Erster FallschirmsprungEwige Sehnsucht nach dem freien Fall

Vor 100 Jahren war Albert Berry der Erste, der aus einem Flugzeug sprang – doch der Fallschirm ist schon viel älter. Eine kleine Geschichte der Fallsucht. von 

30 Jahre nach dem ersten Fallschirmsprung aus dem Flugzeug gehören solche Flüge für bestimmte US-Soldaten zur Ausbildung.

30 Jahre nach dem ersten Fallschirmsprung aus dem Flugzeug gehören solche Flüge für bestimmte US-Soldaten zur Ausbildung.  |  © Keystone/Getty Images

Sekunden der Todesangst: Albert Berry, Captain der U.S. Army, steigt aus einem Doppeldecker, 450 Meter über der Erde. Er ist der erste Mensch, der den Sprung aus einem Flugzeug wagt – doch sein Fallschirm geht nicht auf. Die Rundkappe aus Baumwolle, elf Meter im Durchmesser, rutscht wie geplant aus ihrem konischen Metallbehälter – aber erst nach 150 Metern spürt Berry den erlösenden Ruck.

Er sei, sagt der Sohn des Ballonfahrers John Berry, durchaus erleichtert gewesen, als der Schirm aufging. Doch die spannende Frage an diesem 1. März 1912 um kurz vor 15 Uhr ist gar nicht, ob er sicher landet. Fallschirmabsprünge sind für Ballonfahrer schon Routine. Flugzeugpiloten dagegen weigern sich, Springer mitzunehmen, weil sie um die Stabilität ihrer Maschinen bangen: Das plötzlich fehlende Gewicht, glauben sie, werde das Flugzeug ins Trudeln bringen.

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Berry und sein Pilot Toby Jannus üben, indem sie Ambosse aus dem Doppeldecker werfen. Wie im Versuch, so wackelt auch beim echten Absprung der von Thomas Wesley Benoist gebaute Doppeldecker kaum. Hunderte von Soldaten in den Jefferson Barracks bei St. Louis in Missouri applaudieren dem Springer und seinem Piloten.

Rekorde im Fallschirmspringen

Höchster Sprung: Captain Joe W. Kittinger verließ 1960 in einem Druckanzug einen Wetterballon, der ihn auf 31,33 Kilometer Höhe gezogen hatte. Der Weg zur Erde dauerte 14 Minuten, davon viereinhalb Minuten im freien Fall.

Längster freier Fall: Adrian Nicholas benutzte 1999 einen Wingsuit für seinen 4 Minuten 55 Sekunden langen Freien Fall. Spätere längere Flüge sind nicht offiziell verifiziert.

Meiste Sprünge: Mehr als 40.000 mal sprang Don Kellner ab. Die Frau mit den meisten Sprüngen ist Cheryl Stearns mit mehr als 17.000.

Ältester Springer: Frank Moody war 101, als er 2004 im Tandem mit Karl Eitrich sprang.

Die zahlreichen Zeugen sind der Grund, dass Berrys Sprung als der erste sky dive gilt, der erste Absprung aus einem Flugzeug. Dabei will ein gewisser Grant Morton schon 1911 über Venice Beach, Kalifornien, abgesprungen sein, und die Sowjetunion behauptete 1949, ein Russe sei ebenfalls schon 1911gesprungen. Aber nur Berrys Sprung ist zweifelsfrei belegt.

Die Geschichte des Fallschirmsprungs ist voll unbeweisbarer Behauptungen. Vom angeblich allerersten Fallschirmspringer Shun, einem legendären Kaiser Chinas aus dem 22. vorchristlichen Jahrhundert, weiß man nicht einmal sicher, ob es ihn überhaupt gab.

Da Vincis Fallschirmentwürfe waren schon funktionsfähig

Die theoretischen Wurzeln des kontrollierten Fallens lassen sich indes bis in die Renaissance zurückverfolgen, zu einem italienischen Manuskript aus den 1470er Jahren im British Museum: Es zeigt einen Mann, der sich an einem Stangenkreuz unter einem kegelförmigen Schirm festhält, mit einem Strick gesichert. Wer sich an dem Ding vom Turm gestürzt hätte, hätte es kaum überlebt: zu wenig Stoff. Ein pyramidenförmiger Entwurf Leonardo da Vincis von etwa 1458 dagegen funktioniert, der Brite Adrian Nicholas und andere haben es mehr als 500 Jahre später ausprobiert.

Sprung ins Nichts: Ein deutscher Soldat springt während des 1. Weltkriegs mit einem Fallschirm aus einem Beobachtungsballon.

Ein deutscher Soldat springt während des 1. Weltkriegs mit einem Fallschirm aus einem Beobachtungsballon.  |  © Three Lions/Getty Images

Aber wer war nun der erste Fallschirmspringer? Der Kroate Fausto Veranzio alias Faust Vrančić entwarf eine Art flaches Segel samt Holzrahmen – er nennt es Homo Volans, Fliegender Mensch. Er sei damit 1617 von einem Glockenturm in Venedig oder Bratislava gehüpft, heißt es. Aber Vrančić ist da schon alt und krank, stirbt im selben Jahr. Für seinen Sprung gibt es keine zeitgenössische Quelle.

Gut belegt ist erst der Sprung von Louis-Sébastien Lenormand, der sich 1783 vom Turm des Observatoriums in Montpellier stürzt. Er will seinen parachute als Rettungsgerät perfektionieren, um brennende Gebäude evakuieren zu können. Ein thailändischer Seiltänzer, der mit einem Sonnenschirm Balance hält, soll ihn inspiriert haben.

Leserkommentare
  1. Werden die Überschriften von einem anderen verfaßt als der Haupttext?

    //Da Vincis Fallschirm hätte wohl den Tod bedeutet//

    [...]

    //Ein pyramidenförmiger Entwurf Leonardo da Vincis von etwa 1458 dagegen funktioniert, der Brite Adrian Nicholas und andere haben es mehr als 500 Jahre später ausprobiert.//

    Was denn nun?

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    Redaktion

    Lieber PatrickDamidaux

    Da wurde das italienische Manuskript aus dem späteren 15. Jahrhundert mit den Fallschirmplänen da Vincis verwechselt. Im Text ist es richtig, in der Zwischenüberschrift nicht. Wir haben es geändert, Danke!

    Grüße aus der Redaktion

  2. Redaktion

    Lieber PatrickDamidaux

    Da wurde das italienische Manuskript aus dem späteren 15. Jahrhundert mit den Fallschirmplänen da Vincis verwechselt. Im Text ist es richtig, in der Zwischenüberschrift nicht. Wir haben es geändert, Danke!

    Grüße aus der Redaktion

    Antwort auf "Leben und Tod"
  3. Nach meinem Dafürhalten hängt der gute Mann auf dem ersten Bild mit der Bildunterschrift "Ein Fallschirmspringer im Jahre 1927 am Stag Lane Aerodrome in London" doch eindeutig an einem Gasballon und nicht an einem Fallschirm.

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    Redaktion

    Lieber Jörg Raphael,

    Sie hatten recht, daher haben wir das Bild nun ausgetauscht. Vielen Dank für den Hinweis.

    Grüße aus der Redaktion

  4. Redaktion

    Lieber Jörg Raphael,

    Sie hatten recht, daher haben wir das Bild nun ausgetauscht. Vielen Dank für den Hinweis.

    Grüße aus der Redaktion

    Antwort auf "Fallschirm? Ballon!"
  5. ''Hinter den Bergen strahlet die Sonne,
    glühen die Gipfel so rot,
    Stehen Maschinen, die woll'n mit uns fliegen,
    fliegen in Sieg oder Tod.
    Hurra, wir starten, hurra, wir starten,
    wenn die erste Morgensonne scheint,
    Fallschirmjäger, Fallschirmjäger
    gehen ran an den Feind!''

    Das Fallschirmspringen ist ein Gefühl bestehend aus Freiheit der Lüfte und Bedrohung der Erde, man gleitet in Ruhe, aber im Augenblick des Absprungs sticht die Anspannung, es ist immer ein fürchterliches Stechen, aber wenn Du einmal die Kante verlassen hast, kommt das Gefühl der Freiheit, man denkt an den Falken, welcher zum sicheren Sturzflug ansetzt.

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