Wernher von BraunEin Mann der Gegensätze

Pionier der Raumfahrt und Erfinder der "Wunderwaffe": Wernher von Braun baute Raketen für Hitler und Kennedy. Seine V-2-Rakete forderte viele Menschenleben. Dennoch wies er eine Mitschuld an den Verbrechen im Zweiten Weltkrieg von sich. von Joachim Hildebrandt

Wernher von Braun V-2-Rakete Zweiter Weltkrieg

Wernher von Braun (1912-1977) im Januar 1961  |  © Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Wernher von Braun, geboren am 23. März 1912, hat als Raketeningenieur, Wegbereiter der Raumfahrt zum Mond und als Erfinder der "Wunderwaffe" V-2 Weltruhm erlangt. Bedenkenlos und rücksichtslos arbeitete er in der Rüstungsforschung Hitlerdeutschlands. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nutzte er schnell die Gelegenheit, zu den Amerikanern überzulaufen, um dort seine wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen. Apollo 11 war im Juli 1969 sein Triumph, er erfüllte sich seinen Lebenstraum und zugleich damit den amerikanischen Traum: dass die Amerikaner als erste Menschen auf dem Mond landeten.

Bei der Nasa nach seiner Vergangenheit im Dritten Reich befragt, distanzierte sich von Braun stets vom Nationalsozialismus und wies eine Mitschuld an den Verbrechen im Zweiten Weltkrieg von sich.

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Wernher von Braun war besessen von diesem Raketentraum. Auf dem Raketenflugplatz in Berlin-Tegel experimentierte er zusammen mit anderen jungen Leuten, um Raketen zum Einsatz zu bringen. Bis eines Tages das Militär vom Heereswaffenamt auftauchte und sich für die Amateure zu interessieren begann. Das war 1932. Von Braun war damals zwanzig Jahre alt.

Wernher von Braun

Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun, geboren am 23. März 1912 in Wirsitz, Provinz Posen, damals Deutsches Reich, heute Wyrzysk, Polen, gestorben am 16. Juni 1977 in Alexandria (Virginia/USA). Bis heute ist er wegen seiner Beteiligung an der
Wiederaufrüstung ab 1936 umstritten.

Das Militär war interessiert an einer Waffe, die den Versailler Vertrag umgehen konnte, der die Anwendung und Entwicklung von Artillerie in Deutschland verbot. Und neugierig auf die Idee, eine "fliegende Kanonenkugel" zu schaffen, die nicht aus einem Geschütz abgefeuert wurde, sondern sich selbst ins Ziel brachte. Raketen waren damals nicht abzuschießen mit ihrer mehrfachen Schallgeschwindigkeit. Deshalb wurde Geld in die Entwicklung dieser Waffe gesteckt, im großen Rahmen ab 1936 mit der Wiederaufrüstung.

Wernher von Braun war jung und begeisterungsfähig, ein kaltblütiger Idealist, fasziniert von der Dynamik des Raketenfeuers. Darin sah er die Energie, die den Menschen über alle Grenzen hinaus ins Universum, zu anderen Sternen hin bringen würde. Das Wissen hatte er aus dem Buch "Die Rakete zu den Planetenträumen" von Hermann Oberth, in Verbindung mit seinem Ingenieursstudium an der Technischen Hochschule Berlin.

Er nutzte die Möglichkeiten, die ihm das Militär bot, für seine Zwecke: die Raketenforschung. Und die Nationalsozialisten nutzten das Talent dieses ehrgeizigen jungen Forschers für ihre Zwecke: die Entwicklung einer Wunderwaffe.

Wernher von Braun war das Musterbeispiel des unpolitischen Wissenschaftlers. Der von der Lüge lebte, dass Wissenschaft und Politik getrennte Welten seien. Seinen Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass er bis 1945 nicht habe durchschauen können, dass er für die Wehrmacht lediglich Mittel zum Zweck gewesen sei.

1933, als Hitler an die Macht kam, wurde Wernher von Braun Mitglied der SS. Mit derselben Konsequenz, mit der er die Mathematik grundlegend gelernt hatte, begriff er bereits als Student, dass die Raketentechnik, wie er sie auf dem Raketenflugplatz in Tegel betrieben hatte, nie zu den Sternen führen würde. Schon damals war er voller Tatendrang, hatte einen Blick für das Wesentliche und die Fähigkeit, andere vollends zu überzeugen.

1937 übernahm er die Leitung der neu gegründeten Heeresversuchsanstalt in Peenemünde. Seine wichtigste Aufgabe war die Entwicklung von Raketen, die im Luftkrieg eingesetzt werden konnten. Mit zum Teil utopischen Versprechungen bemühte er sich um die Gunst Hitlers. Seit 1941 trat die Serienproduktion raketengetriebener Waffen neben die Forschung. Bald mangelte es an Arbeitskräften aufgrund des Krieges. Die SS verschaffte ihm ein riesiges Heer an Zwangsarbeitern.

Im November 1942 begann die Rote Armee ihre Offensive bei Stalingrad. Das beschleunigte das Raketenprogramm. Immer mehr Arbeitskräfte aus den KZ wurden eingesetzt. Goebbels rief den "totalen Krieg" aus und verlangte nach der "Wunderwaffe", um die Übermacht der Feinde zu bezwingen.

Nachdem ein britischer Bombenangriff 1943 Peenemünde getroffen hatte, wurde die Hauptproduktion in einen riesigen Bergstollen verlagert: in das Raketenwerk Mittelbau Dora, in der Nähe von Nordhausen im Harz. Dort kamen beim Bau der V-2-Rakete etwa 20.000 Häftlinge ums Leben – weit mehr Menschen, als beim Einsatz der Rakete getötet wurden. Deren Zahl beträgt etwa 8.000.

Nach Hitlers Tod nutzte er schnell die Gelegenheit, zu den Amerikanern überzulaufen. Er sagte ihnen gleich: "Mein Land hat zwei Weltkriege verloren. Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen." Später werfen ihm einige seinen Opportunismus vor, so wie es die Großmacht ihm ermöglicht hat. Ihm wurde das Vergessen leicht gemacht bei den Amerikanern. Fragen nach der Verantwortung des Physikers wurden nicht mit einer Konsequenz gestellt, die seine berufliche Laufbahn gefährdet hätte. Von Brauns Wissen und Fähigkeiten waren offensichtlich für die Amerikaner zu wertvoll, um sie ungenutzt zu lassen. Obwohl Wernher von Braun eigentlich vor das Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg gehört hätte.

Die Theorie, dass Wissenschaft und Technik neutral und unpolitisch seien, erweist sich bei ihm letztlich als bloße Schutzbehauptung.

Im Juli 1969 wird seine Vision in der Raumfahrt zur Wirklichkeit. Wernher von Braun ist am Ziel seiner Träume. Seine Saturn-Rakete erhebt sich am 16. Juli 1969 majestätisch von Cape Canaveral in den Morgenhimmel und schickt drei Astronauten in Richtung Mond.

Wernher von Braun war nach der Mondlandung ein gefeierter Mann. Erst als der Apollo-Ruhm nachließ und zugleich die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit zunahm, rückte seine Karriere als Raketentechniker ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Fragen nach der Verantwortung des Wissenschaftlers für seine Arbeit und ihre Folgen wurden lauter. Wernher von Braun war zeitlebens diesen Fragen ausgewichen. Aber sie überschatten inzwischen das Bild, das wir von diesem Mann haben, der jedoch auch heute noch zweifelsohne eine legendäre Figur der Weltraumtechnik des 20. Jahrhunderts ist.

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Leserkommentare
  1. Mir geht es hier nicht um unsachliche Kritik oder herablassendes herumkritisieren, aber irgendwie wirkt der Artikel auf mich wie kurz vor Redaktionsschluß geschrieben.

    Sehr abgehackt, wenig Lesefluss. Insgesamt eher wie eine chronologische Aufzählung von Fakten, als eine interessant (und mit Interesse) zusammgestellte Lebensgeschichte.

    Wie gesagt, es geht mir nicht um das Herumkritisieren allein. Als interessierter Leser, der auf die entsprechende Qualität der Zeitung seiner Wahl achtet, finde ich es notwendig nachzuhaken.

    • Crest
    • 23. März 2012 9:35 Uhr

    Nehmen wir an, es verhielte sich so, hätte er nicht alles Recht zu einer solchen Einstellung?

    Er hat die Raktentechnik m.W. mit einem "Messer" vergleichen, das man für verschiedene Zwecke nutzen kann.

    Der Wissenschaftler bestimmt nicht den Zweck. Er hat, manch poulären Ansichten zum Trotz, keine besondere Verantwortung. Die Gesellschaft entscheidet. Und der Wissenschaftler darf sich nicht anmaßen, es besser zu wissen, was er der Gesellschaft an Werkzeugen zur Verfügung stellt - oder nicht.

    Das Volk ist der Souverän. Period.

    Was viele auch übersehen, Wissenschaftler mit ausgesprochen starken politischen Interessen kommen zu ganz unterschiedlichen Ansichten. Edward Teller z.B. stand zu seiner Wasserstoffbombe. Er sah dieses "Werkzeug" in guten Händen.

    (Und Edward Teller war ein intelligenter Mensch.)

    Schießen Sie also nicht auf Wernher von Braun, und sinnieren Sie kurz drüber, dass der Eintrag von Wernher von Braun in der Britannica um einiges größer ist als der von Willy Brand. ;-)

    Herzlichst Crest

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    Der Wissenschaftler macht sich nicht gemein, mit einem verbrecherischen System. von Braun hat Zwangsarbeiter eingesetzt und er hat die V2 entwickelt. Deren einziges Ziel war das Auslöschen des Gegners. Soviel er für die Raumfahrt auch geleistet haben mag, er ist und bleibt ein Unterstützer des Nazisystems. Er hat sich mit den Nazis gemein gemacht um Raketen zu bauen, das ist durch nichts zu entschuldigen. Hätte er sich nicht mit den Nazis gemein gemacht, hätte er später nie die Unterstützung der Amerikaner bekommen, die ihn vor Nürnberg bewahrt haben...

    Wer an Waffen (E. Teller an der H-Bombe oder W. von Braun an der V2) forscht kann sich nicht hinter dem Argument verstecken, und sollte das auch nicht dürfen, Grundlagenforschung betrieben zu haben.

    Die Frage bleibt ob es denn gerechtfertigt war/ist, diese oder jene Waffe zu entwickeln. Nach meinem heutigen Verständniss gehören sowohl die Wasserstoffbombe als auch die V2-Raketen zu einer Art Waffen die ungezielt die Zivilbevölkerung treffen sollen und daher durchaus zu Recht kritisiert werden.

    Und auch wegen der Hinnahme der Produktionsbedingungen im 3. Reich sollte er meiner Ansicht nach (unwidersprochen) kritsiert werden.

    MFG

    • Acrux
    • 23. März 2012 23:21 Uhr

    dass WvB als Deustcher eine Waffe fuer Deutschland entwickelt hat, gleichwelcher politischer Provinienz dieses Deutschland damals war. Da steht er auf einer Stufe mit sehr vielen anderen Konstrukteuren.

    Es geht darum, dass er als Projektverantwortlicher behauptet hat, von den Verhaeltnissen in Dora-Mittelbau nichts gewusst zuhaben. 'Tschuldigung, das ist laecherlich. Wenn man sie ihm geglaubt hat, dann nur weil man sie glauebn wollte. Einer kritischen Nachfrage haelt dass natuerlich genausowenig stand, wie die ruehrende Geschichte von Albert Speer, der ja auch nichts von Zwangsarbeit als Vernichtungsmittel gewusst haben will, als er die Industrie noch September 1944 auf Hoechstleistung peitschte.

    Richtig, vollkommen richtig. Sonst müßte der Satz "Er baute Raketen für Hitler und Kennedy" ja noch ergänzt werden: "Er baute böse Raketen für Hitler und gute Raketen für Kennedy".

  2. ...Werner von Brauns Leben ohne Anlass immer wieder
    bewältigen zu wollen.

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    Der Mann wird gerade 100. Also seine Reste auf dem Friedhof...

  3. who cares where they come down
    that's not my department
    says Wernher von Braun.

    - Tom Lehrer.

    Dem wäre anzufügen, dass es seine Chefs wohl ähnlich sahen. Auf beiden Seiten.

  4. hat die Atombombe mitentwickelt !

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    v. Braun eine hat fürs böse Deutschland geforscht, Oppenheimer fürs tolle Amerika. Bei dem einen sind Kollateralschäden legitim, bei dem anderen ein unsägliches Verbrechen.

    Nicht daß ich die von dt. Seite im II. WK verübten Verbrechen ignoriere, aber die platte Gleichung:
    Für deutsche Kriege forschen = per se schlecht und unmoralisch
    Für US-amerikanische Kriege = legitim oder zumindest gerechtfertigt (wenn nicht gar ruhmreich)
    ...funktioniert so nicht.

    Man muß v.Braun zugute halten, daß er in den 20er und 30er Jahren die Geschichte noch nicht vom Ende her lesen konnte. Deutschland war zu Beginn seiner Karriere noch ein unbeflecktes Land (zumindest nicht stärker befleckt als andere...), daher war Einsatz fürs deutsche Militär nicht weniger legitim als fürs US-Amerikanische. Es sei denn, man betrachtet das Land Deutschland als genuin böse und minderwertig.

    Mir fällt jetzt kein geeignetes Beispiel für einen rein US-amerikanischen Waffenkonstrukteur ein, aber ich bin mir sicher, dem würde die ZEIT-Redaktion nicht so sehr auf die Pelle rücken mit moralischen Vorwürfen...

    Allein die Tatsache Deutscher zu sein reicht offenbar aus, gänzlich andere Maßstäbe anzusetzen.

  5. Der Artikel ist mehr eine kurze Zusammenfassung des Lebenslaufs von Wernher v. Braun. Warum er hier steht erschließt sich mir nicht ganz. Ein tiefgehender Artikel, währe angebrachter gewesen.

    • Atan
    • 23. März 2012 10:02 Uhr

    wirklich realistisch einzuordnen, aber ich bezweifle, dass seine moralische Verantwortung für seine Tätigkeit im Nationalsozialismus seine spätere Rolle in der Weltraumforschung wirklich je überschatten kann.
    Ich denke, dass lässt sich relativ leicht und logisch begründen: die moralische Verantwortung teilt er schlicht mit sehr vielen Waffenentwicklern und Forschern im Dritten Reich, die ansonsten wegen ihrer wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutungslosigkeit vergessen. Von Braun wird überhaupt nur erinnert, weil eben zu den ganz bedeutenden Pionieren der Raumfahrt gehört; für seine Tätigkeit im NS-Staat wäre inzwischen allenfalls Fachhistorikern noch bekannt.

  6. Anstatt Figuren der Geschichte, wie hier Wernher von Braun, verstehen zu wollen, versucht man heutzutage häufig, die historischen Figuren und ihre historischen Handlungen an heutigen Moralvorstellungen zu messen. Für Figuren der Nazizeit gilt dies besonders. Statt Verstehen betreiben wir Verurteilen.

    Dieser Ansatz ist Selbstüberhebung und gibt einen kurzfristigen Kick moralischen Hochgefühls, führt aber nicht zu tieferer Einsicht in Menschen und Umstände. Ich glaube nicht einmal, dass er zu wirklich moralisch besserem Verhalten in der Gegenwart führt; vielmehr wiegt er einen in falscher moralischer Selbstgewissheit. Ich halte das insgesamt für den intellektuell und emotional billigeren (im Sinne von: leichter zu haben, aber wertloser) Weg.

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    • Supram
    • 24. März 2012 13:54 Uhr

    Andere Leute haben in der schlimmen Zeit Rückrad bewiesen und unter Lebensgefahr bespielsweise jüdische Familien untertauchen lassen die sonst ins KZ abtransportiert wären.

    Dieser Mann hat alles getan, dass Hitler noch möglichst lange mordend durch Europa ziehen konnte bzw. Städte wie Antwerpen terrorisieren konnte.

    Gehen Sie davon aus, dass wenn der dunkle Geist noch einmal in diesem Land Einzug halten wird, ich - auch wenn es mein Leben kostet - ich mich auf die Seite der Guten stelle

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Wernher von Braun | Militär | Apollo | Mond | Rakete | Raumfahrt
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