TutanchamunMumien-Jäger, ein Fluch für jeden Pharao

Nach gut 3.000 Jahren war es für Tutanchamun vorbei mit der Totenruhe. Hobby-Archäologe Howard Carter stapfte ins Grab des Pharaos. Eine bis heute gruselige Geschichte von 

Es ist eine Szene wie aus einem Indiana-Jones-Film, vor 90 Jahren im Tal der Könige in Ägypten: Der Archäologe Howard Carter schlägt ein Loch in die Tür einer Gruft. Luft strömt heraus, lässt die Kerze flackern, die er davor hält, um Faulgase zu entdecken. Er blickt in eine Grabkammer. Was er sehe, fragen die hinter ihm Stehenden. Er wispert: "Wunderbare Dinge!"

Die Schätze im Grab des Tutanchamun befeuern die Fantasie der Zeitgenossen. Carters Finanzier, Lord Carnarvon, schließt einen Exklusivvertrag mit der britischen Times: Die Geschichte des toten Pharao und seiner Entdeckung ist einer der ersten Medien-Hypes der Geschichte – mitsamt der Mär vom Fluch, der die Eindringlinge angeblich verfolgt. In der Zeit der Grabungen gab es unter Ausgräbern, Helfern und Touristen einige Todesfälle. Statistisch kann man nicht von einer Häufung von Todesfällen sprechen. Dennoch wird bis heute spekuliert, ob der Tod nicht doch aus der Gruft kam, die ihre Erbauer so gerne für die Ewigkeit versiegelt hätten.

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Besonders plausibel schien die Schimmelpilz-Theorie. Als Sporen fliegen diese Krankheitserreger überall in der Umwelt herum – auch in Tutanchamuns Grab fand man welche einer besonders aggressiven Gattung. Dass listige Ägypter solche Pilze absichtlich in den Grabkammern ansiedelten, um Plünderer aus der Zukunft zu vergiften, ist nicht ausgeschlossen. Sicher ist jedoch, dass so eine antike Biowaffe Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr gezündet hätte: Auf keinen Fall können Pilzsporen Jahrtausende in einer trockenen Gruft überleben, sagen Forscher.

Fliegenklatschen waren nur eine von vielen Grabbeigaben

Bis heute zieht jede Ausstellung mit Fundstücken aus der Grabkammer das Publikum in den Bann. Was gaben die Ägypter ihrem Pharao nicht alles mit ins Totenreich: Möbel, Handschuhe, Pfeile, Hocker, Truhen, Parfumdosen, Fliegenklatschen, Streitwagen und die Totenmaske mit der Kobrakrone – insgesamt mehr als 5.000 Objekte. Auch zwei Leichen von Frühgeborenen sind dabei, in prachtvolle kleine Särge gebettet: Tutanchamuns Kinder.

Howard Carter ist eher Schatzgräber denn Ägyptologe: Der Brite hat nie studiert. Gegen seine Laufbahn ist die des Indiana Jones geradezu konventionell. Carter, 1874 als Sohn eines Tiermalers geboren, arbeitet als Zeichner erst im British Museum und dann für Ägypten-Forscher. Dabei lernt er Hieroglyphen, Grundlagen der Grabungstechnik und der Geschichte Ägyptens. Das reicht damals, um Oberinspektor der Altertümerverwaltung am Nil zu werden.

Als er das Grab Tutanchamuns entdeckt, ist er allerdings schon einige Jahre freiberuflich tätig: Die französisch dominierte Altertümerverwaltung hatte ihn zuvor gefeuert, weil er sich mit betrunkenen französischen Touristen angelegt hatte. Nun jobbt er als Zeichner und Dolmetscher, bis er auf den Earl von Carnarvon trifft. Auch der ist eine Figur wie aus einem Steven-Spielberg-Film: Der Adlige bereist Südamerika, Südafrika, Australien und Japan, sammelt Kunst und besitzt eines der ersten in England zugelassenen Autos.

Tutanchamun: Der Pharao

Seit einer DNA-Analyse 2010 gilt als bewiesen, dass Tutanchamun der Sohn des Echnaton war, jenes Pharao, der den Sonnengott zum Herrscher über alle anderen Götter und sich selbst zum Hohepriester erhob und damit quasi den Monotheismus erfand. Er ließ mit seiner Frau Nofretete eine prächtige Residenzstadt errichten, Achetaton. Nach seinem Tod verfiel die künstliche Wüstenmetropole in der Nähe des heutigen Amarna bald wieder.

Echnatons Sohn hieß eigentlich Tutanchaton, "lebendiges Abbild des Aton". Er bestieg nach einer Zwischenregentschaft – möglicherweise Nofretetes – den Thron, als er noch ein Kind war. Die Priester, die Echnaton entmachtet hatten, brachten den Sohn unter Kontrolle. Der Aton-Kult verlor an Stellenwert, der Pharao ließ die alten Tempel wieder errichten und änderte seinen Namen in Tutanchamun, zu Ehren eines anderen Gottes. Der Hof zog aus Achetaton nach Memphis.

Sein Tod

Computertomografische und andere Untersuchungen ergaben, dass Tutanchamun im Alter zwischen 18 und 20 Jahren starb. Anhand der Blumen im Grab wird als Bestattungsdatum der Frühling vermutet.

Frühere Annahmen, der Pharao sei durch einen Schlag auf den Kopf getötet worden, gelten als widerlegt, doch es fanden sich mehrere Beinbrüche. Es könnte sein, dass Tutanchamun bei einem Jagdunfall verletzt wurde und an den Folgen starb. Möglich ist aber auch, dass er an Malaria litt.

Der Fluch

Als Lord Carnarvon fünf Monate nach dem Öffnen der Gruft stirbt, entsteht der Mythos vom Fluch des Pharao.

Tatsächlich hat der Lord sich beim Rasieren einen Moskitostich aufgeschnitten und infiziert; der ohnehin lungenkranke Kettenraucher stirbt an einer Lungenentzündung.

Die Teilnehmer der Graböffnung und andere, die Kontakt mit der Mumie haben, sterben größtenteils mit 70 bis 80 Jahren, im Schnitt werden sie sogar etwas älter als die durchschnittliche Lebenserwartung der Zeit.

Selbst nicht aus armem Hause, heiratet der Earl eine Erbin der Bankiersfamilie Rothschild. Nachdem er sich 1901 bei einem Autounfall schwer verletzt, verbringt der Earl, oft schlicht Lord Carnarvon genannt, der Gesundheit wegen den Winter häufig in Ägypten und entwickelt eine Liebe zur Archäologie. 1909 heuert er Carter als Grabungsleiter an, sie entdecken mehrere Tempel und Gräber.

1914 muss der US-Amerikaner Theodor M. Davis – auch er kein studierter Archäologe, sondern Anwalt und Millionär – aus gesundheitlichen Gründen seine Grabungslizenz für das Tal der Könige zurückgeben. Lord Carnarvon übernimmt das Feld. Das Tal mit seinen 25 erforschten Gruften gilt vielen als ausgereizt, doch Carter bleibt optimistisch. Er behält Recht: Am 4. November 1922 findet er eine Treppenstufe. Er legt den versiegelten Eingang frei und schüttet, so erzählt er es zumindest, alles wieder zu, um auf seinen Sponsor zu warten.

Leserkommentare
  1. Die Bestrebungen des Howard Carter, das Grab des Teenie-Pharao doch noch zu finden, sie waren nur möglich, solange sein Gönner, der reiche Lord Carnavon samt Gemahlin den Geldbeutel zückten. Das aber ließ sich auf Dauer nicht ohne den einen PR-Gag oder faulen Trick sicherstellen. So kam auch das Märchen vom sagenhaften "Fluch des Pharao" zustande, der eigentlich ja gar nichts dafür konnte, dass der Carter so ein armer Hund war.

    Eine Leserempfehlung
    • Leotse
    • 27. Februar 2013 16:32 Uhr

    Dann ist doch alles super, er war ein Punk, deswegen gibt es jetzt in europäischen Museen Pharaonenschätze für Alle zu sehen.
    Sobald das Zeug aus den Grabkammern raus ist, ist es eh verloren, ich bezweifle, dass sehr viel davon nochmal 3000 Jahre durchkommt, dafür braucht es schon eine unentdeckte Grabkammer. Wer weiß denn, was während der ägyptischen Revolution so verloren ging, als das ägyptische Museum Kairo vorrübergehend fast unbewacht war und später vom Militär kontrolliert wurde. Und bei der nächsten wird es noch schlimmer.
    3000 Jahre weiß niemand, dass es solch einen Schatz gibt, dann wissen es alle und die Menschheit hat für einige Hundert Jahre Erkenntnis und Freude daran und danach weiß wieder niemand davon - für immer. Deswegen ist es völlig unerheblich, ob die Schätze von "Mumienjägern", Wissenschaftlern oder Mickey Maus gefunden werden.

    Eine Leserempfehlung
    • Menina
    • 07. April 2013 22:12 Uhr

    "Auch zwei Leichen von Frühgeborenen sind dabei, in prachtvolle kleine Särge gebettet: Tutanchamuns Kinder."
    (Quelle: dieser Artikel)

    "Da Tutanchamun jung gestorben ist und keine Nachkommen hinterließ …"
    Quelle: http://www.zeit.de/wissen...

    • Quarry
    • 11. April 2013 20:16 Uhr

    Erst denken dann tippen, die Frühgeborenen waren tot, als er starb keine lebenden Kinder also keine Nachkommen....

  2. Habt ihr auch das neue P.M. Perspektive gelesen ?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Pharao | Ägypten | Australien | England | Großbritannien | Japan
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