FrühmenschenÖtzi litt an Laktose-Intoleranz

Forscher haben anhand der DNA eine Art Krankenakte der Gletschermumie erstellt. Ötzi litt demnach an Kreislaufproblemen und einer Milchzucker-Unverträglichkeit. von dpa

Forscher haben erstmals das gesamte Erbgut der Eiszeit-Mumie Ötzi gelesen und zum Teil auch entschlüsselt. Dabei stießen sie auf Belege für Krankheiten, die heute aktueller sind denn je: Unter anderem litt Ötzi an Laktose-Intoleranz und an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, die viele Experten bislang für eine moderne Zivilisationskrankheit hielten.

Um generelle Rückschlüsse auf die genetischen Ursachen solcher Krankheiten zu ziehen, reiche die Untersuchung von Ötzi allerdings noch nicht aus, betonte das Team um den Bozener Forscher Albert Zink. Die Resultate sind im Journal Nature Communications veröffentlicht.

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Schon im vergangenen Herbst hatten die Wissenschaftler erste Ergebnisse ihrer DNA-Analyse öffentlich gemacht. Bereits dabei zeigte sich, dass Ötzi braune Augen und braune Haare hatte. Bei den weiteren Analysen überrascht nun vor allem der Blick in die Krankengeschichte der Mumie.

Unter anderem sei jetzt die Ursache für eine bereits bekannte Arterienverkalkung geklärt, unter der Ötzi gelitten hatte, schreiben die Forscher. Diese Krankheit wird heute vor allem auf fetthaltiges Essen, Rauchen und Bewegungsmangel zurückgeführt – Auslöser , die bei dem Mann aus der Jungsteinzeit ausgeschlossen werden können. Bei Ötzi seien allerdings genetische Ursachen für die Erkrankung gefunden worden. "Es zeigt, dass Herz-Kreislauferkrankungen keineswegs moderne Zivilisationskrankheiten sind", betonte Zink.

Identität

Ötzi war rund 1,60 Meter groß, Durchschnitt für seine Zeit. Er hatte wenig Unterhautfettgewebe, war wohl etwa 50 Kilogramm schlank, hatte dunkelbraunes, wahrscheinlich schulterlanges Haar, vermutlich einen Bart und braune Augen.

Isotope in seinen Zähnen deuten darauf hin, dass er aus dem oberen Eisack- oder dem unteren Pustertal stammte. Sein Erbgut wird einer der neun europäischen Hauptgruppen zugeordnet, der Gruppe K, die heute noch in rund fünf Prozent der Europäer zu finden ist – besonders dicht in einigen Alpenregionen, darunter das Ötztal. In Südtirol lebte damals der Tamins-Carasso-Isera 5-Clan.

Beruf

Der Mann aus dem Eis trug ein Kupferbeil. Er dürfte also der Krieger- und Führungsschicht angehört haben, womöglich war er Herdenbesitzer oder Dorfvorsteher. Metallspuren in den Haaren deuten darauf hin, dass er mit Kupferverhüttung in Kontakt kam.

Er war für einen längeren Aufenthalt im Gebirge gerüstet, hatte unter anderem einen Glutbehälter aus Birkenrinde und Jagdgerät dabei. Hölzer und Feuersteintypen der Ausrüstung erzählen von langen Wanderungen. Er könnte Hirte gewesen sein, doch Spuren (etwa Haare) von Schafen oder Ziegen fehlen.

Todeszeit

Im Darm der Mumie wurden 30 verschiedene Pollentypen nachgewiesen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass Ötzi sich zuletzt in einem bestimmten Mischwald-Typ aufhielt, der im Vinschgau und speziell im Schnalstal vorherrscht. Vor allem die Hopfenbuche wächst nur südlich der Alpen. Aus dem Verdauungsgrad schließen Botaniker, dass sich Ötzi zwölf Stunden vor seinem Tod noch im Vinschgau aufhielt. Weil Frühjahrsblüher überwiegen, nehmen sie an, dass er im Frühjahr oder Frühsommer starb.

Gesundheit

Ötzi wird auf Mitte 40 geschätzt, gehörte zu seiner Zeit also zu den Senioren. Seine Gefäße sind leicht verkalkt, die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule verschlissen. Dort und an weiteren Problemstellen trägt die Mumie 47 wohl als schmerzstillend gedachte Tätowierungen aus Kohlenstaub. Einige liegen an Akupunktur-Meridianen. Das zwölfte Rippenpaar fehlt von Geburt an. Links ist ein verheilter Rippenbruch sichtbar, auf der rechten Seite ein frischer. Die Lunge ist schwarz vom häufigen Aufenthalt am rauchenden Feuer.

Nahrung

Der Eismann litt an schlechten Zähnen. Schuld ist wohl die damals noch recht neue Ernährung mit den Getreidearten Einkorn und Emmer, die sich im Darm fanden: Ihre Kohlenhydrate lassen Bakterien gedeihen. Zudem enthielt Getreide harte Partikel von Mahlsteinen. Erst in diesem Jahr wurde die letzte Mahlzeit im Magen analysiert: Steinbockfleisch, wahrscheinlich gebraten, wofür Ascheteilchen sprechen. Ötzi hatte Stücke eines Pilzes dabei, der antibiotisch und blutstillend wirkt und vielleicht auch gegen die Peitschenwürmer helfen sollte, deren Eier im Darminhalt waren.

Außerdem litt der Gletscher-Mann an einer Milchzucker-Unverträglichkeit. "Auf dem Weg zur Sesshaftwerdung mit Ackerbau und Viehzucht wird es für ihn schon schwierig gewesen sein, dass er keine Milch vertragen konnte", sagte Carsten Pusch , der die genetischen Untersuchungen an der Universität Tübingen geleitet hat. "Aber welche Konsequenzen das für seine Lebensführung hatte, müssen wir dahingestellt lassen."

Generelle Rückschlüsse auf die genetischen Ursprünge von Krankheiten ließen sich durch die Untersuchung der Ötzi-DNA aber noch nicht ziehen, sagte Pusch. Dafür reiche es nicht, nur einen einzigen 5.300 Jahre alten Menschen zu untersuchen.

Ötzi hatte Verwandte auf Sardinien und Korsika

Auch bei der Suche nach Ötzis genetischen Verwandten wurde das insgesamt mehr als 40 Mitglieder zählende Forscherteam fündig – und zwar ausgerechnet auf Sardinien und Korsika , obwohl Ötzi die Alpenregion früheren Untersuchungen zufolge nie verlassen hat. "Vermutlich haben diese Inselbewohner und Ötzi die gleichen Vorfahren", sagte Pusch. Doch welche Wanderungsbewegungen hinter diesem Verwandtschaftsverhältnis stehen, sei noch unklar. "Man hat ein paar Fragen beantwortet – und schon hat man 100 neue aufgeworfen."

Die Entschlüsselung von Ötzis DNA sei ein Glücksfall gewesen, erzählte Pusch. An einem kleinen Stück aus Ötzis linkem Beckenknochen wollten die Tübinger Forscher ein neues Verfahren ausprobieren. "Wir wollten abschätzen, wie viel Knochenmaterial wir bräuchten, um Ötzis Erbgut komplett zu entschlüsseln." Nach mehreren Monaten Arbeit wurde dann klar, dass das ein Zentimeter lange und einen Millimeter dicke Knochenstück schon ausgereicht hatte, um zum ersten Mal Ötzis komplettes Erbgut zu entziffern. "Das hätte ich selbst vorher nicht geglaubt", sagte der Humangenetiker.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte DNA | DNA-Analyse | Erbgut | Jungsteinzeit | Krankheit | Universität Tübingen
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