Die meisten deutschen Kinder lernen Justus Georg Schottelius schon in der Grundschule kennen – ohne es zu merken. Nämlich dann, wenn sie von Einzahl und Mehrzahl hören oder vom Hauptwort und dessen Geschlecht. Sie alle hat der barocke Sprachwissenschaftler eingedeutscht, ebenso wie den Doppelpunkt, der bis dahin Kolon hieß. Sein Strichpünctlein allerdings setzte sich nicht recht durch; es blieb beim Semikolon. Und die Zeitwörter, wie er die Verben taufte, heißen heute eher Tuwörter oder Tunwörter; Deutschlehrer können trefflich über Sinn und Unsinn dieses N streiten.

Ein streitbarer Zeitgenosse war auch Schottelius. Er fürchtete den Untergang der deutschen Sprache: "Die Nymphe Germania stirbt, und zwar im Bewusstsein, dass ihre seit Jahrtausenden rein erhaltene Sprache von ihren Kindern geschändet, befleckt, beschmiert, zerstückelt, verdreht und zerschnitten wird", lamentiert er in seiner Lamentatio Germaniae exspirantis von 1640. Er beklagt ein Übermaß an Fremdwörtern und einen liederlichen Umgang der Deutschen mit ihrer Muttersprache.

Schottelius hält vor allem mit seinen sprachwissenschaftlichen Werken dagegen; das wichtigste erscheint 1663: die Ausführliche Arbeit von der teutschen Haubtsprache. Viele der darin festgehaltenen Erkenntnisse über die Linguistik und Grammatik des Deutschen wirken bis heute nach.

Er erkennt zum Beispiel, "daß eine jede Sprache eine gewisse und nur eine wenige Anzahl Stammwörter habe gegen der grossen Menge derer Dinge so da unterschiedlich zubenahmen seyn". Soll heißen: Um die vielen Dinge in der Welt benennen zu können, den Freigeist und den Dickwanst, den Landtag und den Hauptmann (seine Beispiele), bedienen wir uns aus einem kleinen Bestand von Stammwörtern. Die wiederum setzen wir zu neuen Begriffen zusammen, teils mithilfe von "Vorwörtern", zu denen wir heute Vorsilben oder Präpositionen sagen.

Aus Schottel wird Schottelius

Gegen die Fremdwortliebe seiner Zeit stellt Schottelius Listen von Eindeutschungen auf: Das Säkulum wird bei ihm zum Jahrhundert, die Komödie zum Lustspiel, um zwei der nachhaltigsten Beispiele zu nennen. Er findet allerdings nicht jeden fremdsprachigen Ausdruck verwerflich, er akzeptiert zum Beispiel den Doktor und die Universität, den Kometen und die Religion, das Parlament und das Dekret.

Schottelius folgt der Gelehrtensitte seiner Zeit darin, dass er seinen Namen latinisiert: Eigentlich heißt er schlicht Schottel, als er vor 400 Jahren am 23. Juni 1612 geboren wird. Schon sein Vater allerdings neigt als lutherischer Pfarrer zum Lateinischen. Die Familie lebt in der einst wohlhabenden Hansestadt Einbeck im südlichen Niedersachsen, wo Justus Georg Schottel die Ratsschule besucht. Nach dem Tod des Vaters 1626 beginnt er eine Lehre erst als Handwerker, dann als Krämer, die er bald abbricht.

Schon mit 17 Jahren verdient sich der Pfarrerssohn seinen Lebensunterhalt mit Nachhilfestunden und Schreibarbeiten und finanziert sich so den Besuch erst des Gymnasiums Andreanum in Hildesheim, dann ein Studium an der Universität Helmstedt, wo er sich 1628 immatrikuliert. Später studiert er am Akademischen Gymnasium in Hamburg und an den Universitäten Groningen, Leiden und Wittenberg.