Kreuz zum Gedenken an Peter Fechter, aufgestellt am Tag nach seinem Tod (1962)

Die Westberliner wollen sich nicht an die Mauer durch ihre Stadt gewöhnen, auch ein Jahr nach deren Bau nicht. Zum ersten Jahrestag am 13. August 1962 demonstrieren sie gegen die Teilung der Stadt. Aber schon werden Meldungen über Schüsse an der Grenze, über misslungene Fluchtversuche zur Routine. 38 Todesopfer zählt die Westberliner Polizei.

Am Nachmittag des 17. August der 39. Mensch: Peter Fechter, geboren 1944 in Berlin-Weißensee, gelernter Maurer aus einfachen Verhältnissen. Mit seinem Kollegen Helmut Kulbeik verbindet ihn nicht nur die Arbeit beim Wiederaufbau des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Palais' Unter den Linden. Sie teilen auch das Unbehagen über das Leben in der DDR.

Als Fechter seine Schwester im Westen besuchen will, lehnt die Kaderleitung des Volkseigenen Betriebes Ingenieurhochbau Berlin seinen Reiseantrag ab. Und das, obwohl der Arbeiter sich nichts hat zuschulden kommen lassen: "Kollege F. ist ein williger und fleißiger Facharbeiter. Bummel- und Fehlstunden fallen bei ihm nicht an", steht in seiner Kaderakte.

Fechter und Kulbeik streifen immer wieder durch die Straßen in der Nähe der Mauer, suchen nach einer Schwachstelle in den Grenzanlagen. Sie entdecken in der Schützenstraße ein leer stehendes Ruinengebäude. Die Stasi findet später aber "keinerlei Anzeichen eines vorbereiteten Grenzdurchbruchs". Kulbeik bestätigt, es sei ein spontaner Beschluss gewesen, nach der Mittagspause an diesem verhängnisvollen Freitag nicht zur Baustelle zurückzukehren, sondern sich in der Ruine umzuschauen. Sie wissen: Wenn sie in dem Grenzhaus erwischt werden, müssen sie ins Gefängnis. Auf Strümpfen schleichen sie durch die Tischlerwerkstatt im Erdgeschoss.

In einem Lagerraum finden sie ein nicht zugemauertes Fenster. Es führt hinaus zur Zimmerstraße. Nur die Fahrbahn trennt sie von der Mauer. Plötzlich hören die beiden 18-Jährigen Stimmen. Sie springen aus dem Fenster, rennen los. Schüsse krachen hinter ihnen. Kulbeik springt auf die Mauer, zwängt sich durch den Stacheldraht. Sein Gefährte habe gezögert, erinnert er sich später, wohl unter Schock. Kugeln treffen Fechter in Lunge und Bauch. Er bricht am Fuß der Mauer zusammen. Es ist kurz nach 14 Uhr.

Fast 50 Minuten liegt Fechter an der Mauer

Fechter lebt noch. Er blutet. Er schreit. Polizeibeamte aus dem Westen klettern auf eine Leiter und fragen den Verletzten nach seinem Namen. Hinüber zu steigen, dem Sterbenden zu helfen, das wagen sie nicht. Vom rund 100 Meter weiter gelegenen Checkpoint Charlie kommt ein US-Leutnant herüber. "Not our problem", soll er gesagt haben. Washington verbietet seinen Soldaten strikt jede Fluchthilfe.

Schaulustige eilen herbei, Passanten, Arbeiter aus nahen Textilbetrieben. Aus den Fenstern des Axel-Springer-Verlages schauen Drucker und Redakteure auf die Szene. Sprechchöre erklingen in Richtung Volkspolizisten: "Mörder!" Verbandspäckchen fliegen über die Mauer, doch die West-Polizisten halten jeden zurück, der Fechter helfen will. Auch die Vopos holen Fechter nicht aus der Todeszone. Nach DDR-Lesart fürchten sie die Waffen der Beamten aus dem Westen, die drohend auf sie gerichtet gewesen seien. Ermittlungen nach der Wende geben "Desorganisation und Konfusion seitens der verantwortlichen Offiziere" die Schuld.

Fast 50 Minuten lang liegt Fechter an der Mauer. Bald sind Fotografen und Kameraleute da, dokumentieren seine Todesqual. Er schreit nicht mehr, er wimmert, verstummt. Als DDR-Grenzer den Flüchtling endlich unter dem Schutz von Nebelkerzen bergen und ins Volkspolizei-Krankenhaus bringen, können die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen.