Der verstorbene britische Historiker Eric Hobsbawm im Jahr 1976 © Wesley/Keystone/Getty Images

Aus Niederlagen klug zu werden, gehört zu den schwierigen Aufgaben jedes Intellektuellen. Der große deutsche Historiker Reinhart Koselleck hat einmal untersucht, wie Geschichtsschreibung von Siegern und von Verlierern funktioniert und dabei festgestellt, dass die Unterlegenen langfristig die weiseren und klügeren Deuter der Vergangenheit sind: "Die Erfahrung des Besiegtwerdens enthält Erkenntnischancen, die ihren Anlass überdauern."

Der große britische Historiker Eric Hobsbawm , der 95-jährig in der Nacht zu Montag in einem Londoner Krankenhaus einer Lungenentzündung erlag, war so ein kluger Verlierer – und hat übrigens Kosellecks Meinung darüber ausdrücklich geteilt. Zwei große Niederlagen hat er erleben müssen: Da wäre zum einen der Untergang der Weimarer Republik, den der junge Kommunist in Berliner Straßenkämpfen erlebte. Zum anderen war es der Untergang des Weltkommunismus 1989, den er als Zeuge in der Ferne miterleben musste. Zwar war da Hobsbawm längst zum aufgeklärten Marxisten geläutert, der mit den Parteimachthabern des Ostblocks nichts zu tun hatte – sein Parteibuch der britischen KP allerdings, der er seit 1936 trotz aller Kritik angehörte, behielt er bis zur Auflösung dieser Splitterpartei 1991, sei es aus Nostalgie, sei es aus Achtung vor einem Menschheitstraum.

Geboren wurde der wortmächtige Linksintellektuelle mit seinem eindrucksvollen Charakterkopf – zerknittertes Gesicht, wilde Haare, große Ohren, dicke Brille und Lippen – im ägyptischen Alexandria 1917 – auch so ein Epochenjahr des 20. Jahrhunderts, dem der Historiker später sein berühmtestes Buch – nach der Niederlage 1989 – Das Zeitalter der Extreme (1995) widmen sollte. Der Titel dieses Weltbestsellers wurde so geflügelt wie Hobsbawms Wort darin vom "kurzen 20. Jahrhundert". Damit meinte er jene Epoche zwischen 1917 und 1991, im Unterschied zum "langen 19. Jahrhundert", das für ihn 1789 begann und eben 1917 endete.

Dass ein Zeitzeuge die Geschichte seines Jahrhunderts aufschreibt, kommt selten vor. Für Hobsbawm selbst war es zunächst einfach die Fortsetzung seines wissenschaftlichen Hauptwerks: die Geschichte der kapitalistischen Welt, so wie sie seit der französischen Revolution entstanden war. Drei Bände hatte er darüber schon geschrieben: The Age of Revolution 1789-1848 (1962), The Age of Capital 1848-1875 (1975), The Age of Empire 1875-1914 (1987). Entscheidend war bei Hobsbawm stets die Verknüpfung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im globalen Zusammenhang – doch anders als viele Sozialhistoriker, die vor lauter Statistiken den Leser vergessen, konnte Hobsbawm brillant und anschaulich schreiben; fast alle seine Bücher wurden auch ins Deutsche übersetzt. In jungen Jahren arbeitete er regelmäßig für diverse Zeitungen als Jazzkritiker; diese Musik blieb seine Leidenschaft.

Ein linker Außenseiter im liberalen Großbritannien

Die akademische Karriere war auch im liberalen Großbritannien für einen Linken nicht einfach. Der Außenseiter, der von 1936 bis 1939 in Cambridge Geschichte studiert hatte, lehrte seit 1947 zunächst am Birkbeck College in London , erst 1971 bekam er die längst überfällige Professur. Da war er bereits gern gesehener Gast an den Universitäten in aller Welt; seit 1984 lehrte er an der New Yorker New School of Social Research. Profiliert hatte er sich bereits in den fünfziger Jahren als Mitgründer der renommierten Fachzeitschrift Past & Present , die die Geschichtswissenschaft von links aufwirbelte. Hobsbawm und andere, wie sein Kollege E.P Thompson, setzen die Erforschung von Arbeitern, Unterschichten und sozialer Rebellion auf die Tagesordnung. Und er widmete sich auch noch einem anderen Krisengebiet des Kapitalismus: der Entstehung des Nationalismus in all seinen gefährlichen Folgen.

An seinem Lebensende hatte dieser Außenseiter schließlich doch eine beeindruckende Karriere hinter sich: Hochgeehrt mit zahllosen Preisen in aller Welt war er zum vielleicht wichtigsten Historiker weltweit geworden – mit einer weltweit gehörten Stimme. Denn dieses Orakel aus London analysierte das Scheitern des bisherigen Kommunismus ebenso wie er den Kapitalismus weiterhin von links kritisierte – von seinem marxistischen Blick auf Geschichte und Gegenwart wollte dieser Historiker nie lassen. Noch seine kürzlich auf Deutsch erschienene Essaysammlung Wie man die Welt verändert vereint scharfsinnige Texte von ihm, die in seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit Marx und dem orthodoxen Marxismus entstanden ( Hanser Verlag , München 2012).

Wer nach den Gründen von Hobsbawms unerschütterlichem Antikapitalismus fragt, stößt unweigerlich auf seine Jugend, die er in seiner lesenswerten Autobiografie Gefährliche Zeiten (deutsch 2002) geschildert hat. Nach dem frühen Tod seiner Eltern in Wien lebten er und seine Schwester seit 1931 bei Verwandten in Berlin ; der jüdische Schüler am Prinz-Heinrich-Gymnasium erlebt die Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten. Eric wurde Mitglied im Sozialistischen Schülerbund und erlebte begeistert die letzte kommunistische Demonstration im Januar 1933, bevor er im Frühjahr mit seiner Schwester nach England ging. Die Wirren der Weltwirtschaftskrise hatten ein demokratisches, zivilisiertes Land erst in Massenarmut und dann in den Abgrund gestürzt – die liberale kapitalistische Ordnung konnte fortan für Hobsbawm keine beruhigende Perspektive mehr sein; zu offensichtlich schien ihm der Kapitalismus stets gefährdet, in Barbarei zu kippen.

Dieser Meinung blieb er zeitlebens treu und sie war in den letzten Jahren wieder stärker gefragt, als die Finanz- und Wirtschaftskrise der Welt erneut die Risiken ihrer ökonomischen Ordnung vor Augen führte. Eric Hobsbawm war ein Mann, der tief aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts herstammte, als Kind des abenteuerlichen, gefährlichen Kontinents namens Europa : "ein Antispezialist in einer Welt voller Spezialisten, ein polyglotter Kosmopolit, ein Intellektueller, dessen politische Einstellung und akademische Arbeit sich den Nichtintellektuellen widmete". So hat er sich selbst einmal zutreffend charakterisiert. Mit ihm hat die Welt einen ihrer bedeutendsten kritischen Intellektuellen verloren, ewiger Rebell und gelehrte Instanz zugleich. Auch seinen Gegnern wird dieser Genosse fehlen.