Die lesbaren Schriftzeichen auf diesem Papyrusfragment deuten auf eine mögliche Ehefrau von Jesus Christus hin. © Karen L. King

ZEIT ONLINE:  Herr Theißen, amerikanische Forscher haben ein antikes Stückchen beschrifteten Papyrus entdeckt. Der Text darauf deutet an, dass der historische Jesus verheiratet gewesen sein könnte . Wird die katholische Kirche darauf reagieren?

Gerd Theißen: Nein, denn sollte das Fragment echt sein, stammt es aus einer Zeit lange nach Jesus' Tod . Es zeigt also nur, dass ein Evangelium aus dem zweiten Jahrhundert Maria Magdalena als Jesus' Frau deutet. Damit ist es höchstens ein weiteres Mosaikstück des historischen Bildes von Jesus. Es lässt Spekulationen zu. Aber ein Beweis dafür, dass er tatsächlich verheiratet war, ist es nicht. Das kann die katholische Kirche natürlich dagegenhalten. Außerdem wurden die religiösen Gruppen – von denen das Schriftstück anscheinend stammt – schon öfters als Ketzer abgetan.

ZEIT ONLINE: Es spielt also keine Rolle, ob es echt ist oder nicht?

Theißen: Die katholische Kirche wird jedenfalls keine konkreten Konsequenzen ziehen. Außerdem ist es auch möglich, dass es sich bei dem Papyrus um eine Fälschung handelt: Es gibt viele, die unzufrieden sind mit der Stellung der Frau in der Kirche. Denen würde ein solches Schriftstück entgegenkommen. Aber das ist reine Spekulation.

ZEIT ONLINE: Das Schriftstück ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass Maria Magdalena die Ehefrau von Jesus gewesen sein könnte.

Theißen: Es gibt zumindest Überlieferungen, die beschreiben, dass Maria Magdalena Jesus als Jüngerin gefolgt ist, dass er sie geheilt hat und, dass sie bei seiner Kreuzigung anwesend war. Im Lukas-Evangelium heißt es, Maria Magdalena habe seine Füße gesalbt. Ihr Name wurde später zu einer Verschmelzung mehrerer Frauengestalten.

ZEIT ONLINE:Laut der Übersetzungen der koptischen Schriftzüge steht auch auf dem Papyrusfetzen, dass Jesus Maria Magdalena für "fähig" hielt, sein Jünger zu sein – spricht das nicht dagegen, Frauen von Priesterämtern auszuschließen?

Theißen: Dagegen spricht vieles, nicht nur das Schriftstück. Es ist zum Beispiel wahrscheinlich, dass es auch weibliche Apostel gab: In Römer 16,7 wird zum Beispiel die Apostelin Junia erwähnt, aus der in der Einheitsübersetzung ein männlicher Junias wurde. Die katholische Kirche hat dieses Argument also weggebügelt. Außerdem sagte schon Paulus, dass alle Menschen – ob Sklaven, Frauen oder Fremdstämmige – vor Gott gleich sind. Was in der Bibel steht, ist aber nicht die letzte Autorität für die katholische Kirche. Und im Grunde ist das ja auch richtig: Alles sollte man nicht wörtlich nehmen. Dennoch ist es eine Tragödie, wie sich die Kirche dadurch festfährt. Zuerst einmal sind es doch die Menschenrechte, die dagegen sprechen, Frauen von Priesterämtern auszuschließen.

ZEIT ONLINE: Warum, meinen Sie, hält die katholische Kirche dennoch an dieser Tradition fest?

Theißen: Weil sie sehr an ihren sichtbaren Elementen und Riten hängt. Dass jeden Sonntag ein männlicher Priester die Predigt hält, ist nun einmal ein Ritual. Außerdem neigte die katholische Kirche schon immer dazu, auf äußere Bedrängnisse mit Konservativismus zu reagieren: Sie besinnt sich auf die eigene Tradition und ist auf diese Weise immun gegen Gegenbewegungen. Das kann auch gut sein – zum Beispiel hat sich die Kirche so ja auch gegen die Einflüsse des Nationalsozialismus wehren können, indem sie an ihren Grundsätzen festhielt.