Es ist eine gespenstische Szene, die sich am Sonntag, 21. April 1912, sechs Tage nach dem Untergang der Titanic, abspielt: Inmitten von Wrackteilen dümpelt die Leiche eines kleinen Jungen. Die Besatzung des Kabelschiffes Mackay-Bennett, das die Titanic-Reederei White Star Line zur Bergung der Opfer gechartert hat, ist auf einiges vorbereitet. Man hat Särge mit an Bord genommen und säckeweise Eis zur Kühlung der Leichen. Doch das hier ist zuviel.

"Der Körper trieb an dem Boot entlang, zärtlich nahmen die Retter ihn an Bord. Der Anblick des mit dem Gesicht nach oben treibenden Jungen ließ vielen der harten Seemänner die Tränen in die Augen steigen", berichtet die Zeitung Morning Chronicle aus Halifax am 1. Mai. Der Junge, dessen Geheimnis erst 94 Jahre später gelüftet werden soll, ist der vierte Tote, der an Bord genommen wird. Insgesamt werden es über 200 Titanic-Opfer, die nach Halifax gebracht werden.

Doch keines sorgt für so viel Anteilnahme, wie dieser Junge, über den der Leichenbeschauer notiert: "NO. 4 – männlich – geschätztes Alter 2 – blonde Haare. Kleidung: grauer Mantel, Fell an Kragen und Ärmeln, brauner Gehrock, Unterrock, Flanell-Kleidung, pinkfarbenes Woll-Unterhemd, braune Schuhe und Kniestrümpfe. Keine anderen Anzeichen, wahrscheinlich dritte Klasse." Mehr nicht. Wohl die Mutter hat ihren Sohn so warm eingepackt in der Unglücksnacht. Die Besatzung der Mackay-Bennett legt einen Schwur ab: Sollte niemand Anspruch auf das Kind erheben, man würde sich um die Beisetzung kümmern.

2001 begann die Suche nach der Identität des Jungen erneut

"Der Junge war das einzige Kleinkind, das tot geborgen wurde", sagt Glenn Taylor. Der Touristenführer steht, dickbäuchig und grauhaarig, vor einem Grabstein auf dem Fairview Lawn Friedhof in Halifax. "Aufgestellt in Erinnerung an das unbekannte Kind, dessen Überreste geborgen wurden nach dem Untergang der Titanic am 15. April 1912", ist eingemeißelt.

"Die Leute legen heute noch Stofftiere, Spielzeug und Münzen hier nieder, und kein Obdachloser würde es wagen, etwas zu stehlen." Die Besatzung der Mackay-Bennett musste ihren Schwur einlösen. "Sie kaufte einen schönen Sarg und diesen Grabstein und war geschlossen beim Begräbnis dabei", sagt Taylor. Schon 1912 sorgte das unbekannte Kind für einen Massenauflauf. Hunderte Menschen säumten die Straßen als die Trauerkutsche am 4. Mai zum Friedhof rollte.

Die Hafenstadt Halifax in der kanadischen Provinz Neuschottland ist heute Pilgerort für Titanic-Interessierte aus aller Welt. Hier liegen 150 Opfer des Schiffsunglücks begraben, die meisten davon auf dem Fairview Lawn Cemetery, zu dem Taylor auch heute eine Busladung an Touristen begleitet hat. Halifax wurde zum Zentrum der Bergungsaktivitäten bestimmt, weil es den zum Unglücksort nächstgelegen Festlandhafen hatte und an das Bahnnetz angeschlossen war. Angehörigen sollte es mit der Rückführung so einfach wie möglich gemacht werden.

Um die Identität des unbekannten Kindes zu lüften, wäre Alan Ruffman fast zu spät gekommen. 89 Jahre nach dem Untergang hatte der Forscher 2001, gemeinsam mit Ryan Parr von der Lakehead Universität in Ontario, eine Sondergenehmigung bekommen. Um doch noch die Namen nicht-identifizierter Opfer herauszufinden, öffneten sie mehrere Gräber, darunter auch das des Jungen. Sie stießen zunächst auf nichts als Schlamm, zu sehr war die Verwesung fortgeschritten. Ein sechs Zentimeter langes Knochenfragment eines Unterarmes und drei Zähne bargen sie letztlich doch für eine DNA-Analyse.