"Machtergreifung" ist ein gängiger Begriff für den Prozess, an dessen Ende Adolf Hitler 1933 Reichskanzler ist. Ganz so, als hätten die Deutschen mit dem gescheiterten Kunstmaler aus Österreich wenig zu tun. Ganz so, als sei er unverhofft aus Braunau am Inn herangezogen wie ein Gewitter und habe die Macht mal eben ergriffen, um Europa ins Unglück zu stürzen.

Am 31. Juli 1932 geben 37,3 Prozent der Deutschen in freien Wahlen ihre Stimme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), mehr als ein Drittel also. Spätestens jetzt ist Hitler nicht mehr nur ein Hinterzimmer-Schwadroneur, der es mit dem Antisemitismus ein wenig übertreibt. Er ist noch nicht der "Führer", aber er führt schon die stärkste Fraktion im Reichstag.

Noch fataler allerdings ist, wen die Deutschen nicht gewählt haben: demokratische Parteien. Die SPD (21,6) hat Stimmen verloren, weil sie die nationalkonservative Regierung von Reichskanzler Heinrich Brüning toleriert. Das katholische Zentrum (12,4 Prozent), die nationalliberale DVP (1,2) und die einst linksliberale, aber nach rechts gerückte DstP (die frühere DDP, 1 Prozent) stehen zur Verfassung, die Bayerische Volkspartei (3,2 Prozent) größtenteils auch, trotz eines starken rechten Rands. Sie alle sind geschrumpft.

Gewachsen sind dagegen die Kommunisten (KPD, 14,3 Prozent), die eine Diktatur der Arbeiterklasse nach marxistischer Doktrin anstreben. Undemokratisch ist auch die Deutschnationale Volkspartei (DNVP, 5,9 Prozent): Sie will ihren Kaiser Wilhelm wieder haben, hat sich aber der NSDAP angenähert.

Die Gegner der Demokratie können jede Koalition blockieren: "Weimarer Verhältnisse", wie die Reichsverfassung von 1919 sie immer wieder hervorbringt. Sie enthält keine Sperrklausel wie die Fünf-Prozent-Hürde der Bundesrepublik; die Wahl vom Juli 1932 bringt 14 Parteien in den 608 Sitze starken Reichstag. Und sie enthält keine Handhabe gegen verfassungsfeindliche Parteien.

Die Sturmabteilung der NSDAP, die Prügeltruppe in braunen Hemden, hat die Regierung Brüning im April 1932 immerhin verboten. Doch Reichspräsident Paul von Hindenburg lässt den Kanzler, der ohne Parlamentsmehrheit nur per Notverordnung regieren kann, im Mai fallen und beauftragt Franz von Papen mit der Bildung einer Regierung unter Duldung der NSDAP. Die erreicht als Bedingung ein Ende des SA-Verbot.

Von Papens Kabinett regiert nur vier Junitage, dann setzt von Hindenburg Neuwahlen an. Der kurze Wahlkampf ist von einer Brutalität, die mit Demokratie wenig zu tun hat. NSDAP-Schläger, der Rotfrontkämpferbund der KPD und das vor allem sozialdemokratische Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold liefern sich Saal- und Straßenschlachten, sogar Schießereien. Am Altonaer Blutsonntag, dem 17. Juli, kommen bei Hamburg 18 Menschen zu Tode. Allein in Preußen sterben im Juni und im Juli 1932 mehr als 100 Menschen in Folge politischer Gewalt.