Haben sie nun oder haben sie nicht? Die Diskussion unter Paläoanthropologen ist zurück, ob Neandertaler und die direkten Vorfahren aller heute lebenden Menschen nun miteinander Sex hatten oder nicht. Seit Jahren streiten sich Wissenschaftler, ob sich Homo neanderthalensis und Homo sapiens mehr als nur getroffen haben könnten. Sicher ist nur, dass beide Arten der Gattung Mensch zumindest eine gewisse Zeitspanne vor 100.000 bis 50.000 Jahren gemeinsam auf der Erde lebten, wie Knochenüberreste belegen. Archäologen haben die Fossilien einst im Nahen Osten ausgegraben.

Vor zwei Jahren präsentierte dann Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie die "wissenschaftliche Sensation", wie es damals mancher Archäologe nannte. Er und sein Team hatten das Erbgut des Neandertalers mit dem Genom des modernen Menschen verglichen . Und siehe da: "All jene von uns, die außerhalb Afrikas leben, tragen ein kleines bisschen Neandertaler in sich", sagte Pääbo damals. Die plausible Schlussfolgerung: Beide Menschenarten hatten untereinander Geschlechtsverkehr, ehe sich Homo Sapiens in Europa und Asien verteilte.

Zwischen ein und vier Prozent unserer DNA stamme demnach vom Frühmenschen. Der Biologe Andrea Manica von der britischen Universität Cambridge und sein Kollege Anders Eriksson bezweifeln nun, ob dieser genetische Fingerabdruck im menschlichen Erbgut tatsächlich ein Beleg für den Vorfahren-Sex mit dem Neandertaler ist. "Die Muster, die wir im Neandertaler-Genom sehen, sind keineswegs außergewöhnlich", sagt Manica. Vielmehr seien sie ein Überbleibsel eines gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und modernem Menschen. "Falls sich beide überhaupt vermischt haben sollten – was schwer zu beweisen ist – dann nur geringfügig und wohl sehr viel seltener, als behauptet wird."

Unterschätzte Pääbo die Unterschiedlichkeit von getrennten Bevölkerungen?

Manica und Eriksson stützen ihre These auf ein Computermodell, mit dem sie zunächst das Erbgut moderner Menschen verglichen. Dabei berechneten sie, wie sehr sich die genetischen Merkmale getrennt voneinander lebender Bevölkerungen ähneln. Anschließend simulierten sie mit diesen Daten die genetische Ausstattung größerer Bevölkerungen – rückblickend auf die vergangenen 500.000 Jahre.

Ihre Annahme: Pääbo und sein Team haben 2010 unterschätzt, dass die afrikanischen Urahnen des modernen Menschen keine homogene Gruppe gewesen seien. Sie hätten sich auch unterschieden, "etwa so, wie man noch heute Nord- und Südeuropäer am Aussehen auseinanderhalten kann", sagte Manica dem britischen Guardian . Seine Analyse berücksichtige dies und zeige: Moderner Mensch und Neandertaler hatten einen gemeinsamen Vorfahren vor einer halben Million Jahre.

"Manche Archäologen würden diesen Vorfahren wohl als Homo heidelbergensis bezeichnen", sagt Manica. Dieser Frühmensch würde schließlich die wenigen Prozent genetische Übereinstimmung im Genom des modernen Menschen und des Neandertalers erklären. Die Idee von einer starken Vermischung beider Arten sei damit dahin. Ihre Ergebnisse veröffentlichten Manica und Eriksson im Magazin PNAS .