GrammophonAls Musik ihre Flüchtigkeit verlor

Emil Berliner hat die Musik revolutioniert. Mit seinem vor 125 Jahren patentierten Grammophon zogen Orchester aus den Konzertsälen in die Wohnzimmer ein. von 

Ein Grammophon, hier als Requisite in einem Theaterstück 1934 in London

Ein Grammophon, hier als Requisite in einem Theaterstück 1934 in London  |  © Sasha/Getty Images

"Wenn es regnet, spielt im Pavillon / Ein vergrämtes altes Grammophon / Niemand stellte es seit Jahren ein / Doch wenn es regnet, spielt es von allein." Georg Kreisler besang so herrlich nostalgisch den Aufzieh-Schallplattenspieler mit Schalltrichter. Den kennen Menschen heute nur noch aus dem Museum, aber um die Jahrhundertwende war er eine Novität, die die Geschichte der Musik revolutionierte.

Mit dem Grammophon wurden Klänge reproduzierbar wie einst Texte dank Gutenbergs Buchdruck. Interpretationen, sogar Improvisationen ließen sich nun konservieren, Musik verlor ihre Flüchtigkeit. Und sie wurde demokratisch: Das Orchester kam aus dem Fürstenschloss ins bürgerliche Wohnzimmer und mit der Zeit, als die Geräte billiger wurden, sogar in die Arbeiterkneipe. Tragbare Grammophone waren sogar beim Picknick im Grünen dabei.

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Am 8. November 1887 erhielt Emil Berliner sein US-Patent auf das Grammophon , ein Abspielgerät für Tonaufzeichnungen auf runden Scheiben. Seine Zeit hatte eine Vorliebe für Markennamen aus dem Griechischen: Grammophon bedeutet in etwa "aufgeschriebener Ton".

Mit Ruß überzogene Glasplatte

Es ist beileibe nicht das erste Tonabspielgerät . Bereits 1857 wird erstmals eine Stimme aufgezeichnet . Und schon seit einem Jahrzehnt arbeitet der Phonograph ("Tonschreiber") von Thomas Alva Edison mit Wachszylindern. Doch Berliners Erfindung lässt sich leichter vermarkten, denn die Scheiben sind handlicher und eignen sich zur Massenproduktion.

Bei Edison schneidet die Nadel beim Aufnehmen verschieden tiefe Rillen ins Wachs. Bei Berliner wird die Schallenergie in horizontale Ausschläge umgesetzt, mit denen eine Stahlnadel über eine sich drehende und dick mit Ruß überzogene Glasplatte fährt. Von dieser kann Berliner eine Zink-Platte gießen, die als Stempel zur Pressung weiterer Platten dient.

Berliner, 1851 in Hannover geborener Sohn jüdischer Geschäftsleute, geht 1870 in die USA , um nicht im Krieg Deutschlands gegen Frankreich dienen zu müssen. Er finanziert sich mit Gelegenheitsarbeiten ein Studium. Das Startkapital für seine Grammophon-Produktion verdient er vor allem mit mehreren Patenten für das noch unausgereifte Telefon, die er an die Firma des Erfinders Alexander Graham Bell verkauft.

Berliner entwickelt sein Grammophon weiter, ersetzt die Glas- durch eine mit Wachs überzogene Kupferplatte, in die er im Säurebad die Rille ätzt. Für die Vervielfältigung erprobt er Zelluloid und Hartgummi. Seine Platten vermarktet er zunächst als Spielzeug – wohl auch, weil die Tonqualität so schlecht ist, dass sie sich für ernsthafte Sprach- oder gar Musikwiedergabe kaum eignen. Unter anderem die Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik (die später unter dem Namen Schildkröt mit Puppen und Tischtennisbällen bekannt wurde), presst Platten für kleine Handkurbelgeräte und Sprechpuppen.

Leserkommentare
    • Sarein
    • 11. November 2012 0:08 Uhr

    da ich vor kurzem erst damit anfing, Schellackplatten zu hören. Und muss mal wieder zustimmen damals gabs bessere Musik, die es auch lohnte aufgneommen zu werden.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Musik | Georg Kreisler | Patent | Großbritannien | Kanada | USA
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