Frühmensch LucyUnsere Vorfahren liefen aufrecht und schwangen sich durch Bäume

Kletterkünste stecken in den Schultern: Neue Analysen von Knochenresten zeigen, dass die frühesten Vorfahren des Menschen ebenso gern am Boden wie auf Bäumen lebten. von 

Seit Langem sind sich Wissenschaftler uneins, wie Australopithecus afarensis – einer unserer frühesten Vorfahren – eigentlich vor 3,7 bis 2,9 Millionen Jahren lebte. Besonders bekannt wurde ein Skelett der Spezies, das 1974 in Äthiopien entdeckt wurde – benannt nach John Lennons Lucy in the Sky With Diamonds . War Lucy nun zeitlebens eine Kletterin oder so wie wir nur in aufrechtem Gang auf dem Boden unterwegs?

Funde eines Mittelfußknochens im vergangenen Jahr lieferten bereits den Beweis für den aufrechten Gang von Lucy und ihren Artgenossen. Wozu sollte A. aferensis dann auch noch Bäume erklimmen? Nun berichten Anthropologen im Magazin Science von neuen Hinweisen auf die körperlichen Fähigkeiten der Frühmenschen. Sie untersuchten fossile Schulterknochenreste genauer.

Anzeige

Je nachdem, wie eine Schulter benutzt wird, ändert sich auch die Form des Schulterblatts. Bei Affen ist das Schultergelenk besonders nach oben hin geöffnet, sodass sie auch artistisch kopfüber klettern können. Die Schultern des modernen Menschen sind eher horizontal ausgerichtet und damit gut angepasst an unseren aufrechten Lebensstil. Die Schulter-Überbleibsel der Australopitheken ähneln in ihrer Struktur aber eher denen eines Affen, besonders von Gorillas. Auch sie sind schräg nach oben geöffnet in Richtung Oberarm.

Auf den Spuren des Menschen

Als Homo sapiens ist der Mensch heute die einzige lebende Homo-Art aus der Familie der Hominidae, der Menschenartigen. Die meisten Hominiden sind keine direkten Vorfahren des Menschen, sondern entwickelten sich als Seitenlinien der Evolution. Derzeit wird von sieben verschiedenen Arten der Gattung Homo ausgegangen, die einst gelebt haben sollen. Ob es sich dabei aber tatsächlich um verschiedene Arten handelt, oder ob eine Art besonders unterschiedliche Eigenschaften ausprägte, ist Gegenstand intensiver Diskussion. Ein Überblick nach Alter:

4,4 Millionen Jahre – Ardipithecus ramidus: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen und ist weit mehr von den Affen entfernt, als bislang vermutet.

3,2 Millionen Jahre – Australopithecus afarensis: 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Hominiden gilt.

2,1 bis 1,8 Millionen Jahre – Homo rudolfensis: Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die affenartigen Vormenschen, die Australopithecinen, und nutzte wohl auch schon Werkzeuge. Er könnte einer der direkten Vorgänger des modernen Menschen sein

2,1 bis 1,5 Millionen Jahre – Homo habilis: Alle Knochenfunde stammen aus Ostafrika, dieser Frühmensch könnte zur gleichen Zeit wie Homo rudolfensis und Homo erectus gelebt haben.

2.000.000 bis 500.000 Jahre

1,8 bis 2 Millionen Jahre – Australopithecus sediba: Die in einer Höhle der südafrikanischen Region Sterkfontein gefundenen Fossilien eines Jungen und einer Frau könnten eine Übergangsform zwischen den Australopithecinen und den Frühmenschen darstellen.

1,8 Millionen bis 300.000 Jahre – Homo erectus: Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugene Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.

500.000/780.000 Jahre – Homo heidelbergensis: Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Spanien 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art gefunden und Werkzeuge. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas.

160.000 bis heute

120.000 bis 10.000 Jahre – Homo floresiensis: Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur einen Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Es gilt als umstritten, ob er eine eigene Art ist oder ein kleinwüchsiger Homo sapiens.

40.000 Jahre – Homo neanderthalensis: Ein Fund von 1856 in der Feldhofer-Grotte im Neandertal stellt den Beginn der Forschung zur Evolution des Menschen dar.

30.000 Jahre Denisovan hominins:In einer Höhle in Sibirien fanden Archäologen 2008 versteinerte Fingerknochen und einen Backenzahn, dessen Erbgut weder zu dem der Neandertaler, noch zu dem der Homo sapiens passte. Forscher nannten diesen neu entdeckten Frühmensch Denisovan - nach seinem Fundort, der Denisovan-Höhle.

160.000 Jahre – Homo sapiens: Die bislang ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die erst 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.

Die Interpretation dieser anatomischen Besonderheiten für die oberen Extremitäten ist aber weniger klar als die des Fußknochens. Bisher dachte man allerdings, dass die typische Klettererschulter der Urmenschen auch allein ihrer geringen Körpergröße geschuldet sein könnte. Dies haben David Green von der amerikanischen Midwestern University und Zeresenay Alemseged von der Kalifornischen Wissenschaftsakademie nun widerlegt. Während kleine Menschen im Erwachsenenalter auch heute noch eher eine nach oben hin ausgerichtete Schulter haben, war bei den menschlichen Vorfahren schon im Kindesalter eine solche angelegt.

Unsere früheren Vorfahren scheinen demnach aktive Baumkletterer gewesen zu sein, zum Beispiel um sich vor Raubtieren zu schützen oder vor ihnen zu fliehen. Homo erectus , der 1,8 Millionen Jahre später lebte, hatte bereits ein menschenähnliches Schulterblatt, das gut für horizontale Bewegungen ist. Ein Hinweis darauf, dass diese Spezies ihren Überlebensvorteil nicht mehr im Schutz von Baumkronen suchte, sondern durch den Gebrauch von Werkzeugen sicherte.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Toll jetzt wissen wir es. Und wozu ist das gut?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich finde es interessant, somit hat die Forschung zumindest einen ihrer zahlreichen Zwecke erfüllt.

    Aber ist klar, in unserer Gesellschaft ist nur das etwas wert, was unmittelbar zu Geld, Kohle, Cash führt.

    Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Horizont der Bevölkerungsmehrheit mittlerweile besorgniserregend zusammengeschrumpft ist. Fußball, Bier, Chips und BILD. Mehr braucht der Mensch nicht, um zufrieden zu sein.

    • porph
    • 26. Oktober 2012 10:07 Uhr

    Wenn wir uns das jedes Mal gefragt hätten, würden wir auch heute noch auf den Bäumen leben.

    :-)

  2. Ich finde es interessant, somit hat die Forschung zumindest einen ihrer zahlreichen Zwecke erfüllt.

    Aber ist klar, in unserer Gesellschaft ist nur das etwas wert, was unmittelbar zu Geld, Kohle, Cash führt.

    Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Horizont der Bevölkerungsmehrheit mittlerweile besorgniserregend zusammengeschrumpft ist. Fußball, Bier, Chips und BILD. Mehr braucht der Mensch nicht, um zufrieden zu sein.

    Antwort auf "Freizeitgestaltung"
  3. "Kletterkünste stecken in den Schultern" und wir Bürotiere habe Rückenprobleme. Alles eine Frage des Trainings!

    • porph
    • 26. Oktober 2012 10:07 Uhr

    Wenn wir uns das jedes Mal gefragt hätten, würden wir auch heute noch auf den Bäumen leben.

    :-)

    Antwort auf "Freizeitgestaltung"
    • Flari
    • 26. Oktober 2012 10:48 Uhr

    ..könnte man damit sehr gut den Fussgängerverkehr in Innenstädten entzerren.

    • the raw
    • 26. Oktober 2012 10:58 Uhr

    "Unsere früheren Vorfahren scheinen demnach aktive Baumkletterer gewesen zu sein, zum Beispiel um sich vor Raubtieren zu schützen oder vor ihnen zu fliehen. Homo erectus, der 1,8 Millionen Jahre später lebte, hatte bereits ein menschenähnliches Schulterblatt, das gut für horizontale Bewegungen ist. Ein Hinweis darauf, dass diese Spezies ihren Überlebensvorteil nicht mehr im Schutz von Baumkronen suchte, sondern durch den Gebrauch von Werkzeugen sicherte."

    Oder: Um Fruechte und Blaetter von den Bauemen zu holen als Nahrungsaufnehme, waehrend spaeter auf Fleischkonsum umgestiegen wurde, mid den Werkzeugen.
    Das beweist mal wieder dass wir eigentlich veganer sind, die auf Baueme klettern um unsere Nahrung aufzunehmen anstatt uns Waffen zu bauen um Tiere abzuschlachten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cafbad
    • 26. Oktober 2012 12:16 Uhr

    Zitat "Oder: Um Fruechte und Blaetter von den Bauemen zu holen als Nahrungsaufnehme, waehrend spaeter auf Fleischkonsum umgestiegen wurde, mid den Werkzeugen.
    Das beweist mal wieder dass wir eigentlich veganer sind, die auf Baueme klettern um unsere Nahrung aufzunehmen anstatt uns Waffen zu bauen um Tiere abzuschlachten."

    Nein. Das "beweist" nun wirklich gar nichts. Sie formulieren eine alternative Hypothese für die frühmenschliche Kletterfähigkeit, die bereits einen Satz später zum Beweis mutiert. Das ist keine redliche Argumentation. Dass Ihre Hypothese hinkt, zeigt sich im Übrigen auch daran, dass ja nun jede Menge Pflanzenfresser keineswegs Kletterkünste ausgebildet haben - Klettern und pflanzliche Ernährungsweise stehen also nicht zwingend in einem Zusammenhang.

    Davon abgesehen. Welche Rolle sollte es spielen, womit sich unsere Vorfahren ernährt haben? Wir sind keine Australopithecinen, sondern gehören einer Gattung an, die sich viel später entwickelt hat. Oder erklären wir jetzt das Klettern zum "eigentlich Menschlichen" und fangen an, uns durch die Lüfte zu schwingen (trotz dafür ungeeigneter anatomischer Ausstattung)?

    Das beweist nur das der Australopithecus - ein Frühmensch der näher mit dem Affen verwandt war, als mit dem Homo sapiens - sich durch Bäume bewegte und Blätter gegessen hat.
    Doch der Mensch musste sich weiter entwickeln um zum Stand Homo Sapiens zu gelangen, dazu gehört auch die Jagd, es gab 2 mio Jahre vor Christus leider noch kein Tofu oder Nahrungsergänzungsmittel, Proteine und Eiweiße mussten auf bewährte Art herbeigebracht werden.

    Zum anderen hatte der Australopithecus afarensis ein Gehirn so groß wie das eines Schimpansen, selbst wenn es die Jagd gab, wäre er nicht in der Lage gewesen sie auszuüben.

    Noch heute leben indigene Völker in Südamerika auf Bäume, und ernähren sich dennoch von Fleisch, auf Bäumen ist man nämlich sicher vor Hyänen und anderen Raubtieren, jene Raubtiere die 4 mio v. Chr. mehr als präsent waren.

    dass unsere früheren Vorfahren sich vielleicht mal vorwiegend pflanzlich ernährt haben, das dann allerdings geändert haben.
    Unsere späteren Vorfahren waren nach dieser Änderung ganz klar Allesfresser.
    Gibt das heutigen Veganern ein Argument? Etwa dafür, näher an unseren früheren Vorfahren sein zu wollen?

    • Acrux
    • 26. Oktober 2012 14:29 Uhr

    Primatenspezies informieren. Schimpansen jagen sogar aktiv. Weit weniger aufwaendig als Menschen, aber es gibt keinen Grund, zu vermuten Australopithecinen seien da aus der Art geschlagen.

    Andererseits ist das "Umsteigen" sicher so drastisch auch nicht gewesen, der Mensch hat sich auch als Jaeger-Sammler immer mehr von pflanzlicher Kost als von Fleisch ernaehrt.

    • cafbad
    • 26. Oktober 2012 12:16 Uhr

    Zitat "Oder: Um Fruechte und Blaetter von den Bauemen zu holen als Nahrungsaufnehme, waehrend spaeter auf Fleischkonsum umgestiegen wurde, mid den Werkzeugen.
    Das beweist mal wieder dass wir eigentlich veganer sind, die auf Baueme klettern um unsere Nahrung aufzunehmen anstatt uns Waffen zu bauen um Tiere abzuschlachten."

    Nein. Das "beweist" nun wirklich gar nichts. Sie formulieren eine alternative Hypothese für die frühmenschliche Kletterfähigkeit, die bereits einen Satz später zum Beweis mutiert. Das ist keine redliche Argumentation. Dass Ihre Hypothese hinkt, zeigt sich im Übrigen auch daran, dass ja nun jede Menge Pflanzenfresser keineswegs Kletterkünste ausgebildet haben - Klettern und pflanzliche Ernährungsweise stehen also nicht zwingend in einem Zusammenhang.

    Davon abgesehen. Welche Rolle sollte es spielen, womit sich unsere Vorfahren ernährt haben? Wir sind keine Australopithecinen, sondern gehören einer Gattung an, die sich viel später entwickelt hat. Oder erklären wir jetzt das Klettern zum "eigentlich Menschlichen" und fangen an, uns durch die Lüfte zu schwingen (trotz dafür ungeeigneter anatomischer Ausstattung)?

    Antwort auf "Nahrung"
  4. was die Vorfahren gern taten, sie zeigen bestenfalls was sie oft oder selten taten.
    Nicht dass uns da die Kategorien verrutschen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Affe | Frühmensch | Lebensstil | Sky | Äthiopien
Service