Stalinismus In der Gewalt des Gulag

Zwangsarbeit, Hunger und Folter: 20 Millionen Sowjetbürger litten in Stalins Lagern. Eine Ausstellung in Neuhardenberg dokumentiert ihr Leid.

Häftlinge zerkleinern Steine, Weißmeer-Ostsee-Kanal, 1932

Häftlinge zerkleinern Steine, Weißmeer-Ostsee-Kanal, 1932

Im Sommer 1938 wurde Walentina Buchanewitsch-Antonowa verhaftet. Sie trug ein Sommerkleid, aber sie trug es nicht nur an diesem Morgen, sie trug es ein ganzes Jahr lang, während ihrer Untersuchungshaft in drei verschiedenen Moskauer Gefängnissen. 1939 kam sie frei, weil der "Große Terror" Stalins plötzlich endete. Doch das Kleid hat sie aufbewahrt. An vielen Stellen ist es zerschlissen. Es gehört jetzt zu den Gegenständen, die die Ausstellung Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929 – 1956 vom 1. Mai an in Neuhardenberg zeigt. Zusammengestellt wurde sie von der Gesellschaft Memorial in Moskau und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Dora-Mittelbau.

Es handelt sich beim Gulag um ein Thema, "das in Deutschland nach wie vor einen randständigen Platz einnimmt", erklären die Veranstalter und konstatieren "Nachholbedarf".

Anzeige

Der Nachholbedarf wird bleiben, auch nach dieser Ausstellung, die zwar eine Vielzahl erschütternder Objekte, materieller Zeugnisse der Fron und des Hungers, ja der Entpersönlichung der Lagerinsassen hin zu bloßen Arbeitssklaven vorweisen kann, aber die ganze Dimension der millionenfachen "Vernichtung durch Arbeit" allenfalls erahnen lässt. Wie auch anders: "Der Gulag lässt sich nicht so einfach ausstellen, zeigen, musealisieren", konstatiert der französische Historiker und Katalogautor Nicolas Werth.

Das liegt nicht zuletzt im ungeheuren Umfang des sowjetischen Lagersystems begründet. "Das Lager", schreibt Werth, "hat sich in die sowjetische Landschaft eingeschrieben" und dabei "die unterschiedlichsten Formen angenommen: Fabriken, Straßen, Minen, Kanäle, Bahngleise, Krankenhäuser, landwirtschaftliche Ausbeutung". Das Lager kennt alle Größen, "von kleinsten Ansiedlungen für wenige Dutzend Häftlinge mitten im Wald bis zu ganzen Städten wie Norilsk, Workuta, Magadan und dem ganzen Gebiet des 'Dalstroi' im Nordosten Sibiriens, dessen Ausdehnung fast zwei Millionen Quadratkilometer erreichte".

Doch versucht die Ausstellung, diese Lagerwelt, diesen innersten Kern des Sowjetsystems, begreifbar zu machen. Sie tut es auf diejenige Weise, die sich in der Darstellung des NS-Völkermords bewährt hat: mit der Schilderung beispielhafte Schicksaler anstelle abstrakter Zahlen (die es gleichwohl gibt). So werden die in verglasten Schränken gehüteten Gegenstände, Fotografien und Dokumente von persönlichen Berichten gerahmt. Haftbefehle, Verhörprotokolle, Urteile – alles natürlich nicht verfasst von einer nach Recht und Gesetz arbeitenden Justiz, sondern von den Verfolgungsorganen des NKWD, des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten, nach beliebig anwendbaren Gummiparagrafen und mit den fantastischsten Anschuldigungen, für die keinerlei Beweis nötig und gegen die kein Einspruch möglich war.

Einer kurzen Phase von "Besserungslagern" mit Aussicht auf Freilassung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft folgte der rasante Ausbau des Lagersystems. Fast auf den Tag genau vor 82 Jahren, am 25. April 1930, wurde die "Hauptverwaltung der Lager", abgekürzt Gulag, innerhalb des NKWD eingerichtet, von Anfang an mit der Maßgabe der schrankenlosen Ausbeutung der Häftlinge. Die Haftstrafen betrugen fünf, zehn, zwanzig Jahre, gefolgt von Verbannung innerhalb des riesigen Gebiets des jeweiligen Lagerkomplexes, hoch im eiskalten Norden und Nordosten oder unter der sengenden Sonne Turkestans. Die willkürliche Verlängerung der Haftdauer war vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg für "Politische" die Regel, als zudem Hunderttausende von befreiten Kriegsgefangenen der Roten Armee als "Kollaborateure" aus den deutschen Lagern unmittelbar in die sowjetischen überstellt wurden.

Dort wurde mit nichts als Spitzhacke und Spaten Kohle gebrochen, nach Gold geschürft, wurden Eisenbahnschienen gelegt. Von den Überlebenden, den endlich Befreiten, die jahrzehntelang geschwiegen hatten, erhielt die Gesellschaft "Memorial" Erinnerungsstücke wie das Sommerkleid oder die anrührende Puppe, die sich eine Mutter als Erinnerung an ihre Tochter fertigte, als Vorstellung von dem Leben, das ihr Kind, ohne Kontakt zu ihr, "draußen" führen mochte.

Die Ausstellung stellt eine bedenkenswerte These auf, indem sie gleich an den Eingang ein Modell des berühmten Turms der III. Internationale von Wladimir Tatlin stellt, jenen ebenso grandiosen wie größenwahnsinnigen Entwurf eines 400 Meter hohen stählernen Gebäudes als Regierungszentrale Sowjetrusslands von 1920. Die Vision vom "Neuen Menschen" und der totalen Machbarkeit der Welt, die die intellektuellen Wegbereiter und -begleiter des Bolschewismus beflügelte, wird mithin für den grenzenlosen Massenterror zumindest mit herangezogen. Es liegt nahe, zugleich an die NS-Verbrechen als "industriell betriebenen Massenmord" zu denken.

Leser-Kommentare
    • deDude
    • 30.04.2012 um 16:47 Uhr
    33. aha...

    "[...] Es handelt sich beim Gulag um ein Thema, "das in Deutschland nach wie vor einen randständigen Platz einnimmt", erklären die Veranstalter und konstatieren "Nachholbedarf"."

    Ja, Nachholbedarf sehe ich da auch, insbesondere auf Grund der Tatsache das wir mit der Zeit zwar älter, aber nicht weiser geworden sind. Morde dieser Art können Sie auch heute noch weltweit finden. Die Größenordnung mag kleiner sein, das Prinzip ist das Selbe.

    Leider scheint der Mensch lieber geschockt zurückzublicken, anstatt weitsichtig vorauszuschauen, denn die Geschichte wiederholt sich wieder und wieder und wieder und wir tun dennoch nichts...

    Eine Leser-Empfehlung
  1. Was immer wieder, zurecht, zu lesen ist, ist natürlich, dass Stalinismus nichts mit Kommunismus oder Sozialismus zu tun hat, was ja auch faktisch richtig ist, zumal der Stalinismus gerade eben Kommunisten gerne in Gulags geschleift hat, wie halt auch der deutsche Faschismus.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Es dauert sicherlich"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Stalinismus (genauso wie andere "radikale" Varianten, wie etwa Mao oder Pol Pot) hat sehr wohl eine Menge mit Sozialismus/Kommunismus zu tun, nämlich mit folgenden Aspekten dieser Ideologie:
    - Geschichte & Politik können wissenschaftlich ergründet werden; Meinungsunterschiede sind de facto nicht wirklich legitim, da es "einen" richtigen Weg gibt, den man "wissenschaftlich" ergründen kann;
    - das Subjekt der Geschichte ist die Arbeiterklasse;
    - diese Arbeiterklasse handelt aber nicht selber, sondern durch seine Partei - und diese wiederum durch ihre Führunsinstanzen;
    - das bedeutet: der "Egokrat" Stalin (oder Mao, oder das ZK etc...) ist nicht nur ein Politiker, er IST der Sinn der Geschichte - in seinen Handlungen zeigt sich der objektiv erfahrbare Sinn der Geschichte, nämlich die erfüllung der quais-messianischen Rolle der Arbeiterklasse;
    - Deshalb ist Widerspruch gegen diesen Führer geradezu ein Verbrechen gegen die Menschheit: der Kritiker, der Oppositionelle hindert oder verzögert das Kommen und Wirken der Revolution;
    - deshalb ist der wahre Humanismus die Unterwerfung unter diese höchste Dikatzur;
    - die bürgerliche Klasse wird sich nicht kampflos ergeben - es ist deshalb historisch richtig, sie zu bekämpfen, im Notfall mit Gewalt;
    - die physische Vernichtung der Bürger (der "Kulaken", eigentlich aller, die dagegegen sind) ist eine historisch gefoderte Notwendigkeit - hier Schwäche zu zeigen, ist Verrat an der Revolution, dh am Sinn der Geschichte.

    • tobmat
    • 02.05.2012 um 15:29 Uhr

    "wie halt auch der deutsche Faschismus."
    Weil der Begriff Faschismus auch nicht gut auf Hitlers Schergen passt. Das waren im Wesentlichen Nationalsozialisten.
    Mussolinis Mannen waren Faschisten.

    Der Stalinismus (genauso wie andere "radikale" Varianten, wie etwa Mao oder Pol Pot) hat sehr wohl eine Menge mit Sozialismus/Kommunismus zu tun, nämlich mit folgenden Aspekten dieser Ideologie:
    - Geschichte & Politik können wissenschaftlich ergründet werden; Meinungsunterschiede sind de facto nicht wirklich legitim, da es "einen" richtigen Weg gibt, den man "wissenschaftlich" ergründen kann;
    - das Subjekt der Geschichte ist die Arbeiterklasse;
    - diese Arbeiterklasse handelt aber nicht selber, sondern durch seine Partei - und diese wiederum durch ihre Führunsinstanzen;
    - das bedeutet: der "Egokrat" Stalin (oder Mao, oder das ZK etc...) ist nicht nur ein Politiker, er IST der Sinn der Geschichte - in seinen Handlungen zeigt sich der objektiv erfahrbare Sinn der Geschichte, nämlich die erfüllung der quais-messianischen Rolle der Arbeiterklasse;
    - Deshalb ist Widerspruch gegen diesen Führer geradezu ein Verbrechen gegen die Menschheit: der Kritiker, der Oppositionelle hindert oder verzögert das Kommen und Wirken der Revolution;
    - deshalb ist der wahre Humanismus die Unterwerfung unter diese höchste Dikatzur;
    - die bürgerliche Klasse wird sich nicht kampflos ergeben - es ist deshalb historisch richtig, sie zu bekämpfen, im Notfall mit Gewalt;
    - die physische Vernichtung der Bürger (der "Kulaken", eigentlich aller, die dagegegen sind) ist eine historisch gefoderte Notwendigkeit - hier Schwäche zu zeigen, ist Verrat an der Revolution, dh am Sinn der Geschichte.

    • tobmat
    • 02.05.2012 um 15:29 Uhr

    "wie halt auch der deutsche Faschismus."
    Weil der Begriff Faschismus auch nicht gut auf Hitlers Schergen passt. Das waren im Wesentlichen Nationalsozialisten.
    Mussolinis Mannen waren Faschisten.

  2. Gar nicht umgesetzt, oder wollen Sie sagen, die SU wäre demokratische gewesen? Hätte die Menschenrechte alle Bürger respektiert? Hätte jedem am Land gleichermaßen teilhaben lassen? Dürfen Sie natürlich gerne behaupten, stimmt nur eben nicht.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Es dauert sicherlich"
  3. Aber der Kontext ist in der Tat sehr wichtig, wie immer, gerade weil der sehr, sehr gerne immer wieder "vergessen" wird.

    Ändert natürlich nichts an der Monströsität, die er Stalinismus darstellte, nur ist es genauso monströs, damit Politik zu betreiben, selbst heute noch.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "sowjetische archive"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    1. Das Beste, was dem Stalinismus passieren konnte, war der NS-Staat. Damit konnte immer gesagt werden: die da sind aber noch viel schlimmer!
    2. "Genauso monströs"? Naja - also ich finde die Ermordnung von Millionen von Menschen schon etwas sehr monströses...

    Ach stehen Sie doch zu Ihrer Meinung.
    Ihr Rumgerede nervt ja fast schon. War Stalin für Sie der richtige zur rechten Zeit oder nicht?
    Allein schon ihre Erwähnung vom Kontext ist ja wohl eine Frechheit. Schließlich wissen wir ja gar nicht was ohne Stalin aus der Weimarer Republik geworden wäre. So was kann man doch gar nicht beantworten.

    1. Das Beste, was dem Stalinismus passieren konnte, war der NS-Staat. Damit konnte immer gesagt werden: die da sind aber noch viel schlimmer!
    2. "Genauso monströs"? Naja - also ich finde die Ermordnung von Millionen von Menschen schon etwas sehr monströses...

    Ach stehen Sie doch zu Ihrer Meinung.
    Ihr Rumgerede nervt ja fast schon. War Stalin für Sie der richtige zur rechten Zeit oder nicht?
    Allein schon ihre Erwähnung vom Kontext ist ja wohl eine Frechheit. Schließlich wissen wir ja gar nicht was ohne Stalin aus der Weimarer Republik geworden wäre. So was kann man doch gar nicht beantworten.

  4. Dass auch die Morden in diesen Staaten auf kapitalistische Mechanismen zurückzuführen sind. Das will nur keiner hören. ;)

    2 Leser-Empfehlungen
  5. Das ist so, als sage ich voraus, wenn ich einem Physiker einen unglaublich Stuß über Physikl erzähle, dass der mir widersprechen wird. Und weil der das natürlich tut, gebe ich mir dann auch noch recht darin.

    Das Problem sind die Halbwahrheiten und die Manipulation. Niemand leugnet die Verbrechen Stalins, aber die Instrumentalisierun für die Verbrechen der Gegenwart ist einfach ekelhaft und muss zumindest verbal bekämpft werden. An den Verbrechen Stalins kann man nämlich nichts mehr ändern, wohl aber an unseren.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Man glaubt es kaum...."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wo werden die Verbrechen Stalin heute "instrumentalisiert"? Wie sähe Ihrer Meinung nach eine Behandlung dieser Verbrechen ohne solche Instrumentalisierung aus?

    Wo werden die Verbrechen Stalin heute "instrumentalisiert"? Wie sähe Ihrer Meinung nach eine Behandlung dieser Verbrechen ohne solche Instrumentalisierung aus?

  6. Der Stalinismus (genauso wie andere "radikale" Varianten, wie etwa Mao oder Pol Pot) hat sehr wohl eine Menge mit Sozialismus/Kommunismus zu tun, nämlich mit folgenden Aspekten dieser Ideologie:
    - Geschichte & Politik können wissenschaftlich ergründet werden; Meinungsunterschiede sind de facto nicht wirklich legitim, da es "einen" richtigen Weg gibt, den man "wissenschaftlich" ergründen kann;
    - das Subjekt der Geschichte ist die Arbeiterklasse;
    - diese Arbeiterklasse handelt aber nicht selber, sondern durch seine Partei - und diese wiederum durch ihre Führunsinstanzen;
    - das bedeutet: der "Egokrat" Stalin (oder Mao, oder das ZK etc...) ist nicht nur ein Politiker, er IST der Sinn der Geschichte - in seinen Handlungen zeigt sich der objektiv erfahrbare Sinn der Geschichte, nämlich die erfüllung der quais-messianischen Rolle der Arbeiterklasse;
    - Deshalb ist Widerspruch gegen diesen Führer geradezu ein Verbrechen gegen die Menschheit: der Kritiker, der Oppositionelle hindert oder verzögert das Kommen und Wirken der Revolution;
    - deshalb ist der wahre Humanismus die Unterwerfung unter diese höchste Dikatzur;
    - die bürgerliche Klasse wird sich nicht kampflos ergeben - es ist deshalb historisch richtig, sie zu bekämpfen, im Notfall mit Gewalt;
    - die physische Vernichtung der Bürger (der "Kulaken", eigentlich aller, die dagegegen sind) ist eine historisch gefoderte Notwendigkeit - hier Schwäche zu zeigen, ist Verrat an der Revolution, dh am Sinn der Geschichte.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. Wo werden die Verbrechen Stalin heute "instrumentalisiert"? Wie sähe Ihrer Meinung nach eine Behandlung dieser Verbrechen ohne solche Instrumentalisierung aus?

    Antwort auf "Das kann jeder"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service