FrühmenschenForscher finden Blutreste an Ötzi

An der 5.300 Jahre alten Mumie Ötzi haben Wissenschaftler rote Blutkörperchen nachgewiesen. Sie erhoffen sich auch Erkenntnisse für die Gerichtsmedizin. von dpa

An der Eiszeitmumie Ötzi haben deutsche und italienische Forscher rote Blutkörperchen nachgewiesen. Nach Angaben von Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie Bozen (Eurac), ist es das erste Mal, dass es Wissenschaftlern gelang, Blutreste an der 5.300 Jahre alten Mumie zu finden. Wie die Eurac mitteilte , handelt es sich um den ältesten Blutnachweis der modernen Forschung. Möglich wurde der Nachweis mit nanotechnologischen Verfahren.

"Dass nach so langer Zeit noch Blutkörperchen erhalten sind, war für uns eine Riesen-Überraschung", sagte Zink, der Mitglied des Center for NanoSciences in München ist und die neuen Untersuchungen gemeinsam mit Kollegen begann. "Es gab bislang keine Erkenntnisse darüber, wie lange Blut erhalten bleibt geschweige denn, wie menschliche Blutkörperchen aus der Kupferzeit aussehen." Die Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im Journal of the Royal Society Interface .

Identität

Ötzi war rund 1,60 Meter groß, Durchschnitt für seine Zeit. Er hatte wenig Unterhautfettgewebe, war wohl etwa 50 Kilogramm schlank, hatte dunkelbraunes, wahrscheinlich schulterlanges Haar, vermutlich einen Bart und braune Augen.

Isotope in seinen Zähnen deuten darauf hin, dass er aus dem oberen Eisack- oder dem unteren Pustertal stammte. Sein Erbgut wird einer der neun europäischen Hauptgruppen zugeordnet, der Gruppe K, die heute noch in rund fünf Prozent der Europäer zu finden ist – besonders dicht in einigen Alpenregionen, darunter das Ötztal. In Südtirol lebte damals der Tamins-Carasso-Isera 5-Clan.

Beruf

Der Mann aus dem Eis trug ein Kupferbeil. Er dürfte also der Krieger- und Führungsschicht angehört haben, womöglich war er Herdenbesitzer oder Dorfvorsteher. Metallspuren in den Haaren deuten darauf hin, dass er mit Kupferverhüttung in Kontakt kam.

Er war für einen längeren Aufenthalt im Gebirge gerüstet, hatte unter anderem einen Glutbehälter aus Birkenrinde und Jagdgerät dabei. Hölzer und Feuersteintypen der Ausrüstung erzählen von langen Wanderungen. Er könnte Hirte gewesen sein, doch Spuren (etwa Haare) von Schafen oder Ziegen fehlen.

Todeszeit

Im Darm der Mumie wurden 30 verschiedene Pollentypen nachgewiesen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass Ötzi sich zuletzt in einem bestimmten Mischwald-Typ aufhielt, der im Vinschgau und speziell im Schnalstal vorherrscht. Vor allem die Hopfenbuche wächst nur südlich der Alpen. Aus dem Verdauungsgrad schließen Botaniker, dass sich Ötzi zwölf Stunden vor seinem Tod noch im Vinschgau aufhielt. Weil Frühjahrsblüher überwiegen, nehmen sie an, dass er im Frühjahr oder Frühsommer starb.

Gesundheit

Ötzi wird auf Mitte 40 geschätzt, gehörte zu seiner Zeit also zu den Senioren. Seine Gefäße sind leicht verkalkt, die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule verschlissen. Dort und an weiteren Problemstellen trägt die Mumie 47 wohl als schmerzstillend gedachte Tätowierungen aus Kohlenstaub. Einige liegen an Akupunktur-Meridianen. Das zwölfte Rippenpaar fehlt von Geburt an. Links ist ein verheilter Rippenbruch sichtbar, auf der rechten Seite ein frischer. Die Lunge ist schwarz vom häufigen Aufenthalt am rauchenden Feuer.

Nahrung

Der Eismann litt an schlechten Zähnen. Schuld ist wohl die damals noch recht neue Ernährung mit den Getreidearten Einkorn und Emmer, die sich im Darm fanden: Ihre Kohlenhydrate lassen Bakterien gedeihen. Zudem enthielt Getreide harte Partikel von Mahlsteinen. Erst in diesem Jahr wurde die letzte Mahlzeit im Magen analysiert: Steinbockfleisch, wahrscheinlich gebraten, wofür Ascheteilchen sprechen. Ötzi hatte Stücke eines Pilzes dabei, der antibiotisch und blutstillend wirkt und vielleicht auch gegen die Peitschenwürmer helfen sollte, deren Eier im Darminhalt waren.

Forscher erhoffen sich Erkenntnisse für die Gerichtsmedizin

Das Forscherteam untersuchte Gewebeschnitte aus der Pfeileinschuss-Wunde am Rücken, die Ötzi allem Anschein nach das Leben kostete, und aus einer Schnittwunde an seiner rechten Hand mit einem Rasterkraftmikroskop. Dieses Gerät vermisst mit einer feinen Spitze die Oberfläche der Gewebeproben und zeichnet ein dreidimensionales digitales Abbild. "Zum Vorschein kam das Bild von roten Blutkörperchen mit der klassischen "Doughnut-Form" der gleichen Form, wie sie bei gesunden Menschen unserer Zeit vorliegt", sagte Zink.

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Um auszuschließen, dass es sich dabei um Pollen oder Bakterien handelte, wandten die Forscher noch eine zweite Untersuchungsmethode an und bestrahlten die Gewebeproben mit intensivem Licht (Raman-Spektroskopie), wodurch sich unterschiedliche Moleküle identifizieren ließen. Die daraus gewonnenen Bilder stimmten mit modernen Proben menschlichen Bluts überein, so die Wissenschaftler.

Die Forscher erhoffen sich von der 5.300 Jahre alten Blutprobe auch Erkenntnisse für die moderne Gerichtsmedizin und darüber, wie Blutspuren sich mit der Zeit verändern. "Ein Ansatz war auch, irgendwann ein Tool für die Gerichtsmedizin zu entwickeln", sagte Zink. Bisher sei es kaum möglich, bei Tatortuntersuchungen das exakte Alter einer Blutspur zu bestimmen.

Fund untermauert These der Todesursache

Und noch ein Ergebnis haben die Untersuchungen gebracht: An der Pfeileinschuss-Wunde stieß das Forscherteam auf Fibrin, ein Protein, das die Blutgerinnung steuert, wie Zink sagte. Dieser Fund untermauere die These, dass Ötzi direkt an der Verletzung starb und nicht erst Tage danach, wie laut Zink zwischenzeitlich vermutet wurde.

Ötzis tiefgefrorene Leiche war 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt worden. Kaum ein Mensch wurde je so intensiv untersucht wie Ötzi. Er wurde geröntgt, in Computertomographen geschoben, sein Mageninhalt wurde analysiert, seine Muskeln rekonstruiert, seine Knochen genau untersucht und immer wieder machten sich Experten daran, sein Erbgut zu entschlüsseln . Dadurch weiß man heute in etwa, wie Ötzi in der Jungsteinzeit lebte, wie er aussah, wie er bekleidet war, welche Werkzeuge er nutzte, welche Krankheiten er hatte.

Die Eismumie hatte demnach kurz vor ihrem Tod Steinbock, Brot und Salat gegessen. Er hatte braune Augen und litt unter anderem an Gallensteinen. Fleisch aß er auch, wenn es schon Maden hatte. Experten gehen davon aus, dass sie aus Ötzi mit neuen Methoden noch weitere Erkenntnisse gewinnen können.

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Leserkommentare
  1. Hier sind ja noch gar keine Kommentare der Marke "Und welchen wirtschaftlichen Mehrwehrt bietet das Projekt?" zu lesen. Normalerweise kommen die immer, wenn es in Richtung Geschichte geht.

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    • H.v.T.
    • 02. Mai 2012 10:19 Uhr

    Na ja, vielleicht weil es sich um Vorgeschichte handelt ? :)

    • H.v.T.
    • 02. Mai 2012 10:19 Uhr

    Na ja, vielleicht weil es sich um Vorgeschichte handelt ? :)

    Antwort auf "Ich bin entzückt"
    • H.v.T.
    • 02. Mai 2012 10:22 Uhr

    Wenn mich nicht alles täuscht, dann birgt das Thema ´Ötzi-Tätowierungen´ noch so manches Geheimnis.

  2. der Forschungszweck, der die Mittel liefert, von dem jeder Forscher träumt...

    Eine Leserempfehlung
  3. Keine Ahnung, was im Artikel mit "intensivem" Licht bei der Raman-Spektroskopie angedeutet werden soll.
    Die Raman-Spektroskopie erfolgt im Normalfall mit monochromatischem Licht im Infrarot- bis VIS/UV-Bereich. Hier im konkreten Fall bei 532 nm.

    • Pyr
    • 02. Mai 2012 10:42 Uhr

    Das ist sprachlich gleich doppelt eine Vergewaltigung. Das Virus trägt nicht "Positiv" im Namen, außerdem steht das "V" in HIV bereits für "Virus".

    Antwort auf "HIV positiv!!"
  4. Warum wird immer wieder behauptet, dass an der Erforschung des Ötzi auch italienische Forscher beteiligt seien? Wenn dem so wäre, dann wäre es doch an der Zeit, die Namen der Italiener auch einmal zu nennen. Tatsächlich sind die neuesten Erkenntnisse von bundesdeutschen und Südtiroler Forschern gewonnen worden.

    Eine Leserempfehlung
    • KEE
    • 17. Juni 2013 18:19 Uhr

    Geschichten über den Ötzi werden bei "Die Zeit" gern unter der Kategorie "Frühmenschen" veröffentlicht. Ein Blick auf die Google-Bilder zum Thema "Frühmenschen" genügt, um auch optisch zu überzeugen: Ötzi ist KEIN Frühmensch, sondern ein Jetztzeit-Mensch und uns damit näher als manche vielleicht glauben möchten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Erbgut | Jungsteinzeit | Pollen | Society | München
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