Solutréen-HypotheseKamen die ersten Menschen übers Packeis nach Amerika?

Vor mehr als 13.000 Jahren landeten erste Siedler in Amerika. Sie kamen über den eisigen Teil des Atlantiks. Was viele für unmöglich hielten, könnte sich nun bestätigen.

Dort wo 1999 im Atlantik vor Neufundland Algenblüten sichtbar waren lag vor 18.000 Jahren noch Packeis. Gelangten die ersten Europäer darauf nach Amerika?

Dort wo 1999 im Atlantik vor Neufundland Algenblüten sichtbar waren lag vor 18.000 Jahren noch Packeis. Gelangten die ersten Europäer darauf nach Amerika?

Aus der Distanz von dreizehneinhalbtausend Jahren wirken sie ein wenig wie Waffennarren – und das ist ja durchaus eine passende Leidenschaft für jemanden, der in den Weiten der amerikanischen Graslandschaft auf Mammutjagd gehen muss. Jedenfalls sind uns die Clovis, die Angehörigen der berühmtesten amerikanischen Steinzeitkultur, vor allem durch ein Markenzeichen bekannt: ihre Begeisterung für außergewöhnlich fein gearbeitete Steinspitzen, handlang, oft aus farbenprächtigem Rohmaterial und vor allem hauchdünn gemessen an den andernorts gültigen Standards der Zeit.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Clovis noch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal hatten: Sie galten als die ersten Menschen, die je Fuß auf den amerikanischen Kontinent gesetzt hatten. In weniger als 500 Jahren – das schlossen Forscher aus dem nahezu zeitgleichen Auftreten der Clovis-Spitzen im Fundmaterial – sollten sie aus Asien kommend fast ganz Nordamerika und Teile Südamerikas erobert haben. Ihre Hinterlassenschaften finden sich praktisch in allen Regionen der heutigen USA.

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Wie genau diese Expansion vor sich gegangen sein musste, stand schon relativ bald fest, nachdem Archäologen die erste Steinspitze unweit des namensgebenden Städtchens Clovis in New Mexiko im Jahr 1929 entdeckt hatten: Ein eiszeitlich niedriger Meeresspiegel hatte in der Beringsee eine Landbrücke freigegeben, die es Menschen aus Sibirien erlaubte, trockenen Fußes nach Amerika zu wandern. Zunächst endete der Weg allerdings in Alaska, denn der Zugang nach Süden wurde vom mächtigen Eispanzer des Laurentidischen und des Kordilleren-Eisschilds in Kanada versperrt. Als das Eis schmolz, schrumpften die beiden Gletscher, und die Clovis schlüpften durch einen Korridor dazwischen hindurch. Vor etwas mehr als 13.000 Jahren betraten sie als erste das weite Land im Süden.

Doch so plausibel die Geschichte klingen mag, sie stimmt nicht. In den vergangenen Jahrzehnten sind Archäologen immer wieder auf Fundplätze gestoßen, deren Artefakte in eine Zeit mehrere Jahrtausende vor dem Auftauchen der Clovis datieren; und noch dramatischer: Jahrtausende vor Öffnung des Korridors.

Auf dem Cactus Hill in der Nähe von Richmond, Virginia hielten sich beispielsweise Jäger bereits vor mindestens 15.500, wenn nicht gar 19.000 Jahren auf. Auch der Meadowcroft Rockshelter in Pennsylvania war ähnlich früh bewohnt. Und wie die Fundstelle Monte Verde in Chile beweist, mussten Menschen bereits vor 14.600 Jahren bis nach Südamerika vorgedrungen sein.

Aus für "Clovis First"

Zwar hatte es anfangs Streit um die Zuverlässigkeit der Datierungen gegeben, doch mittlerweile steht fest: Die "Clovis-first-Hypothese" ist, nach Jahrzehnten unumstrittener Herrschaft, am Ende. Die Menschheit muss deutlich früher als gedacht ins Gebiet der heutigen USA gekommen sein.

Fragt sich nur, wie. Ein allgemein akzeptierter Thronfolger der Clovis-Theorie hat sich noch nicht finden lassen – und entsprechend heftig brodelt es in Forscherkreisen: "Wer sich in den letzten Jahrzehnten auf dieses Gebiet vorwagte, brauchte schon die Haut eines Wollhaarmammuts", witzelten kürzlich die Redakteure von Nature in einem Editorial zur Besiedlung Amerikas.

Erschienen auf spektrum.de

Erschienen auf spektrum.de

Und so kommt es, dass eine spektakuläre Alternativerklärung aus der Versenkung auftauchen kann, die die Forschergemeinde eigentlich längst widerlegt glaubte: Die Vorfahren der Clovis könnten womöglich gar nicht aus Asien stammen, wie alle dachten, sondern aus Europa. Genauer gesagt, aus der Region des heutigen Baskenlands. Vor rund 18.000 Jahren sollen Menschen in kleinen Booten übergesetzt haben – immer entlang der Grenze des Packeises, das damals im Winter bis in die Biskaya und nach Neufundland gereicht haben dürfte.

Aus ihnen könnten sich schließlich vor Ort die Clovis entwickelt haben – allerdings nur die Clovis, denn die heutigen amerikanischen Ureinwohner haben definitiv asiatische Wurzeln, wie genetische Untersuchungen zeigen. Ihre Ahnen kamen demnach später auf der klassischen Bering-Route durch den eisfreien Korridor oder hangelten sich schon früher entlang der Westküste in Booten nach Süden vor.

Leserkommentare
  1. ... tief und wie breit der Atlantik ist. Wenn man sich in der beschriebenen Art am Rande des Eises fortbewegt und sowieso egal ( unbekannt ) ist, ob man in einem Meter oder einem Kilometer Wassertiefe ertrinkt und wenn man immer schon in widrigen Bedingungen seinen Lebensunterhalt erkämpfen musste, dann schmälert das überhaupt nicht die Leistung und den Wagemut der Vorfahren, es relativiert nur unsere heutige Angst. BTW, gab es nicht auch Funde von Knochen ( Schädel- ), die eindeutig ziemlich alt sind und ebenso eindeutig nicht asiatischen Ursprungs sind?
    Was ist dann mit der Feststellung der heutigen 'natives', aus der Behauptung, die ersten Siedler gewesen zu sein, mancherlei Rechte ableiten wollen?

  2. Dass sich Steingeräte der Altsteinzeit konvergent entwickeln und eine nicht vorhandene "genetische" Verwandtschaft suggerieren, ist ein bekanntes Problem.

    Das Solutréen wurde früher auch in einen Topf mit den noch vom Neanderthaler getragenen Blattspitzengruppen geworfen, obwohl tausende Jahre ohne solch aussehende Artefakte zwischen beiden Phänomenen liegen. Dieses Beispiel mahnt daher vor voreiligen Schlüssen.

    Dass es in Sibirien keine Clovis-Steingeräte gibt, ist kein Argument, denn auch die typischen Steingeräteformen des Solutréen haben sich Europa aus einem Substrat entwickelt, das solche Formen nicht enthalten hat. Gerade die Neubesiedlung eines Kontinents ist ein Punkt, an dem plötzliche Innovationen nicht überraschen sollten.

    Dass Clovis mit dem Solutréen in Verbindung gebracht wird, ist verständlich. Solange die Hypothese aber nur auf einer Handvoll von ähnlichen Artefakten beruht, sollte hier aber das Ockham'sche Rasiermesser eine Atlantiküberfahrt unwahrscheinlich erscheinen lassen. Eine konvergente Entwicklung erklärt diese Ähnlichkeit viel besser.

    Die sog. Channel Flakes, die sehr charakteristisch für die Clovis-Spitzen sind, fehlen im Solutréen übrigens. Und das ist tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs an Unterschieden.

    2 Leserempfehlungen
    • H.v.T.
    • 04.06.2012 um 18:37 Uhr

    Eine Möglichkeit, wie Menschen der Vorzeit von Europa nach Amerika kamen, wird leider auch hier in Deutschland von der Wissenschaft fast gar nicht beachtet.

    Dr. Kai Helge Wirth hat mit seiner bahnbrechenden Entdeckung zum Ursprung der ´Sternbilder/zeichen´ (es könnte sich hierbei um prähistorische Seekarten gehandelt haben) den Weg frei gemacht, die im Artikel erwähnte Packeis-Hypothese zu vernachlässigen, und dennoch eine prähistorische europäische Besiedelung Amerikas per Seeweg über den Atlantik zu belegen.

    Zudem versucht Dominik Görlitz mit seinem Projekt ´Abora´ diese Sternkarten-Route mit einem Schiffsnachbau aus der Prähistorie zu segeln.

    Anbei ein paar Links für den Interessierten. Insbesondere ist der vierteilige 3sat Film, zu finden auf ´fast-geheim.de´ (unter 3sat.de von mir leider nicht mehr zu finden), sehr zu empfehlen.

    http://artandscience.de/

    http://www.abora3.com/eng...

    http://www.fast-geheim.de...

    Eine Leserempfehlung
  3. "präkolumbische Skelette", mit europäischer DNA könnte man mit Wikingern verbinden, die Jahrhunderte vor Kolumbus mit Nordamerika handelten. Ein Hinweis auf das Alter der Skelette wäre hilfreich.

  4. Immer wieder offenbart sich das Problem, dass Historiker / Archäologen nur das untersuchen dürfen, was ihnen die gängige Lehre und Ideologie erlaubt.
    Das fing mit dem Problem an, Hochkulturen ausserhalb Europas zu entdecken, die es nicht geben durfte, weil wir ja das Zentrum aller Zivilisation kontrollieren.
    So wurde dann z.b. die Entdeckung der riesigen Granittempel in Indien, die vorislamischen Ursprungs waren, ein Jahrhundert lang verschwiegen.

    Nahezu aLle Theorien zur Besiedelung der Kontinente beruhen auf dem Dogma, dass die Menschen in früherer Zeit unbeweglich gewesen sein müssen, unfähig, Wasserflächen zu überwinden und behindert durch einen Mangel an Intelligenz und Lernfähigkeit.
    Bekannte Tatsachen werden schlichtweg ignoriert: etwa, dass von den Spaniern mithilfe der Polynesier ein Postdienst von (m.W.) Tahiti nach Manila auf den Phillipinen etabliert wurde: die Polynesier konnten die Strecke mit ihren Proas innerhalb weniger Tage überwinden.
    Wie will man begründen, dass diese Fähigkeiten nicht bereits 2 oder 4 Jahrtausende früher bestanden?

    Bis zum kalten Krieg war es für die Eskimos Alaskas eine Selbstverständlichkeit, ihre Verwandten jenseits der Beringsee zu besuchen.

    Ausserdem: mit einem ordentlich gebauten Boot - historisch dokumentiert mindestens seit gut 3000 Jahren durch die Phönizier der Antike - ist es kein sonderliches Problem, in der Passatzone den Atlantik zu überqueren.
    Erklärungsbedürftig wäre, wenn und warum dies nicht geschehen sein sollte.

    3 Leserempfehlungen
  5. 10000 vor Christus wurde Göbekli Tepe errichtet, 3000 vor Christus errichtete man in England Stonehenge, 2500 v. Chr. die Cheops Pyramide in Ägypten, 700 v. Chr fing man in China zum ersten mal an eine Mauer zu bauen, und
    unsere Entwicklung der Moderne hat maximal 3000 Jahre gedauert, aber das älteste von "Menschen" errichtete Gebäude ist in Chichibu Japan ausgegraben worden, eine Hütte - knappe 500.000 Jahre alt...

    Eine einfache Frage: was bliebe von einer Gesellschaft, die genau so modern ist wie Europa vor der Industrialisierung nach 100, 200.000 oder 300.000 Jahren übrig?

    Wäre es also wirklich verwunderlich, wenn Menschen auf der Kolumbusroute dort hin gekommen wären...

    Eine Leserempfehlung
  6. Noch einmal ergänzend:
    bekannt ist aus unserer Zeit etwa der Däne Knud Rasmussen, der vor ca. 100 Jahren eine Anzahl von Expeditionen im Bereich Nordgrönlands unternahm.
    Die längste seiner Expeditionen führte vom Norden Grönlands über das Meer und die Arktis Kanadas bis nach Alaska - mit Hundeschlitten, ohne Unterstützung von außen.

    Die Technik, auf der seine Fahrten basierten, war die der Eskimos. Welchen guten Grund hätte man, anzunehmen, dass die nicht bereits vor z.B. 4000 Jahren entwickelt war und den Eismeervölkern, die die nördlichen Küsten von Europa über Sibirien bis nach Grönland besiedelten, nicht den Weg von Ost nach West und umgekehrt ermöglicht hätten?
    Bekannt sind auch Expeditionen von Eskimovölkern BEVOR diese mit Europäern in Kontakt kamen?

    Auch von den Chinesen ist Amerika in voreuropäischer Zeit besucht worden und eine Reihe von Indizien weisen darauf hin, dass die Phönizier, die über ausgeprägte neutische Kenntnisse und Erfahrungen verfügten, ebenfalls häufig den Atlantik überquerte, wie heute eine große Zahl von Kleinbooten Jahr für Jahr. Der Irrweg Thor Heyerdahls, mit einem untauglichen Flußboot transozeanische Fahrten zu machen, kann das nicht widerlegen.

    Warum man so wenig darüber weiß? Die europäischen Chronisten und Historiker interessieren sich nicht für die Kulturleistungen fremder, außereuropäischer Völker, sie ignorieren sie meist, da sie ihrer Grundannahme widersprechen, Entwicklung von Kultur habe ihren Ausgang, ihr Zentrum in Europa.

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