SchiffsunglückDer tote Junge von der "Titanic", den niemand kannte

50 Kinder schafften es nicht in die Rettungsboote, als die "Titanic" versank. Ein einziges wurde geborgen. Seine Identität lüfteten Forscher erst fast 100 Jahre später. von Stefan Weißenborn

Dieses Paar Schuhe gehörte vermutlich dem unbekannten Jungen an Bord der "Titanic".

Dieses Paar Schuhe gehörte vermutlich dem unbekannten Jungen an Bord der "Titanic".  |  © Stefan Weißenborn

Es ist eine gespenstische Szene, die sich am Sonntag, 21. April 1912, sechs Tage nach dem Untergang der Titanic, abspielt: Inmitten von Wrackteilen dümpelt die Leiche eines kleinen Jungen. Die Besatzung des Kabelschiffes Mackay-Bennett, das die Titanic-Reederei White Star Line zur Bergung der Opfer gechartert hat, ist auf einiges vorbereitet. Man hat Särge mit an Bord genommen und säckeweise Eis zur Kühlung der Leichen. Doch das hier ist zuviel.

"Der Körper trieb an dem Boot entlang, zärtlich nahmen die Retter ihn an Bord. Der Anblick des mit dem Gesicht nach oben treibenden Jungen ließ vielen der harten Seemänner die Tränen in die Augen steigen", berichtet die Zeitung Morning Chronicle aus Halifax am 1. Mai. Der Junge, dessen Geheimnis erst 94 Jahre später gelüftet werden soll, ist der vierte Tote, der an Bord genommen wird. Insgesamt werden es über 200 Titanic-Opfer, die nach Halifax gebracht werden.

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Doch keines sorgt für so viel Anteilnahme, wie dieser Junge, über den der Leichenbeschauer notiert: "NO. 4 – männlich – geschätztes Alter 2 – blonde Haare. Kleidung: grauer Mantel, Fell an Kragen und Ärmeln, brauner Gehrock, Unterrock, Flanell-Kleidung, pinkfarbenes Woll-Unterhemd, braune Schuhe und Kniestrümpfe. Keine anderen Anzeichen, wahrscheinlich dritte Klasse." Mehr nicht. Wohl die Mutter hat ihren Sohn so warm eingepackt in der Unglücksnacht. Die Besatzung der Mackay-Bennett legt einen Schwur ab: Sollte niemand Anspruch auf das Kind erheben, man würde sich um die Beisetzung kümmern.

2001 begann die Suche nach der Identität des Jungen erneut

"Der Junge war das einzige Kleinkind, das tot geborgen wurde", sagt Glenn Taylor. Der Touristenführer steht, dickbäuchig und grauhaarig, vor einem Grabstein auf dem Fairview Lawn Friedhof in Halifax. "Aufgestellt in Erinnerung an das unbekannte Kind, dessen Überreste geborgen wurden nach dem Untergang der Titanic am 15. April 1912", ist eingemeißelt.

"Die Leute legen heute noch Stofftiere, Spielzeug und Münzen hier nieder, und kein Obdachloser würde es wagen, etwas zu stehlen." Die Besatzung der Mackay-Bennett musste ihren Schwur einlösen. "Sie kaufte einen schönen Sarg und diesen Grabstein und war geschlossen beim Begräbnis dabei", sagt Taylor. Schon 1912 sorgte das unbekannte Kind für einen Massenauflauf. Hunderte Menschen säumten die Straßen als die Trauerkutsche am 4. Mai zum Friedhof rollte.

Schiffsunglück
Die ersten und letzten Tage der "Titanic"
10. April 1912, kurz nach 12 Uhr
RMS Titanic
RMS Titanic

Die "RMS Titanic"   |  © Central Press/Getty Images

Die RMS Titanic startet im Hafen von Southampton ihre Jungfernfahrt unter Kapitän Edward John Smith. Zuerst steuert sie Cherbourg in Frankreich und Queenstown in Irland an, um noch ein paar Passagiere aufzunehmen. Rund 1.300 Fahrgäste und 900 Besatzungsmitglieder sind an Bord, damit ist das 269 Meter lange Schiff nur zu zwei Dritteln ausgebucht. Die Hoffnung, dass die Auszeichnung "größtes Schiff der Welt" mehr Fahrgäste anziehen würde, erweist sich als falsch. Zu ähnlich war die Titanic wahrscheinlich ihrem Schwesterschiff Olympic, das im Vorjahr zu seiner Jungfernfahrt aufgebrochen war.

11. April 1912, 13.30 Uhr
Ein Nachbau der großen Treppe auf der "Titanic"

Ein Nachbau der großen Treppe auf der "Titanic"  |  © David Paul Morris/Getty Images

Von Irland aus beginnt die Fahrt über den Atlantik. Für die Unterhaltung der Reichen unter den Reisenden bietet die Titanic mehr als jedes Schiff vor ihr: ein beheiztes Schwimmbecken, eine Squashanlage und ein Restaurant, in dem Gäste à la carte speisen können. Der größte Teil des Raums an Bord ist für die Passagiere der ersten Klasse reserviert. Doch auch die Passagiere in der dritten Klasse haben mehr Komfort als üblich. Statt Massenschlafsälen gibt es für sie Kabinen mit drei oder vier Stockbetten und Waschgelegenheit. Etagenklos und einige Badewannen stehen zur allgemeinen Verfügung.

14. April 1912, 23:40 Uhr
Der Eisberg, den die "Titanic" mutmaßlich rammte.

Der Eisberg, den die "Titanic" mutmaßlich rammte.  |  © US Coast Guard/Wikimedia Commons

Bis heute ist unklar, warum Kapitän Smith das Schiff mit der Höchstgeschwindigkeit von 39 Kilometern pro Stunde durch die Nacht fahren ließ. Den ganzen Tag über hatten andere Schiffe Eiswarnungen gefunkt. Ausguck Frederik Fleet läutet um 23.40 dreimal die Glocke: Eisberg voraus. Der wachhabende Offizier William Murdoch muss die Gefahr schon bemerkt haben, denn die Titanic wendet bereits Richtung backbord. Doch es ist zu spät. Das Kreuzfahrtschiff rammt einen 300.000 Tonnen schweren Eisberg, etwa 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland, Kanada.

14. April, 1912 kurz vor Mitternacht
Titanic Chronik Telegramm
Titanic SOS Telegramm

Die zu weit entfernte "Olympic" sendete den Notruf der "Titanic" weiter.  |  © Matt Campbell/AFP/Getty Images

Obwohl die Gesamtfläche der Lecks nur 1,2 Quadratmeter misst, ist der Schaden fatal. Offizier Murdoch lässt Schotten schließen, was den Untergang aber nur noch verzögern kann. Als eines der ersten Schiffe in der Geschichte sendet die Titanic den neu vereinbarten Notruf SOS, Leuchtraketen werden gezündet. Die Californian liegt nur etwa 20 Seemeilen entfernt. Doch ihr Funker schläft schon, Kapitän Stanley Lord befiehlt, mit Morselampen zu antworten. Als von der Titanic keine Reaktion kommt, unternimmt er nichts weiter. Die Carpathia reagiert auf den Notruf. Doch sie wird rund vier Stunden brauchen.

15. April 1912, 00:15 Uhr
Edward John Smith, Kapitän der Titanic

Edward John Smith, Kapitän der "Titanic"  |  © Topical Press Agency/Getty Images

Kapitän Smith ordnet die Evakuierung der Titanic an. Anfangs bitten die Stewards und Offiziere die Reisenden höflich zu einem Bootsmanöver, um eine Panik zu verhindern. Dem Kapitän ist klar, dass die Rettungsboote höchstens für die Hälfte der Menschen reichen. Er gibt den Befehl, sie erst mit Frauen und Kindern zu füllen. Der Offizier an der Steuerbordseite nimmt die Weisung zu genau und lässt Boote ins Wasser, die nicht voll besetzt sind, weil sich nicht mehr Frauen hinein trauen. Überhaupt verläuft die Evakuierung chaotisch, die ersten Boote bleiben halb leer, in die letzten drängen sich zu viele.

15. April 1912, 00:40 bis kurz vor 2 Uhr
Filmszene vom Untergang

Filmszene vom Untergang   |  © Merie Wallace/AFP/Getty Images

Bis zu 25.000 Tonnen Wasser sind inzwischen in das Schiff geströmt. Es neigt sich um fünf Grad. Die Maschinisten halten die Stromversorgung aufrecht, um Wasser abzupumpen. Auf dem Deck spielt die Schiffskapelle, um die Angst der Passagiere zu mindern. Vielleicht wähnen sich manche deshalb aber auch zu sicher. Um 01:40 Uhr geraten Bullaugen und Lüftungsschächte unter Wasser, das Schiff sinkt schneller. Um kurz nach zwei wird das letzte Rettungsboot zu Wasser gelassen. Der Reeder der Titanic, Ismay, erhascht noch einen Platz darin, Kapitän Smith bleibt an Bord und geht mit seinem Schiff unter.

15. April 1912, kurz nach vier
Überlebende werden von der "Carpathia" gerettet. Der Pfeil zeigt auf den Reeder der "Titanic", Bruce Ismay.

Überlebende werden von der "Carpathia" gerettet. Der Pfeil zeigt auf den Reeder der "Titanic", Bruce Ismay.  |  © General Photographic Agency/Getty Images

Die Carpathia erreicht den Unglücksort und nimmt 715 Überlebende auf. Für mehr als 1.500 Menschen kommt die Rettung zu spät. Der Großteil der Opfer sind Männer aus der zweiten und dritten Klasse. Die höchste Überlebenschance hatten Frauen aus der ersten und zweiten Klasse. Passagiere der dritten Klasse hatten vom Sinken der Titanic lange Zeit nichts mitbekommen: das Deck war während der Fahrt reicheren Gästen vorbehalten. Zudem waren nur wenige Crewmitglieder für sie zuständig und warnten sie.

18. April bis Mitte Mai 1912
Schlagzeile nach der Katastrophe

Schlagzeile nach der Katastrophe  |  © Topical Press Agency/Getty Images

Am Abend des 18. Aprils läuft die Carpathia mit den Überlebenden des Unglücks in New York ein. Zehntausende Menschen erwarten sie dort, Verwandte, Freunde, Schaulustige und Presse. Einige der Überlebenden fahren gleich wieder zurück in ihre Heimatorte in England oder Frankreich. In den USA und in Großbritannien werden Untersuchungskommissionen eingerichtet, um herauszufinden, warum die Titanic mit dem Eisberg kollidierte. Als Reaktion auf die Katastrophe wird eine Konferenz einberufen, auf der im November 1913 erstmals internationale Sicherheitsstandards für die Schifffahrt erarbeitet werden.

1. September 1985

Fast 70 Jahre lang bleiben die Überreste der Titanic verschollen auf dem Grund des Atlantik. 1985 unternehmen der Ingenieur Jean-Louis Michel und der Unterwasser-Archäologe Robert Ballard eine Expedition. An einem Verbindungskabel schleppen sie ein unbemanntes U-Boot mit Sonartechnik und Kameras über den Atlantikboden – und finden in 3.800 Metern Tiefe das Wrack der Titanic, etwa 13,5 Meilen ostsüdöstlich der im Notruf angegebenen Position. Heute können Touristen Tauchfahrten zum Wrack machen, für 30.000 bis 60.000 Euro.

1912-2012: Die "Titanic" im Film
Kate Winslet auf der Premiere der 3D-Version des Films "Titanic"

Kate Winslet auf der Premiere der 3D-Version des Films "Titanic"  |  © CARL COURT/AFP/Getty Images

Das Drama auf dem Atlantik inspirierte Schriftsteller und Drehbuchautoren. Im Nationalsozialismus wird ein Propagandafilm namens Titanic gedreht, in dem die historischen Ereignisse verfälscht werden. Der Kapitän versucht, einen neuen Rekord bei der Atlantiküberquerung aufzustellen. Nur ein deutscher Offizier erkennt die Gefahr, seine Warnungen werden ignoriert. Der Film wird nie ausgestrahlt. 1997 dreht James Cameron die teuerste und erfolgreichste Verfilmung des Unglücks, die elf Oscars erhält. Zum 100. Jahrestag taucht Cameron zum Wrack, sein Film kehrt in 3D zurück in die Kinos.

Die Hafenstadt Halifax in der kanadischen Provinz Neuschottland ist heute Pilgerort für Titanic-Interessierte aus aller Welt. Hier liegen 150 Opfer des Schiffsunglücks begraben, die meisten davon auf dem Fairview Lawn Cemetery, zu dem Taylor auch heute eine Busladung an Touristen begleitet hat. Halifax wurde zum Zentrum der Bergungsaktivitäten bestimmt, weil es den zum Unglücksort nächstgelegen Festlandhafen hatte und an das Bahnnetz angeschlossen war. Angehörigen sollte es mit der Rückführung so einfach wie möglich gemacht werden.

Um die Identität des unbekannten Kindes zu lüften, wäre Alan Ruffman fast zu spät gekommen. 89 Jahre nach dem Untergang hatte der Forscher 2001, gemeinsam mit Ryan Parr von der Lakehead Universität in Ontario, eine Sondergenehmigung bekommen. Um doch noch die Namen nicht-identifizierter Opfer herauszufinden, öffneten sie mehrere Gräber, darunter auch das des Jungen. Sie stießen zunächst auf nichts als Schlamm, zu sehr war die Verwesung fortgeschritten. Ein sechs Zentimeter langes Knochenfragment eines Unterarmes und drei Zähne bargen sie letztlich doch für eine DNA-Analyse.

Leserkommentare
    • thady
    • 14. April 2012 16:59 Uhr

    Die Geschichten von der Titanic scheinen nicht nachlassen zu wollen. Ich bin begeistert, welche Zuordnungen nach gut 100 Jahren noch getroffen werden können. Aber, wer sollen die direkten Nachfahren eines 19-monatigen Kindes sein? Es bleibt zu hoffen, dass sich die Forscher nicht nochmals geirrt haben.

  1. Entfernt. Verzichten Sie auf polemische und unsachliche Äußerungen. Die Redaktion/mak

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Auch die deutschen haben mit ihren U-Booten gerne Flüchtlingsschiffe nach England oder Amerika versengt, wohlwissend, dass da hunderte Kinder an Bord waren und es so gut wie keine Rettungsboote gab.

    dürfen wir keinen Opfern von Katastrophen mehr gedenken, weil im Zweiten Weltkrieg auch Menschen ungekommen sind. Was soll das, Tote gegeneinander aufzurechnen? Sollen wir uns nur an den Holocaust erinnern? Sind andere Opfer denn nichts mehr wert?

    • FE-92
    • 14. April 2012 17:20 Uhr

    Zu ihrer Jungfernfahrt lief die Titanic aus Southampton aus und machte erst dann einen Zwischenstopp in Cobh, d.h. auf der Karte auf Seite 2 fehlt ein Stück der Route! ;-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Liebe(r) FE-92,

    Auf der eingebundenen Karte ist die Route der "Titanic" zur besseren Übersicht ab Cork (auch Queenstown) eingetragen, wo das Schiff am 11. April 1912 zur Atlantiküberquerung ablegte.

    Gebaut wurde es in Belfast. Von dort fuhr es nach Southampton und ins französische Cherbourg, ehe es in Cork festmachte.

    Grüße aus der Redaktion.

    • Äsop
    • 14. April 2012 17:53 Uhr

    wo ein englischer Kapitän draufwar.
    Sie ist unter anderem auch ein Sinnbild für den menschlichen Fortschritt, welcher an den Mächten der Natur zerschellt ist. Sie ist uns eine Warnung vor Arroganz, welche wir uns aufgrund technischer Mannigfaltigkeiten mal einbilden mögen.
    Thx für den Artikel

    Eine Leserempfehlung
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    Nein. Eben nicht. Die Titanic ist wegen menschlichen Versagens untergegangen, nicht weil der Fortschritt ein Opfer brauchte. Die Natur will uns nicht eins auswischen. Der "Natur" sind wir herzlich egal.

  2. Auch die deutschen haben mit ihren U-Booten gerne Flüchtlingsschiffe nach England oder Amerika versengt, wohlwissend, dass da hunderte Kinder an Bord waren und es so gut wie keine Rettungsboote gab.

    Antwort auf "Immer wieder Titanic"
  3. dürfen wir keinen Opfern von Katastrophen mehr gedenken, weil im Zweiten Weltkrieg auch Menschen ungekommen sind. Was soll das, Tote gegeneinander aufzurechnen? Sollen wir uns nur an den Holocaust erinnern? Sind andere Opfer denn nichts mehr wert?

    Antwort auf "Immer wieder Titanic"
    • Zack34
    • 14. April 2012 19:46 Uhr

    <a>
    ... aber langsam reicht´s; die Nummer ist zu einem allumfassenden Lückenfüller geworden, grausam. Zumal: so einzigartig ist sie auch nicht.
    <a>

  4. 8. Danke

    für diesen schönen und bewegenden Artikel. Der Untergang der Titanic war eine Tragödie und der Tod dieses Junge - und seiner gesamten Familie - ist ein Symbol für den menschlichen Grössenwahn. Seine Beerdigung, gezahlt durch die Bergungsmannschaft, wiederrum steht für Mitgefühl und Menschlichkeit. Damals wie heute: zwei Seiten des menschlichen Wesens. Nicht mehr und nicht weniger sagt dieser Artikel.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Besatzung | England | Finnland | Europa | New York | Southampton
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