aus und hatten allesamt die Backen inwendig voll von einem grünen Kraute, das sie beständig, wie das Vieh, kauten, so dass sie kaum ein Wort herausbrachten."

In Richtung Süden fährt Vespucci weiter, fährt wohl ein Stück den Amazonas hinauf, nimmt dann Kurs auf Hispaniola. Kolumbus, der dort als Gouverneur residiert, tobt, als er von der Konkurrenzflotte erfährt. Nach heftigem Streit segeln de Ojeda und Vespucci heim.

Von 1501 bis 1502 reist Vespucci, diesmal unter portugiesischer Flagge, mit Gonçalo Coelho erneut nach Amerika. Entlang der Küste Südamerikas segelnd, entdeckt er am 1. Januar 1502 einen Fluss, den er Rio de Janeiro tauft, Fluss des Januars. "Wenn in der Welt ein irdisches Paradies zu finden ist", notiert er, "dann muss es ohne Zweifel nicht weit von dieser Gegend sein." Andernorts findet er die Pfahlbauten von Ureinwohnern vor und nennt den Ort Venezuela – Klein-Venedig.

Nach eigenen Angaben stößt Vespucci im Süden bis zum 50. Breitengrad vor, bis nach Patagonien und zu einer kahlen Insel, die das heutige Südgeorgien sein könnte. Über Afrika segeln die Seeleute von dort nach Lissabon zurück. Für Vespucci steht jetzt fest: Die lange Küste, an der entlang gesegelt ist, kann unmöglich die Asiens sein. Man müsse "in der Tat einen anderen Teil der Erde ausmachen, welchem gebührt, eine 'Neue Welt' genannt zu werden".

Diese beiden Reisen sind auch aus anderen Quellen belegt. Vespucci zugeschriebene Briefe berichten aber von weiteren Fahrten davor und danach. Schon 1497 soll Vespucci demnach amerikanisches Festland betreten haben – also vor Kolumbus, der erst auf seiner vierten Reise 1502 an Land kam. Die Echtheit der Briefe ist zweifelhaft; sie sind Instrumente in der Rivalität zwischen Portugal und Spanien.

Am Ende seiner Karriere werben die Spanier Vespucci noch einmal ab: Er soll als Piloto Mayor ein neu eingerichtetes Amt für Entdeckungen leiten, das aus den Beobachtungen der Seefahrer Karten erstellt. Er lebt bis zu seinem Tod am 22. Februar 1512 in Sevilla.

Die Entdecker Amerikas

"Amerika wurde schon mehrfach vor Kolumbus entdeckt, aber es wurde immer vertuscht", schrieb Oscar Wilde. Die ersten Entdecker waren wohl jene Menschen aus Asien, die zu amerikanischen Ureinwohnern wurden.

Um 1006 kamen Wikinger nach Grönland und bis nach Neufundland, wo sie Siedlungen gründeten. Über etliche weitere Besucher Amerikas spekulieren Historiker, von Karthagern und dem irischen Mönch St. Brendan über baskische Fischer, Portugiesen und Afrikaner bis zu Chinesen und Japanern.

Reiseberichte samt zügelloser Sexualität und Kannibalismus

Vespuccis berühmtes Werk Mundus NovusNeue Welt – ist keine unverfälschte Quelle: Die italienischen Briefe an die Medicis, in denen Vespucci seine Entdeckungen schildert, sind verloren. Wie viel der Verleger, der daraus eine lateinische Flugschrift machte, sie ausschmückte, wissen wir nicht. Die ausführlichen Beschreibungen der Reise samt angeblich zügelloser Sexualität und Kannibalismus der Ureinwohner in einfachem Latein finden jedenfalls reißenden Absatz in ganz Europa.

Der Kartograf Martin Waldseemüller nennt 1507 den Südteil des neuen Kontinents auf seiner Weltkarte "America": "Nach seinem Entdecker Americus, einem besonders scharfsinnigen Mann." Der Kartenzeichner aus dem Breisgau ist nicht der einzige, der Vespucci die Rechte am neuen Kontinent zuschreibt.

Diego Kolumbus, der Sohn des Genueser Seefahrers, ist davon so genervt, dass er 1508 ein Gerichtsverfahren anstrengt. Es endet erst 1527: Als Entdecker hat Kolumbus zu gelten, weil er vor Vespucci seinen Fuß auf amerikanisches Festland setzte. Doch der Name Amerika setzt sich durch – für zwei ganze Kontinente, nicht nur, wie Waldseemüller es wohl meinte, für den Süden.
 

 
Leser-Kommentare
  1. 1. ......

    Genau genommen haben unbekannte Wikinger die neue Welt entdeckt und dort sogar erste kleine Siedlungen angelegt, welche sie jedoch nicht halten konnten, da die Ureinwohner wohl weniger begeistert von den Neuankömmlingen waren.

    Diese Landnennungen und ungenauen Verzeichnungen der Länder auf alten Skandinavischen Landkarten dürfte die alten seekartenwälzenden "Neuentdecker" ziemlich inspiriert haben, sie wussten, dass dort Land war und glaubten, dass dies mit Indien oder Japan identisch sein musste.

    Die Ehre der Entdeckung gebührt also eindeutig den namenlosen Wikingern!

    Eine Leser-Empfehlung
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    • snm81
    • 22.02.2012 um 16:02 Uhr

    viele ander "erste" zu. es gibt erste auf bergen, an flussquellen in afrika, als wüstendurchquerer etc. tatsächlich weiss bein all dieses dingen niemand wer wirklich erster war. ist ne ziemlich eurozentrische ansicht.
    (was die abenteuerlichen leistungen der europäischen entdecker ja nicht schmälert)

    • snm81
    • 22.02.2012 um 16:02 Uhr

    viele ander "erste" zu. es gibt erste auf bergen, an flussquellen in afrika, als wüstendurchquerer etc. tatsächlich weiss bein all dieses dingen niemand wer wirklich erster war. ist ne ziemlich eurozentrische ansicht.
    (was die abenteuerlichen leistungen der europäischen entdecker ja nicht schmälert)

  2. haben Menschen aus der Altsteinzeit frühstens vor 15.000 Jahren Amerika erstmals betreten.
    Aber Amerigo Vespucci wahr wahrscheinlich der erste der erkannt hat, das man einen neuen Kontinent entdeckt hat, bezogen auf den Wissenstand seiner Zeit.

  3. ..."Entdeckung",dabei ist doch eigentlich völlig klar,was wirklich ge-
    meint war:Vorbereitung zur späteren Ausbeutung,die ja bis heute anhält.
    Mit allen bekannten Folgen.
    Dabei ist völlig müßig,wer damit angefangen hat.
    MfG

    • snm81
    • 22.02.2012 um 16:02 Uhr

    viele ander "erste" zu. es gibt erste auf bergen, an flussquellen in afrika, als wüstendurchquerer etc. tatsächlich weiss bein all dieses dingen niemand wer wirklich erster war. ist ne ziemlich eurozentrische ansicht.
    (was die abenteuerlichen leistungen der europäischen entdecker ja nicht schmälert)

    Antwort auf "......"
  4. Die Übereinstimmungen von Maya-Sprachen und semitischen Sprachen ("Sack, Rock etc.) legen nahe, dass auch die Phönizier in Mexiko landeten. Amerika dürfte vorher Dutzende Male schon vorher entdeckt worden sein. Auch Kolumbus kannte die Route aus Erzählungen früherer Seefahrer. Deshalb auch die Schussfahrt in Richtung Westen.

  5. Es ist ja schön zu wissen, welcher europäische Mensch wann den amerikanischen Kontinent betrat ohne auch nur den blassesten Schimmer zu haben, dass er sich verfahren hatte.
    Viel interessanter fände ich die Antwort auf die Frage, wer denn nun entdeckt hat, dass es sich nicht um Asien, sondern um einen eigenen Kontinent handelt.

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    Genau das hätte ihnen der Artikel beantworten können, wenn sie ihn denn zu Ende gelesen hätten. Witzigerweise ist das Kernthema des Textes nämlich genau die von ihnen so sarkastisch gestellte Frage.

    Man lese zum Thema der Bedeutung von Entdeckung J.B. Harley "Maps, Knowledge, Power." in: The Nature of Maps (1988).

    Zwar ist es richtig, dass es vor Kolumbus bestimmt etliche Völker und Personen gab, die von Asien/Europe nach Amerika segelten. Von Bedeutung für UNS (ganz speziell für uns) ist aber, das lässt sich anhand von Harley sehr schön belegen, nur wenn eine solche Reise Erfolg hatte, sie unter dem Wissen gemacht wurde, dass etwas neues entdeckt wurde und-das ist die Crux-dieses Wissen wieder nach Europe zurückgetragen wurde. D.h. wenn eine zweite Reise unternommen werden konnte, mit dem Wissen der ersten Reise ausgestattet. Dann und erst dann, hat diese Entdeckung speziell für Europa die Bedeutung einer Veränderung des Verhältnisses zum neu entdeckten Land. Oder, um es mit den Realisten zu halten: Erst dann konnte erfolgreich eine Unterjochung des neuen Kontinents beginnen, die eine Veränderung der Wahrnehmung und der Abläufe der gesamten Welt bedeuteten.

    Genau das hätte ihnen der Artikel beantworten können, wenn sie ihn denn zu Ende gelesen hätten. Witzigerweise ist das Kernthema des Textes nämlich genau die von ihnen so sarkastisch gestellte Frage.

    Man lese zum Thema der Bedeutung von Entdeckung J.B. Harley "Maps, Knowledge, Power." in: The Nature of Maps (1988).

    Zwar ist es richtig, dass es vor Kolumbus bestimmt etliche Völker und Personen gab, die von Asien/Europe nach Amerika segelten. Von Bedeutung für UNS (ganz speziell für uns) ist aber, das lässt sich anhand von Harley sehr schön belegen, nur wenn eine solche Reise Erfolg hatte, sie unter dem Wissen gemacht wurde, dass etwas neues entdeckt wurde und-das ist die Crux-dieses Wissen wieder nach Europe zurückgetragen wurde. D.h. wenn eine zweite Reise unternommen werden konnte, mit dem Wissen der ersten Reise ausgestattet. Dann und erst dann, hat diese Entdeckung speziell für Europa die Bedeutung einer Veränderung des Verhältnisses zum neu entdeckten Land. Oder, um es mit den Realisten zu halten: Erst dann konnte erfolgreich eine Unterjochung des neuen Kontinents beginnen, die eine Veränderung der Wahrnehmung und der Abläufe der gesamten Welt bedeuteten.

  6. Genau das hätte ihnen der Artikel beantworten können, wenn sie ihn denn zu Ende gelesen hätten. Witzigerweise ist das Kernthema des Textes nämlich genau die von ihnen so sarkastisch gestellte Frage.

    Antwort auf "Wer entdeckte Amerika?"
  7. Man lese zum Thema der Bedeutung von Entdeckung J.B. Harley "Maps, Knowledge, Power." in: The Nature of Maps (1988).

    Zwar ist es richtig, dass es vor Kolumbus bestimmt etliche Völker und Personen gab, die von Asien/Europe nach Amerika segelten. Von Bedeutung für UNS (ganz speziell für uns) ist aber, das lässt sich anhand von Harley sehr schön belegen, nur wenn eine solche Reise Erfolg hatte, sie unter dem Wissen gemacht wurde, dass etwas neues entdeckt wurde und-das ist die Crux-dieses Wissen wieder nach Europe zurückgetragen wurde. D.h. wenn eine zweite Reise unternommen werden konnte, mit dem Wissen der ersten Reise ausgestattet. Dann und erst dann, hat diese Entdeckung speziell für Europa die Bedeutung einer Veränderung des Verhältnisses zum neu entdeckten Land. Oder, um es mit den Realisten zu halten: Erst dann konnte erfolgreich eine Unterjochung des neuen Kontinents beginnen, die eine Veränderung der Wahrnehmung und der Abläufe der gesamten Welt bedeuteten.

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