1983 besingt Nena, wie knapp 100 Luftballons die nukleare Apokalypse auslösen könnten. 1987 hat Michail Gorbatschow zwar schon begonnen den Kalten Krieg  mit Reformen in der Sowjetunion zu entfrosten – aber ein Flugzeug im Luftraum über der Hauptstadt Moskau? Das ist ein Schlag ins Gesicht der Weltmacht. Eine Provokation der USA? Ein Spion? Ein rechtsradikaler Einzeltäter, der dem Nazi Rudolf Heß nacheifert, der 1941 mit Großbritannien verhandeln wollte?

"Kremlflieger" Mathias Rust wähnt sich vor 25 Jahren auf einer Friedensmission. Heute sagt er selbst, sein Flug sei "unverantwortlich" gewesen. Aber "damals, mit 19 Jahren, mit meinem Elan und meiner politischen Überzeugung, war es für mich das einzig Richtige, was ich tun konnte", erzählte der heute 43-Jährige jüngst dem Stern.

Es ist der 28. Mai 1987, im Westen Christi Himmelfahrt, in der Sowjetunion der Tag des Grenzsoldaten, als die einmotorige Cessna 172 fünf Stunden lang den Luftraum über der Sowjetunion verletzt. Seine Eltern und Bruder Ingo denken Mathias Rust sei auf einer zweiwöchigen Skandinavien-Tour. Zuerst hatte er auch Island besucht, wo Gorbatschow und der amerikanische Präsident Ronald Reagan ein Jahr zuvor Abrüstungsgespräche führten.

Ihr Scheitern ist der Auslöser für Rusts Vorhaben. Eigentlich müsste er nach Washington, denn es ist das Festhalten Reagans an der Aufrüstung im Weltall, das die von Gorbatschow angebotene Reduzierung der Atomwaffenarsenale verhindert.

Als Rust landet, fühlt sich niemand bedroht

Der ideale Ausgangspunkt, um Moskau mit den rund 1.000 Kilometern Reichweite der Cessna ohne Tankstopp zu erreichen, ist die finnische Hauptstadt Helsinki. Mit einem selbst entworfenen Friedenssymbol am Heck, einem Foto seines Cockerspaniels Florian am Armaturenbrett und gerade mal 50 Flugstunden Erfahrung hinter sich überquert der Hobbypilot kurz nach 14 Uhr die sowjetische Grenze. Er fliegt nach Leningrad (Sankt Petersburg) und navigiert dann an der Bahnlinie entlang nach Moskau.

Rust fliegt in 600 Metern Höhe, im vollen Blick des Radars; er will sich nicht durch Heimlichkeit verdächtig machen. Abfangjäger steigen auf, drohen, aber schießen nicht. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer, damals als Wehrpflichtiger bei der Verteidigung Moskaus eingesetzt, sagt, es habe ja auch "irgendein Kolchos-Vorsitzender mit seiner Tante" sein können, der da durch den Luftraum irrte.

Ungehindert knattert der Deutsche am Lenin-Mausoleum vorbei über den Roten Platz. Landen kann er dort nicht: zu viele Menschen. Er geht auf einer Brücke über die Moskwa nieder und rollt auf den Touristenbus-Parkplatz vor der Basilius-Kathedrale. Ein britischer Arzt filmt die Landung und die freundliche Begrüßung. Bedroht fühlt sich offenbar niemand von dem schlaksigen Banklehrling aus Wedel bei Hamburg.