Sie verströmen einen eigentümlichen Zauber, diese ersten Filme der Kinogeschichte: Hutträger spielen Karten, ein Baby wird gefüttert, eine Mauer abgerissen. Der erste Slapstick: ein Gärtner wässert die Blumen, ein anderer stellt sich auf den Schlauch, gibt das Wasser frei, als der andere verwundert in die Röhre schaut. Der erste Trickfilm: eine Tänzerin, das Kleid mühsam Einzelbild für Einzelbild handkoloriert, in magisch changierenden Farben. Und der allererste öffentlich für Geld gezeigte Film: Arbeiter, die aus den Fabrikhallen der Société Lumière kommen, mit diesen immer etwas zu schnellen, zappelnden Bewegungen.

Société Lumière, "Licht-Gesellschaft": Hinter dem poetischen Namen, der so gut passt zur leuchtenden Zauberkraft des Kinos, verbirgt sich Ende des 19. Jahrhunderts ein gewöhnlicher Industriebetrieb in Lyon. Der Name ist ganz prosaisch der des Gründers, Claude Antoine Lumière. Der Stadtteil Hollywood in Los Angeles war gerade erst im Entstehen.

Lumières Söhne, Auguste und Louis, erfinden an einem Samstag kurz nach Weihnachten das Kino. Im Indischen Salon des Grand Café in Paris präsentieren sie am 28. Dezember 1895 erstmals erfolgreich bewegte Bilder vor zahlendem Publikum. Auguste Lumière wird zum ersten Filmstar: Einer der ersten Filme zeigt, wie er und seine Frau ihr Baby füttern. Beim Abriss einer Mauer führt er quasi Regie, dirigiert die Arbeiter an ihre Plätze.

Vor 150 Jahren wurde Auguste Lumière geboren

Vater Claude Antoine Lumière ist Maler in Besançon. Er erkennt schnell die Möglichkeiten der Fotografie. Als er sich auf das neue Medium verlegt, kann er seinen sechs Kindern Privatschulen und Hauslehrer bezahlen. Was zumindest bei Auguste, der am 19. Oktober 1862 das Licht der Welt erblickt, auch nötig ist; den Unterricht an der staatlichen Schule findet er furchtbar.

1870 zieht die Familie nach Lyon. Der Vater gründet ein Unternehmen, das fotografische Platten herstellt, doch sein Geschäftssinn hält sich in Grenzen. Zwar entwickelt Louis eine neue Emulsion aus Silberbromid in Gelatine, die der Firma hilft. Doch Vater Lumière verspekuliert sich, zieht sich 1892 aus der Société Lumière zurück.

Die Söhne übernehmen. Louis ist für die Technik zuständig, Auguste mehr für die ökonomische Seite. Seinen Memoiren zufolge sieht er in einem Kaufhaus das von der Firma Edison entwickelte Kinetoskop, eine Art Guckkasten, in dem eine Endlos-Filmschleife läuft – und erkennt, wie viel lukrativer es wäre, die bewegten Bilder einer zahlenden Menge zu zeigen.